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»Was soll die Waffe, Kevin? Wir haben auch so schon genug Probleme.«

»Ich bin auf der Flucht«, erklärte Kevin. »Im Labor hat eine Gegenrevolution stattgefunden – die wollen uns alle einsperren. Ich lasse mich doch nicht festnehmen, nein danke. Auf Ärger mit den Behörden kann ich wirklich verzichten.«

»Na schön, reden wir nicht mehr vom Revolver. Haben Sie Geld?«

»Ja, schon. Eine ganze Menge. Ich hab mir heute Morgen erlaubt, die Hotelkasse leerzuräumen.«

»Gut. Wären Sie so nett, dem Burschen dreihundert Dollar zu geben? Die hab ich ihm versprochen.«

»Klaro.« Kevin zog eine prallvolle Reisetasche hinter dem Fahrersitz hervor. Er blickte Greta an, die sich auf dem Rücksitz im vergeblichen Bemühen, eine bequemere Lage zu finden, hin und her wälzte. »Wo haben Sie denn Ihre Schuhe gelassen, Dr. Penninger?«

»Die sind im Pickup«, stöhnte Greta. Sie war sehr blass.

»Ich kümmere mich drum«, meinte Kevin. »Sie sind beide nicht auf dem Damm.« Kevin humpelte zum Pickup zurück, wechselte ein paar freundliche Worte mit Dewey und reichte ihm einen dicken Packen flabbriger Dollarnoten. Mit Gretas Schuhen kam er zurück, ließ den Motor an und fuhr los, weg von Buna. Dewey blieb am unkrautüberwucherten Straßenrand zurück, mit ungläubigem Grinsen in den Geldscheinen blätternd.

Kevin warf einen Blick auf den billigen chinesischen Navigationsbildschirm, der mit einem schwarzen Saugnapf am Armaturenbrett befestigt war. Dann kurbelte er feierlich das Fahrerfenster hinunter und warf Gretas Schuhe hinaus. »Ich glaube, es ist an der Zeit, zu erklären, wie ich Sie gefunden habe«, sagte Kevin. »Ich habe Ihre Schuhe verwanzt, Dr. Penninger.«

Oscar verarbeitete die Neuigkeit, dann sah er auf seine Füße hinunter. »Auch meine Schuhe?«

»Ja, die auch, aber bloß mit Kurzdistanzsendern. Ohne Audio-Übertragung.«

»Sie haben mir Abhörgeräte in die Schuhe eingebaut?« krächzte Greta.

»Ja. Nichts für ungut. Außerdem war ich nicht der einzige, der daran gedacht hat. In den Absätzen und Nähten Ihrer Schuhe waren sechs weitere Wanzen versteckt. Und zwar sehr hübsche Dinger – ich vermute, das haben Leute getan, die um einen viel größeren Einsatz spielen als ich. Ich hätte sie alle entfernen können, aber ich hab mir gedacht… hey, so viele? Da muss es sich um ein Gentlemen’s Agreement handeln. Da stelle ich mich besser hinten an.«

»Das kann ich einfach nicht glauben«, sagte Greta. »Ich dachte, wir stünden auf derselben Seite.«

»Reden Sie mit mir?« sagte Kevin und kniff die Augen zusammen. »Ich bin sein Bodyguard. Niemand hat jemals behauptet, ich wäre Ihr Bodyguard. Haben Sie mir schon mal Gehalt gezahlt? Haben Sie jemals mit mir geredet? In meinem Universum kommen Sie gar nicht vor.«

»Beruhigen Sie sich, Kevin«, sagte Oscar. Er klappte die Sonnenblende herunter, warf einen Blick in den geborstenen Spiegel und entfernte behutsam blutigen Schorf aus dem Haar. »Es ist gut, dass Sie unter diesen schwierigen Umständen so große Tatkraft bewiesen haben. Das war ein schwerer Tag für die Kräfte der Vernunft. Jedenfalls bieten sich uns jetzt vielfältige Möglichkeiten. Ihretwegen haben wir die taktische Initiative zurückerlangt.«

Kevin seufzte. »Unglaublich, was für eine Scheiße Sie da abspulen, obwohl Sie gerade eins auf den Kopf gekriegt haben. Wissen Sie was? Unsere Lage ist beschissen, aber ich find’s prima, wieder unterwegs zu sein. Da fühl ich mich zu Hause. Verstehen Sie? Ich bin mein ganzes Leben lang in kaputten Wagen vor den Cops geflüchtet. Das alte Spiel… Es gibt immer wieder Rückschläge, aber es ist immer noch besser, als wenn sie einen zu Hause besuchen würden.«

»Berichten Sie, was im Labor passiert ist«, sagte Oscar.

»Also, ich hatte ja die Videos der Überwachungskameras und merkte, dass Sie nicht ans Telefon gingen, und man hatte die Schuhe von Dr. Penninger verwanzt, da konnte ich mir denken, dass man Sie gekidnapped hatte. Also lass ich das Notebook stehen und gucke mal aus dem richtigen Fenster. Die Mannschaft des Sheriffs schleicht herum, um drei Uhr morgens. Gar nicht gut… Zeit für Plan B, den diskreten, kontrollierten Rückzug.«

»Und da haben Sie das Hotel ausgeraubt und sind geflüchtet?« fragte Greta und hob den Kopf.

»Er hat Kapital akkumuliert, um seinen Handlungsspielraum zu erweitern«, erklärte Oscar.

»Das war in Anbetracht der Umstände das Beste, was ich tun konnte«, meinte Kevin düster. »Denn es sah ganz danach aus, als wollte man die Führungsmannschaft aus dem Weg schaffen. Das ist die klassische Geheimdienstvorgehensweise. Ein Stamm, der große Probleme macht – der muss einen charismatischen Anführer haben. Als vernünftiger, moderner Cop will man ein Straßenmassaker möglichst vermeiden – das ist altmodisch, das macht einen schlechten Eindruck. Also nimmt man den großen Boss aufs Korn. Man schaltet ihn aus, verleumdet ihn irgendwie… Kindesmissbrauch bietet sich da an oder Zugehörigkeit zu einem Satanskult… Irgendeine üble Nachrede, von der was hängenbleibt… und wenn’s eng wird, entführt man ihn halt. Und während sich die Leute aus der zweiten Reihe noch wundern, wo die Bienenkönigin wohl sein mag, treibt man sie in die Enge. Wenn Mr. Wonderful irgendwann zurückkehrt, ist der Schwung weg. Sie geben einfach auf und zerstreuen sich.«

»Das würden sie bei uns niemals wagen«, sagte Greta. »Wir sind schließlich kein Mob, sondern Wissenschaftler.«

Kevin lachte. »Man spricht bereits über Sie beide. Das ist ein ausgewachsener Skandal. Sie sind gestern Nacht gemeinsam durchgebrannt und haben vorher noch die Kassen des Labors geplündert. Schrecklich peinlich für Ihre Freunde. Während sich Ihre Mitarbeiter und das Streikkomitee noch am Kopf kratzen, machen die Laborcops gegen Sie Stimmung. Weil niemand die Geschichte abstreitet, die sie in Umlauf bringen. Weil Sie nicht da sind, um sie richtigzustellen.«

»Also, das werde ich jetzt tun!« sagte Greta und stemmte sich mit gefesselten Händen hoch. »Ich gehe ins Labor und stelle mich vor sie hin.«

»Immer mit der Ruhe«, meinte Oscar. »Alles zu seiner Zeit.«

»Da befand ich mich also in einer üblen Lage«, fuhr Kevin fort. »Ich überlegte, wer wohl die Frechheit und den Mumm haben mochte, zwei so berühmte Leute zu kidnappen. Und dann diese vernichtenden Verleumdungen zu verbreiten…«

»Huey«, sagte Oscar.

»Wer sonst? Dann hab ich’s also jetzt mit Green Huey zu tun, weiter nichts, ja? Und wer soll mich gegen Huey unterstützen? Die Laborcops? Die stecken seit jeher mit Huey unter einer Decke. Die Polizei von Buna? Die kann man vergessen, die sind zu dämlich. Oder vielleicht die Texas Ranger? Die Ranger muss man ernst nehmen, aber sie würden mir nicht glauben, ich bin kein Texaner. Dann fiel mir Senator Bambakias ein – der Bursche ist vermutlich in Ordnung und mittlerweile ein ordentlich vereidigter Senator, aber leider momentan nicht ganz zurechnungsfähig. Also sacke ich die Chips ein und mache mich auf den Weg ins sonnige Mexiko. Aber bevor ich aufbreche, denke ich mir – was, zum Teufel, habe ich eigentlich zu verlieren? Ich werd den Präsidenten anrufen.«

»Den Präsidenten der Vereinigten Staaten?« fragte Greta.

»Ja, den. Und das hab ich auch getan.«

Oscar ließ sich das durch den Kopf gehen. »Wann haben Sie diesen Entschluss gefasst?«

»Ich habe heute Morgen um vier im Weißen Haus angerufen.«

Oscar nickte. »Hmmm. Ich verstehe.«

»Sie wollen doch nicht etwa behaupten, Sie hätten den Präsidenten persönlich gesprochen,« sagte Greta.

»Natürlich habe ich nicht mit dem Präsidenten gesprochen! Um vier Uhr morgens schläft der Präsident! Ich kann Ihnen sagen, wer um vier Uhr morgens im Nationalen Sicherheitsrat am Schreibtisch sitzt. Und zwar dieser brandneue junge Militäradjutant aus Colorado. Er gehört der Übergangsmannschaft an. Es ist sein erster Arbeitstag. Er hat die zweite Nachtschicht bekommen. Er ist ziemlich nervös. Bis jetzt hat er noch nie was Bedeutsames erlebt. Er ist nicht sonderlich erfahren. Und es ist auch gar nicht so schwer, an ihn heranzukommen – zumal ich ihn auf zwanzig bis dreißig Leitungen gleichzeitig anrufe.«