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»Ich fahre niemals ziellos herum«, erwiderte Oscar.

»Dann machen Sie einen Vorschlag, Mann. Wo sollen wir hin?«

»Wo befindet sich das nächstgelegene Camp der Moderatoren?«

9

Der Canton Market war in Texas seit 1850 Tradition. An jedem Wochenende vor dem ersten Montag des Monats versammelten sich Kaufleute, Sammler, Flohmarkthändler und Schaulustige aus einem Umkreis von mehreren hundert Meilen, um drei Tage lang um allen möglichen Krimskrams zu feilschen. Diese alte, tief verwurzelte Tradition war mittlerweile natürlich vollständig von den Prolonomaden vereinnahmt.

Oscar, Greta und Kevin fanden sich als Teil einer Autoschlange wieder, die sich der Behelfssiedlung näherte. In Kevins gemieteter Schrottkarre fügten sie sich unauffällig in den Verkehr ein: Tankwagen, Sattelschlepper, Zigeunerwohnwagen, winterlich vermummte Tramper am Straßenrand.

Oscar war zu Greta auf den Rücksitz geklettert, damit sie gegenseitig ihre Verletzungen versorgen konnten. Gretas Hände waren noch immer gefesselt, und Oscars Kopfwunde war gerade so eben verschorft. Sie saßen nebeneinander, während Kevin ein am Straßenrand erstandenes Sandwich mampfte und die beschlagene Windschutzscheibe freiwischte.

Gegenseitig ihre Verletzungen zu versorgen, war ein langwieriger, intimer Vorgang. Er umfasste das zärtliche Aufknöpfen von Hemden, vor jähem Schmerz angehaltenen Atem, mitfühlendes Zungeschnalzen und das extrasanfte Abtupfen mit antiseptischen Salben. Sie hatten beide so viel eingesteckt, dass sie unter normalen Umstände medizinische Versorgung und ein paar Tage Ruhe gebraucht hätten.

Vom Betäubungsgas hatten sie Schwindel und Kopfschmerzen zurückbehalten, die sich mit Schläfen- und Stirnmassage und behutsamen Küssen nur teilweise kurieren ließen.

Greta nahm ihre Schmerzen mit stoischer Gelassenheit hin. Sie nötigte ihm ihre persönliche Katerkur auf: sechs Aspirin, vier Acetaminophen, drei gehäufte Löffel Zucker und vierzig Mikrogramm rezeptfreie Lysergsäure. Sie ließ sich nicht davon abbringen, dass diese Mischung sie wieder ›aufpeppen‹ würde.

Gegen Abend bogen sie vom verstopften Highway ab und rasten über einen obskuren Feldweg Richtung Osten. Nach einer Weile hielten sie an und warteten. Binnen Stundenfrist stieß Yosh Pelicanos zu ihnen, der einen Mietwagen mit Satellitennavigation fuhr.

Pelicanos hatte an alles gedacht. Er hatte Laptops, Geldkarten, einen Verbandskasten, zwei Koffer voller Kleider, Spraypistolen aus Plastik, neue Telefone und nicht zuletzt einen nagelneuen Bolzenschneider von einem Meter Länge mitgebracht.

Kevin verfügte über die größte Erfahrung mit Polizeifesseln. Daher machte er sich mit dem Bolzenschneider an Gretas Handfesseln zu schaffen, während sich Oscar in Pelicanos’ geräumigem und piekfeinem Mietwagen umzog.

»Ihr seht aus wie Zombies. Ihr wisst hoffentlich, was ihr tut«, sagte Pelicanos düster. »Im Labor ist die Hölle los.«

»Wie wird unser Team mit der Krise fertig?« fragte Oscar, sich vorsichtig das Haar von der Platzwunde über dem Ohr abrasierend.

»Also, ein paar sind beim Streikkomitee, andere haben sich im Hotel eingeigelt. Wir können das Labor noch ungehindert betreten und verlassen, aber das wird nicht so bleiben. Die Laborpolizei wird versuchen, den Streik zu brechen. Die Polizei von Buna und die County-Sheriffs treiben sich am Hotel herum, und Gretas Komitee traut sich nicht, den Hochsicherheitstrakt zu verlassen… Die haben uns ganz schön am Wickel, Oscar. Unsere Leute sind völlig konfus. Es geht das Gerücht, ihr wärt Kriminelle, ihr hättet uns im Stich gelassen. Die Moral ist unter dem Nullpunkt.«

»Und wie hat die üble Nachrede eingeschlagen?«

»Also, dass ihr euch abgesetzt habt, das hat Wirkung gezeigt. Wenn’s um Sex geht, ist das ja auch nicht anders zu erwarten. Ich meine, im Grunde haben wir mit dem Outing doch ständig gerechnet. Es sind Fotos im Umlauf, die dich und Greta in dieser Bruchbude in Holly Beach zeigen.«

»Die Staatspolizei von Louisiana hat uns fotografiert«, seufzte Oscar. »Ich hab’s geahnt.«

»Der Sex-Skandal ist noch nicht bis in die seriöse Presse vorgedrungen. Ich hatte Dutzende von Anrufen, aber die Reporter können die Story nicht bestätigen. Das ist eine typische Sexgeschichte. Im Labor nimmt das niemand ernst. In Buna weiß bereits jeder, dass du mit Greta schläfst. Nein, der Veruntreuungsvorwurf wiegt da schon schwerer. Das ist todernst. Das Geld ist nämlich wirklich weg.«

»Wie viel hat er gestohlen?« fragte Oscar.

»Alles! Das Labor ist pleite. Das ist schlimm. Mehr als nur schlimm. Das geht über einen finanziellen Bankrott weit hinaus, denn auch sämtliche gespeicherten Daten sind zerstört. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Selbst die Backups wurden unlesbar gemacht. Das Computersystem kann nicht mal mehr addieren, es kann nicht updaten, es spuckt bloß Unsinn aus. Das ist die totale finanzielle Lobotomie.«

»Amerikanische Infokriegsviren«, meinte Oscar. »Die Huey im Luftwaffenstützpunkt erbeutet hat.«

»Klar, das musste was Militärisches sein.« Pelicanos nickte. »Damit wurden schon Regierungen gestürzt. Die Laborcomputer hatten keine Chance.«

»Wie lange wird es dauern, bis sie wieder laufen?«

»Das soll wohl ein Scherz sein. Kann ich etwa zaubern?« Pelicanos war ernstlich verletzt. »Ich bin bloß der Buchhalter! Ich kann doch nicht den Schaden reparieren, der bei einem militärischen Netzangriff entstanden ist! Außerdem glaube ich, dass ich überwacht wurde. Jede einzelne Datei, die ich in den vergangenen Monaten geöffnet habe, wurde ganz gezielt zerstört. Ich glaube, die haben sogar meinen Laptop angezapft – haben irgendwas eingebaut. Ich kann meinem persönlichen Rechner nicht mehr trauen. Nicht mal mehr auf meine gespeicherten Daten ist Verlass.«

»Na schön, Yosh, ich hab’s kapiert, das fällt nicht in dein Fach. Aber wer kennt sich damit aus? Wer kann uns helfen?«

Pelicanos überlegte angestrengt. »Also, zunächst einmal brauchst du ein großes Spezialistenteam von Computerforensikern, die den beschädigten Programmcode Zeile für Zeile durchgehen… Nein, vergiss es. Die Schäden aufzuspüren und zu lokalisieren würde Jahre dauern. Das würde ein Vermögen kosten. Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht, die Labordateien können wir abschreiben, die sind verloren. Billiger wäre es, das ganze Computersystem von einer Klippe ins Meer zu schmeißen und ganz von vorn anzufangen.«

»Ich glaube, jetzt hab ich’s begriffen«, sagte Oscar. »Huey hat die Laborfinanzen irreparabel geschädigt. Er hat ein staatliches Labor mit einer Netzattacke ruiniert, bloß um seine Leute vom Korruptionsverdacht reinzuwaschen. Das ist ungeheuerlich. Das ist entsetzlich. Der Mann hat kein Gewissen. Also, zumindest wissen wir jetzt, woran wir sind.«

Pelicanos seufzte. »Nein, Oscar, es ist noch viel, viel schlimmer. Die Leute von den Spin-offs sind seit jeher Hueys beste Verbündete. Sie wussten, dass sie gleich als nächste auf Gretas Entlassungsliste standen, daher haben sie heute Nacht rebelliert. Die Spin-off-Bande hat zum Gegenschlag ausgeholt. Sie haben das Spin-off-Gebäude abgesperrt und verbarrikadiert und feiern eine Rund-um-die-Uhr-Schredder-Orgie. Sie stehlen sämtliche Daten, derer sie habhaft werden können, und alles andere vernichten sie. Wenn sie fertig sind, werden sie geschlossen zu Hueys brandneuen Labors in Louisiana überlaufen. Und die anderen versuchen sie zum Mitkommen zu überreden.«

Oscar nickte, ließ die Neuigkeiten auf sich wirken. »Okay. Das ist Vandalismus. Behinderung der Justiz. Diebstahl und Zerstörung staatlicher Daten. Industriespionage. Die Spin-off-Leute sollten ausnahmslos festgenommen und die ganze Härte des Gesetzes zu spüren bekommen.«

Pelicanos lachte trocken. »Als ob das so einfach wäre.«

»Es ist noch nicht vorbei«, sagte Oscar. »Weil die Entführung nämlich gescheitert ist. Die taktische Initiative liegt wieder bei uns. Huey kennt unseren Aufenthaltsort nicht. Zumindest den sind wir los.«