»Und weiter? Wo sollen wir jetzt hin? Nach Boston? Washington?«
»Tja…« Oscar rieb sich das Kinn. »Hueys nächste Schritte liegen auf der Hand, nicht wahr? Er wird das Laboratorium ebenso zerschmettern wie die Luftwaffenbasis. Wegen der Infokriegsattacke haben wir kein Geld mehr. Schon bald werden die Arbeitsmaterialien und das Essen knapp werden… Dann lässt er eine Prolostreitmacht anrücken, die die herrenlose Einrichtung besetzt, und dann ist alles gelaufen.«
»Ja, so sieht es aus.«
»Er ist kein Übermensch, Yosh. Also, das nehme ich zurück – ich bin mir ziemlich sicher, dass Huey tatsächlich ein Übermensch ist. Aber er hat einen Fehler gemacht. Andernfalls würden Greta und ich jetzt in irgendeinem trostlosen Sumpf in einem Privatgefängnis schmachten.«
Gretas Handfesseln lösten sich mit einem so lauten Knacken, dass es selbst im Freien zu hören war. Greta öffnete die Wagentür, stieg aus Kevins Schrottkarre aus, streckte den verkrampften Rücken und lockerte die Schultern. Während Kevin den Bolzenschneider im Kofferraum verstaute, gesellte sie sich zu Oscar und Pelicanos. Sie blickte durch Pelicanos’ Wagenfenster und massierte sich die Handgelenke.
»Wie geht es weiter?« fragte sie.
»Das Überraschungsmoment liegt auf unserer Seite«, sagte Oscar. »Und das müssen wir nach Kräften ausnutzen.«
»Wann kann ich wieder ins Labor zurück? Ich möchte liebend gern wieder zurückkehren.«
»Das wirst du auch. Aber unsere Rückkehr muss von Pauken und Trompeten begleitet sein. Wir müssen das Labor angreifen und gewaltsam zurückerobern.«
Pelicanos starrte Oscar an, als habe dieser den Verstand verloren. Greta massierte sich mit ernster, besorgter Miene die eiskalten Arme.
»Das lässt sich schon eher hören!« erklärte Kevin und boxte in die Luft.
»Es ist machbar«, sagte Oscar. Er öffnete die Wagentür und trat in den kalten Winterwind hinaus. »Ich weiß, es klingt verrückt, aber überlegt mal. Greta ist nach wie vor die amtierende Direktorin. Die Laborpolizisten sind keine Elitekämpfer, sondern bloß Beamte.«
»Man kann von den Laborangestellten nicht verlangen, dass sie die Polizei angreifen«, entgegnete Greta. »Das werden sie nicht tun. Das wäre ungesetzlich, unmoralisch, unethisch, unprofessionell… und außerdem höchst gefährlich, hab ich Recht?«
»Eigentlich bin ich mir ziemlich sicher, Greta, dass deine Wissenschaftler liebend gern ein paar Cops zusammenschlagen würden, aber ich verstehe, was du meinst. Es würde viel zu lange dauern, diese harmlosen Intellektuellen so weit zu bringen, dass sie handgreiflich werden. Mein kleines Team von Politprofis, das sind auch nicht gerade erfahrene anarchistische Straßenkämpfer. Aber wenn es uns nicht gelingt, die Ordnung im Labor wiederherzustellen, und zwar heute noch, dann ist deine Verwaltung zum Untergang verurteilt. Und das Labor auch. Deshalb müssen wir ein Risiko eingehen. Diese Krise verlangt nach äußerster Entschlossenheit. Wir müssen das Labor in unsere Gewalt bringen. So wie die Dinge liegen, brauchen wir ein paar harte, revolutionäre Desperados.« Oscar holte tief Luft. »Also lasst uns zum Flohmarkt fahren und ein paar Schläger anheuern.«
Pelicanos’ properen Wagen ließen sie aus Sicherheitsgründen stehen und zwängten sich stattdessen in Kevins nicht zugelassene Schrottkarre. Dann fuhren sie los.
Die erste Herausforderung war eine Straßenblockade der Moderatoren, südlich von Canton. Die texanischen Prolos musterten sie neugierig. Oscars Hut war verrutscht und verbarg den Kopfverband nur notdürftig. Kevin war unrasiert und zappelig. Greta hatte die Arme verschränkt, damit man ihre wundgescheuerten Handgelenke nicht sah. Pelicanos sah aus wie ein Bestattungsunternehmer.
»Kommt ihr aus ‘nem anderen Bundesstaat?« fragte der Moderator, ein sommersprossiger halbwüchsiger Weißer mit blauem Plastikhaar, Kopfhörer, acht Halsketten mit Holzperlen, Handy und hirschlederner Fransenjacke. Die Beine steckten von den Knien abwärts in monströsen Eskimostiefeln aus flauschigem Plastik.
»Ja!« antwortete Kevin, begleitet von verschiedenen Geheimzeichen.
Der Moderator beobachtete amüsiert Kevins Verrenkungen. »Schon mal in Texas gewesen?«
»Wir haben vom Flohmarkt in Canton gehört«, versicherte ihm Kevin. »Der ist berühmt.«
»Könnte ich bitte fünf Dollar Parkgebühr haben?« Der Moderator steckte das Plastikgeld ein und pappte ihnen eine Plakette auf die Windschutzscheibe. »Folgt einfach den Piepsern von dem Aufkleber, der führt euch bis zum Parkplatz. Viel Spaß auf dem Markt!«
Sie fuhren langsam in das Städtchen ein. Canton war eine durchschnittliche osttexanische Stadt mit bescheidenen zwei- und dreistöckigen Gebäuden: Lebensmittelläden, Krankenhäuser, Kirchen, Restaurants. Auf den Straßen wimmelte es von seltsam gekleideten Passanten. Die gewaltigen Prolohorden machten einen äußerst gut organisierten Eindruck; sie ignorierten gelassen die Verkehrsampeln, bewegten sich aber grüppchen- und stoßweise, ein Volkstanz der Massen.
Kevin parkte auf einer winterbraunen Weide unter einer weit ausladenden Pinie. Sie stiegen aus. Die Sonne schien, doch es wehte ein unangenehmer Nordwind. Sie schlossen sich einer kleinen Gruppe an und näherten sich dem Rand des Marktes.
Das weitläufige Marktgelände wurde dominiert von den hoch aufragenden, in Zellbauweise errichteten Plastiktürmen. Allerlei zusammengebastelte Fluggeräte summten wie Mückenschwärme umher. Die größten Unterkünfte waren gewaltige polarisierte Zirkuszelte aus eigenartig riechender transparenter Plastikplane, die über hohe Masten gespannt war.
Kevin erstand von einem Deckenverkäufer vier Ohrclips. »Hier, legen Sie die an.«
»Warum?« fragte Greta.
»Vertrauen Sie mir, ich kenne mich an solchen Orten aus.«
Oscar klemmte sich den Clip ans linke Ohrläppchen. Das Gerät gab ein leises, wortloses Gebrabbel von sich, ähnlich dem Geplapper eines Dreijährigen. Solange er sich mit der Menge bewegte, blieb das Geplapper unverändert, eine eigentümlich beruhigende Begleitung, etwa wie der eingebildete Freund eines Kindes. Doch jedesmal, wenn er sich dem allgemeinen Strom entgegenstellte – wenn ihm irgendein Hinweis entgangen war –, wurde die Ohrfessel lästig. Hielt er den Verkehr lange genug auf, brüllte sie ihn an.
Irgendwo überwachte ein Rechner den Fluss der Menschen und kontrollierte sie mit sanften Hinweisen. Nach kurzer Zeit vergaß Oscar das leise Geplapper einfach; er nahm es nur noch unbewusst wahr. Die nonverbale, kindliche Nörgelei war so beharrlich, dass man sich leicht daran gewöhnte. Schon bald wichen sie Menschenansammlungen automatisch aus, noch ehe diese in Sichtweite kamen. Alle trugen Ohrclips, daher verteilte der Rechner die Menschen wie einen Schwarm Schmetterlinge.
Das Marktgelände wimmelte zwar von Menschen, doch die Menge bewegte sich erstaunlich flüssig. Vor den Imbissbuden standen kurze, geordnete Schlangen. Die Toiletten waren nicht blockiert. Es gingen keine Kinder verloren.
»Ich versuche mal jemanden aufzutreiben, mit dem wir ernsthaft reden können«, verkündete Kevin. »Wenn ich ein Treffen arrangiert habe, melde ich mich über Handy.« Er wandte sich um und humpelte davon.
»Ich helfe Ihnen«, sagte Oscar und schloss zu ihm auf.
Kevin wandte sich mit verkniffener Miene um. »Bin ich nun für Ihre Sicherheit verantwortlich oder nicht?«
»Natürlich sind Sie das.«
»Das ist eine Frage der Sicherheit. Wenn Sie mir helfen wollen, passen Sie auf Ihre Freundin auf. Sorgen Sie dafür, dass sie nicht schon wieder verschütt geht.«
Es ärgerte Oscar, dass Kevin ihn zur Persona non grata erklärte. Andererseits hatte er Verständnis für Kevins Vorbehalte – schließlich war Oscar als Einziger unter den vielen tausend Besuchern mit einem teuren Anzug samt passendem Hut und Schuhen bekleidet. Oscar war verdächtig auffallend.
Er blickte sich über die Schulter zum. Greta war bereits verschwunden.