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Karnes blinzelte. Er hatte eine Menge getrunken und war sich des Ernstes der Lage noch nicht vollständig bewusst. »Hören Sie, was Sie da sagen, ist völlig verrückt. Ein Arbeitsstreik ist eine Sache. Computerviren eine andere. Ein Netzkrieg ist wiederum etwas anderes. Das hier aber ist ein bewaffneter Umsturz. Man wird Sie festnehmen. Man wird Sie alle festnehmen.«

»Mitch, in dem Punkt bin ich ganz Ihrer Meinung. Ich bin Ihnen sogar ein Stück voraus. Ich bin bereit, mich den Behörden zu überstellen, sobald wir wissen, wer diese Behörden sind. Früher oder später werden sie hier auftauchen; auf lange Sicht wird sich alles klären. Aber bis dahin, Mitch, sollten Sie sich normal verhalten, okay? Alle Ihre Kollegen befinden sich in Gewahrsam. Wir haben die Krise im Griff. Das ist machbar. Wir lassen Ihnen was zu essen bringen, es gibt Doughnuts, Kaffee und Freibier. Wir spielen Binokel miteinander und tauschen Kriegserlebnisse aus. Wir beabsichtigen sogar, Besuche der Ehepartner zuzulassen.«

»Oscar, Sie können mich nicht festnehmen. Das ist ungesetzlich.«

»Mitch, beruhigen Sie sich. Sie haben es mit Dr. Penninger zu tun, mit der werden Sie sich doch einigen können! Klar können Sie auf das Prinzip pochen, wenn Sie unbedingt wollen. Aber was haben Sie davon, wenn Sie die ganze Nacht mit einem geladenen Gewehr in dem Wagen sitzen bleiben? Das ändert doch nichts. Es ist vorbei. Kommen Sie raus.«

Karnes stieg aus. Oscar holte ein Paar Handfesseln hervor, betrachtete die Plastikriemen, zuckte die Achseln und steckte sie wieder ein. »Die brauchen wir nicht, was meinen Sie? Wir sind erwachsene Menschen. Gehen wir.«

Karnes schloss sich ihm an. Sie verließen den Keller und gingen nebeneinander unter dem Kuppeldach her. Die Wintersterne schienen durchs Glas. »Ich habe Sie noch nie gemocht«, sagte Karnes. »Ich habe Ihnen von Anfang an misstraut. Trotzdem wirkten Sie immer ganz vernünftig.«

»Ich bin vernünftig.« Oscar klopfte dem Polizisten auf die Fliegerjacke. »Ich weiß, im Moment ist alles ein wenig durcheinander, Chief, aber ich glaube immer noch ans Gesetz. Ich muss bloß herausfinden, was es bedeutet.«

Nachdem er den ehemaligen Polizeichef in sicheren Gewahrsam genommen hatte, beriet Oscar sich mit Kevin und Greta in der requirierten Polizeistation. Die Nomadenmädchen hatten ihre niedliche Infiltrationskleidung abgelegt und wirkten nun authentischer: Sie trugen Webgürtel, Schlagstöcke und gekürzte Kampfanzüge. »Haben Sie die interne Verlautbarung bereits veröffentlicht?«

»Natürlich«, antwortete Kevin. »Ich habe sämtliche Telefone des Labors gleichzeitig angerufen, und Greta hat live gesprochen. Ihre Erklärung wurde gut aufgenommen, Oscar. Sie klang richtig…« – er zögerte – »beruhigend.«

»Beruhigend ist gut. Morgen hängen wir neue Plakate auf und erklären den Streik für beendet. Die Leute brauchen diese symbolischen Verschnaufpausen. ›Der Streik ist beendet.‹ Eine solche Ankündigung nimmt eine Menge Druck weg.«

Kevin ließ sich voller Begeisterung aus dem Ledersessel des Polizeichefs kippen und kroch auf allen vieren zu einem Schränkchen. Es war vollgestopft mit Telekommunikationsteilen, ein verstaubter Wald bunter Glasfaserleiter. »Ein hübsches altes Telefonsystem haben die hier! Es ist völlig verwanzt, aber einheitlich aufgebaut; es verfügt über zahllose coole alte Features, die nie jemand benutzt hat.«

»Warum wirkt das alles so schmutzig und vernachlässigt?« fragte Oscar.

»Ach, ich musste die Schränke umdrehen, um an die Kabel zu kommen. Ich hatte noch nie eine so totale Kontrolle über eine Schaltzentrale. Wenn ich ein paar Wochen hier verbringen könnte, würde es hier ticken wie ein Uhrwerk.« Kevin richtete sich auf, wischte sich den Staub von den Fingern. »Ich glaube, ich ziehe mal besser eine Polizeiuniform an. Hat jemand was dagegen, dass ich von nun an in Uniform rumlaufe?«

»Wozu soll das gut sein?« fragte Oscar.

»Also, die Nomadenmädchen tragen Uniformen. Und ich bin jetzt der Sicherheitschef, nicht wahr? Wie soll ich unseren Leuten Anweisungen geben, wenn ich selbst keine Uniform trage? Mit einem richtig coolen Polizeihut.«

Oscar schüttelte den Kopf. »Das ist die Frage, Kevin. Jetzt, da wir das Labor zurückerobert haben, müssen wir die kleinen Hexen so schnell wie möglich loswerden.«

Kevin und Greta wechselten Blicke. »Darüber haben wir uns gerade unterhalten.«

»Die Mädchen sind wirklich gut«, sagte Greta. »Wir haben das Labor zurückerobert, ohne dass jemand getötet wurde. Es ist immer gut, wenn ein Umsturz ohne Tote vonstatten geht.«

Kevin nickte eifrig. »Wir brauchen nach wie vor eine Streitmacht, Oscar. Im Spin-off-Gebäude hat sich eine gefährliche Bande von Huey-Contras eingeigelt. Deren Widerstand müssen wir an Ort und Stelle brechen! Das heißt, wir müssen schwere, nichttödliche Waffen einsetzen – Schwammpeitschen, Tränengas, Ultraschall-Megaphone… Mann, das wird ganz schön haarig.« Kevin rieb sich die Hände.

»Greta, hör nicht auf ihn. Wir können es uns nicht leisten, diese Leute ernsthaft zu verletzen. Wir haben das Labor wieder in unsere Gewalt gebracht, deshalb müssen wir uns auch verantwortungsbewusst verhalten. Wenn uns die Huey-Anhänger Ärger machen, werden wir reagieren wie eine ganz normale Behörde. Wir verkleben die Türen, unterbrechen ihre Telefon- und Computerleitungen und hungern sie aus. Eine Überreaktion wäre ein schwerer Fehler. Von nun an müssen wir bedenken, welchen Eindruck wir in Washington machen.«

Gretas Miene verdüsterte sich. »Ach, zum Teufel mit Washington! Die bringen doch nichts zuwege. Die können uns nicht schützen. Ich bin ihr Geschwätz leid.«

»Warte einen Moment!« sagte Oscar verletzt. »Ich bin aus Washington. Ich habe was zuwege gebracht.«

»Ja, du bist die einzige Ausnahme.« Sie massierte sich verärgert die mageren Handgelenke. »Nach dem gestrigen Vorfall weiß ich, womit ich es zu tun habe. Ich mache mir keine Illusionen mehr. Wir können niemandem vertrauen außer uns selbst. Kevin und ich werden die Schleusen einnehmen und die ganze Anlage dichtmachen. Oscar, ich möchte, dass du dich zurückziehst. Du solltest zurücktreten, ehe Washington dich feuert.« Sie stieß ihm ihre spinnenartigen Finger entgegen. »Nein, ehe man dich einlocht. Oder dich unter Amtsanklage stellt. Oder dich kidnapped. Oder dich einfach umbringt.«

Er blickte sie bestürzt an. Sie verlor die Kontrolle. Die Haut an ihren Wangen und an der Stirn war so straff gespannt wie bei einer frisch geschälten Zwiebel. »Greta, lass uns einen kleinen Spaziergang an der frischen Luft machen, was meinst du? Du bist erschöpft. Wir sollte uns mal vernünftig über die Lage unterhalten.«

»Kein Gerede mehr. Ich will mich nicht mehr länger verarschen lassen. Ich will mich nicht wieder unter Gas setzen und fesseln lassen. Da müssten sie schon mit Panzern anrücken.«

»Schatz, niemand verwendet mehr Panzer. Panzer sind zwanzigstes Jahrhundert. Die Behörden brauchen keine bewaffneten Streitkräfte mehr einzusetzen. Diese Phase hat die Gesellschaft überwunden. Wenn man uns hier vertreiben will, wird man…«

Oscar brach unvermittelt ab. Bislang hatte er sich noch keine Gedanken über die Optionen gemacht, welche den Behörden zur Verfügung standen. Die Optionen der Behörden wirkten auf den ersten Blick nicht sonderlich vielversprechend. Greta Penninger – und ihre Verbündeten – hatten soeben ein gepanzertes biologisches Labor erobert. Die Anlage war explosionsgeschützt und mit einem Labyrinth unterirdischer Räume ausgestattet. Hier lebten Hunderte höchst fotogener Tierarten, die eine Nahrungsquelle darstellten und als potenzielle Geiseln dienen konnten. Die Anlage verfügte über eine eigene Wasserversorgung, eine eigene Stromversorgung, sogar über eine eigene Atmosphäre. Finanzielle Drohungen und Embargos hätten keine Wirkung, denn das Finanzsystem hatten bereits die Computerviren lahmgelegt.