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»Um diese Zeit?« brüllte Huey. »Schläft denn niemand mehr?«

»Auf Wiederhören, Gouverneur. Danke für Ihren Anruf.«

»Warten Sie! Warten Sie! Bevor Sie eine Dummheit machen, sollten Sie wissen, dass Sie immer noch zu mir kommen und mit mir reden können. Bevor alles außer Kontrolle gerät… sollten wir beim nächstenmal vorher reden.«

»Schön zu wissen, dass diese Option besteht, Euer Exzellenz.«

»Hören Sie, Mann! Noch was! Als Gouverneur von Louisiana bin ich ein großer Förderer der Genindustrie. Ich habe überhaupt kein Problem mit Ihrem persönlichen Hintergrund!«

Oscar legte auf. Seine Nerven summten wie ein defekter Transformator. Seine Augen brannten, und er hatte den Eindruck, als schwanke die Wand. Er legte Kevin den Arm um die Schulter. »Was machen Ihre Füße, Kevin?«

»Ist alles in Ordnung mit Ihnen?«

»Ich bin ziemlich benommen.« Er nieste. Er hatte Herzklopfen.

»Müssen die Allergien sein«, meinte Kevin. »Jeder, der im Hochsicherheitstrakt arbeitet, bekommt Allergien. Eine Art Berufskrankheit.«

Kevins Geschwätz war Lichtjahre entfernt. »Äh… was haben Sie gesagt, Kevin?«

»Das Verständnis der Risiken am Arbeitsplatz ist für eine gefahrlose Berufsausübung unerlässlich, Mann.«

Oscar hatte nicht den Eindruck, dass er an den Folgen einer Allergie zu leiden hatte. Eher fühlte es sich an wie eine verschleppte Gehirnerschütterung. Oder vielleicht handelte es sich auch um die Nachwirkungen des militärischen Betäubungsgases. Oder um eine nahende böse Grippe. Es war schlimm. Sehr schlimm. Er fragte sich, ob er es überleben würde. Sein Herz setzte plötzlich aus und schlug dann so leicht und schnell, als sei in seinem Brustkasten eine Motte eingeschlossen. Er stolperte und wäre beinahe gestürzt.

»Ich glaube, ich brauche einen Arzt.«

»Klar, Mann, später. Sobald Sie mit dem Präsidenten gesprochen haben.«

Oscar blinzelte mehrmals hintereinander. In seinen Augen schwammen Tränen. »Ich kann nicht mal mehr richtig sehen.«

»Nehmen Sie ein paar Antihistamine. Hören Sie, Mann – Sie können jetzt nicht schlappmachen, der Präsident will Sie sprechen! Kapiert? Sie haben das große Los gezogen. Wenn es Ihnen nicht gelingt, ihn wegen der Schießerei am Sabine River zu beruhigen, bin ich erledigt. Dann kann ich den Böser-Weißer-Terroristenrap anstimmen, gleich neben meinem Dad. Und Sie und Dr. Penninger, für Sie dürfte es ebenfalls verdammt ernst werden. Okay? Sie müssen das wieder hinbiegen.«

»Stimmt«, sagte Oscar und straffte sich. Kevin hatte völlig Recht. Dies war der entscheidende Moment seiner Laufbahn. Der Präsident wartete. Er durfte nicht versagen. Und dabei hatte er Herzflimmern.

Kevin geleitete ihn durch die Schleuse des Hochsicherheitstrakts. Dann löste er ein monströses Telefon vom Gürtel und rief ein Taxi, worauf zwölf leere Wagen gleichzeitig eintrafen. Kevin wählte einen aus, und sie fuhren zum Medienzentrum. Einen Aufzug hoch. Kevin führte ihn in einen grünen Raum, wo Oscar zunächst den Kopf unter einen Wasserhahn hielt. Er hatte stark abgebaut. Auf Brust und Hals hatte er scharlachroten Ausschlag. Seine Hände zitterten heftig. Seine Haut war straff gespannt und prickelte. Gleichwohl stellte der kalte Wasserschwall auf den Nacken seine schlangenhafte Wachsamkeit wieder her.

»Haben Sie einen Kamm?« fragte Oscar.

»Sie brauchen keinen Kamm«, entgegnete Kevin. »Der Präsident hat über ein Kopfdisplay angerufen.«

»Was?« meinte Oscar. »Virtuelle Realität? Sie machen Witze! Sowas klappt doch nicht.«

»In sämtlichen staatlichen Laboratorien wurde VR installiert. Eine Initiative zur Förderung der Übertragung mit hoher Bandbreite, gestartet vor einer Million Jahren. Im Keller des Weißen Hauses gibt es eine VR-Anlage.«

»Wissen Sie überhaupt, wie man mit dem Ding umgeht?«

»Scheiße, nein! Ich musste die halbe Belegschaft aus dem Bett holen, bis ich jemanden gefunden hatte, der das Gerät booten konnte. Jetzt hat sich hier ein größeres Publikum versammelt. Die wissen alle, dass der Präsident anruft. Wissen Sie, wie lange es her ist, dass ein Präsident von der Anlage Notiz genommen hat?«

Oscar rang nach Atem, starrte in den Spiegel, bemühte sich, seinen Herzschlag zu beruhigen. Dann ging er ins Studio hinüber, wo man ihm ein Behältnis überstülpte, das an den Helm eines Tiefseetauchers erinnerte.

Der Präsident spazierte gerade am Fuße der majestätischen purpurfarbenen Rocky Mountains durch bernsteinfarbenes Getreide. Nach einem Moment der Desorientierung erkannte Oscar den Hintergrund wieder. Er stammte von einem der Wahlkampfplakate von Two Feathers.

Leonard Two Feathers war alles andere als der schönheitschirurgisch aufbereitete Gegenwartspolitiker. Der Präsident hatte große, flache Wangenknochen, eine Adlernase, einen Banktresor von einem Mund. Langes, schwarz-graues Haar floss ihm über die Schultern. Wie üblich trug er eine Fransenjacke aus Hirschleder. Die schwarzen, schlauen Augen des Präsidenten standen so weit auseinander wie die eines Hammerhais.

»Mr. Valparaiso?« sagte der Präsident.

»Ja? Guten Abend, Mr. President.«

Der Präsident musterte ihn schweigend. Offenbar nahm er Oscar als körperloses, in Schulterhöhe schwebendes Gesicht wahr.

»Wie ist die Lage in Ihrem Labor? Sind Sie wohlauf, Sie und die Direktorin, Dr. Penninger?«

»Soweit, so gut, Sir. Wir haben das Gelände dichtgemacht. Wir wurden Opfer eines schweren Computerangriffs, der unser Finanzsystem ruiniert hat, deshalb mussten wir die meisten Telefon- und Computerleitungen unterbrechen. Wir haben noch interne Probleme mit einer Gruppe Unzufriedener, die ein Gebäude besetzt haben. Aber gegenwärtig ist unsere Lage stabil.«

Der Präsident ließ das Gehörte einsinken. Er kaufte ihm die Geschichte ab. Aber sie machte ihn nicht glücklich. »Beantworten Sie mir eine Frage, junger Mann. Was haben Sie mir da eingebrockt? Weshalb waren ein französisches U-Boot und dreihundert Cajun-Guerillas nötig, um Sie und irgendeine Neurologin zu kidnappen?«

»Gouverneur Huguelet wollte mit uns sprechen. Er will diese Anlage haben, Mr. President. Er verfügt über starke irreguläre Einsatzkräfte. Er verfügt über mehr Einsatzkräfte, als er zu kontrollieren vermag.«

»Also, die Anlage kann er nicht haben.«

»Nein, Sir?«

»Nein, er kann sie nicht haben – und Sie auch nicht. Und zwar weil sie dem Land gehört, verdammt noch mal! Was denken Sie sich eigentlich? Sie können doch keine Moderatorenmiliz anheuern und ein staatliches Laboratorium einnehmen! Das gehört nicht zu Ihrem Berufsbild! Sie sind ein Wahlkampfmanager mit einem Auftrag. Sie sind nicht Davy Crockett!«

»Mr. President, ich bin völlig Ihrer Meinung. Aber uns bot sich keine andere realistische Option. Green Huey stellte ganz offensichtlich eine Gefahr dar. Er hat sich mit einer ausländischen Macht verbündet. Er beherrscht seinen Bundesstaat vollkommen, und jetzt startet er auch noch paramilitärische Aktionen jenseits der Staatsgrenze. Was blieb mir anderes übrig? Mein Sicherheitschef hat Ihre für die nationale Sicherheit zuständige Dienststelle so rasch wie möglich informiert. In der Zwischenzeit habe ich im Rahmen meiner Möglichkeiten gehandelt.«

»Welcher Partei gehören Sie an?« fragte der Präsident.

»Ich bin Demokrat, Sir.«

Der Präsident überlegte. Er selbst gehörte der Sozialpatriotischen Bewegung an, den ›Sozpats‹. Die Sozpats waren die führende Fraktion des Linken Traditionsblocks, dem auch die Sozialdemokraten, die Kommunisten, die Partei ›Macht für das Volk‹, das ›Arbeitende Amerika‹ und die alte und verbrauchte Demokratische Partei angehörten. Der Linke Traditionsblock hatte in letzter Zeit weniger unter ideologischen Auseinandersetzungen zu leiden gehabt als in früheren Zeiten. Daher war es ihm mit knappem Vorsprung gelungen, den Präsidenten zu stellen.