»Das heißt, Sie arbeiten für Senator Bambakias aus Massachusetts?«
»Ja, Sir.«
»Was haben Sie in ihm gesehen?«
»Ich mochte ihn. Er besitzt Phantasie und ist nicht korrupt.«
»Also«, sagte der Präsident, »ich bin kein seelisch kranker Senator. Ich bin zufällig Ihr Präsident. Ich bin Ihr vereidigter Präsident, und ich habe naive, unerfahrene Mitarbeiter, die sich von schnell redenden Gaunern mit verwandtschaftlichen Beziehungen zu weißen, rassistischen Gangstern leicht beschwatzen lassen. Wegen Ihnen bin ich nun ein Präsident, der bedauerlicherweise Schuld daran hat, dass mehrere Dutzend Menschen verletzt und getötet wurden. Einige von ihnen waren ausländische Spione. Die meisten aber waren Landsleute.« Trotz seines zur Schau getragenen Bedauerns machte der Präsident den Eindruck, als sei er bereit, jederzeit wieder zu töten.
»Mr. Valparaiso, ich möchte, dass Sie mir aufmerksam zuhören. Mir bleiben noch drei bis vier Wochen, dann habe ich mein politisches Kapital aufgezehrt. Dann ist der Honeymoon vorbei, und man wird gnadenlos über mich herfallen. Wie jeder amerikanische Präsident in den vergangenen zwanzig Jahren werde auch ich mit Anwälten zu tun haben, mit der Verfassung, mit Palastrevolutionen, Enthüllungsskandalen, Finanzskandalen und Notstandsintrigen. Das alles möchte ich überleben. Aber ich habe kein Geld, denn das Land ist pleite. Ich kann dem Kongress nicht trauen, und den Notstandsausschüssen schon gar nicht. Ich kann meinem eigenen Parteiapparat nicht trauen. Ich bin der Oberbefehlshaber der Nation, aber ich kann mich nicht einmal auf die Streitkräfte verlassen. Somit bleibt mir nur ein Mittel, meine Präsidentenmacht auszuüben. Meine geheimen Eingreiftruppen.«
»Ja, Mr. President.«
»Meine geheimen Eingreiftruppen sind schießwütig! Sie haben soeben in der Dunkelheit der Nacht einen Haufen Leute abgeknallt, aber wenigstens sind sie keine Politiker, daher tun sie, was man ihnen sagt. Und da sie geheim sind, gibt es sie offiziell gar nicht. Daher hat sich der Vorfall offiziell nicht ereignet. Wenn also alle beteiligten Parteien den Mund halten, kann man mich für das Massaker an der Grenze von Louisiana auch nicht zur Rechenschaft ziehen. Können Sie mir folgen?«
»Ja, Sir.«
»Ich möchte, dass Sie morgen als Erstes von ihrem Senatsposten zurücktreten. Ein solches Ding wie das von gestern Nacht können Sie sich als Kongressangestellter nicht erlauben. Vergessen Sie den Senat und vergessen Sie ihren bedauernswerten Freund, den Senator. Sie sind ein Pirat. Sie können diese Sache nur überleben, wenn Sie meinem Stab für Nationale Sicherheit beitreten. Und das werden Sie auch tun. Von nun an arbeiten Sie für den Präsidenten. Sie werden mir Bericht erstatten. Ihr neuer Titel lautet ›Wissenschaftlicher Berater des Nationalen Sicherheitsrates ‹.«
»Ich verstehe, Sir. Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, das ist eine gute Lageeinschätzung.« Er würde den Job auf jeden Fall annehmen. Damit hätte er sich aus Bambakias’ innerem Zirkel gelöst; außerdem bliebe ihm monatelange mühsame Arbeit im Wissenschaftsausschuss erspart. Das war, als verliere er zwei Gehirnlappen auf einmal. Dennoch würde er natürlich alles stehen und liegen lassen, um für den Präsidenten zu arbeiten. Schließlich bedeutete dies, in einen viel höheren Machtzirkel aufzusteigen – in einen Machtzirkel, wo ringsum die Optionen blühten wie Edelweiss. »Ich danke Ihnen für das Angebot, Mr. President. Es ist mir eine Ehre. Ich nehme Ihr Angebot mit Freuden an.«
»Sie haben sich aufgeführt wie ein Cowboy. Das war schlimm. Sehr schlimm. Aber von jetzt an sind Sie mein Cowboy. Und um sicherzustellen, dass es zu keinen unvorhergesehen Ereignissen mehr kommt, schicke ich Ihnen ein Elite-Fallschirmjägerregiment, um das Laboratorium zu sichern. Es wird morgen gegen siebzehn Uhr eintreffen.«
»Ja, Mr. President.«
»Mein Stab wird den Soldaten eine vorbereitete Erklärung mitgeben, welche die Direktorin vor der Kamera verlesen soll. Damit die Zuständigkeiten von nun an geklärt sind. Das ist also Ihr Marschbefehl, erteilt vom Oberkommandierenden der Streitkräfte. Sie sorgen dafür, dass die Anlage nicht Gouverneur Huguelet in die Hände fällt. Sie schützen die Daten vor ihm, sie halten das Personal von ihm fern, Sie riegeln die Anlage solange hermetisch ab, bis ich weiß, worauf der kleine Mann so versessen ist. Wenn Sie erfolgreich sind, hole ich Sie ins Weiße Haus. Scheitern Sie, gehen wir beide mit Pauken und Trompeten unter. Aber Sie werden als Erster untergehen, und es wird sehr ungemütlich für Sie werden, denn ich werde auf Sie drauffallen. Haben wir uns verstanden?«
»Jawohl, Mr. President.«
»Willkommen in der wunderbaren Welt der Exekutive.« Der Präsident verschwand. Das bernsteinfarbene Weizenfeld wogte unentwegt weiter.
Mit großer Mühe befreite man Oscar aus der VR-Vorrichtung. Er war umringt von zweihundert Personen.
»Und?« meinte Kevin, ein Mikrofon schwenkend. »Was hat er gesagt?«
»Er hat mich eingestellt«, verkündete Oscar. »Von nun an gehöre ich dem Nationalen Sicherheitsrat an.«
Kevin riss die Augen auf. »Tatsächlich?« Oscar nickte. »Der Präsident gibt uns Rückendeckung! Er schickt Truppen, um uns zu schützen!«
Tosender Jubel brach los. Die Anwesenden konnten es nicht fassen. Ihre Reaktion hatte einen hysterischen Unterton; Farce, Tragödie, Triumph; sie waren vor Freude außer sich. Sie herzten einander und brüllten in ihre Telefone.
Kevin schaltete das Mikro aus und warf es beiseite. »Hat er sich auch über mich geäußert?« erkundigte er sich besorgt. »Ich meine, darüber, dass ich ihn vergangene Nacht aufgeweckt habe und all das?«
»Das hat er, Kevin. Er hat Sie ausdrücklich erwähnt.«
Kevin wandte sich seiner Nachbarin zu, die zufällig Lana Ramachandran war. Lana hatte gerade geduscht und war in Bademantel und Pantoffeln ins Medienzentrum geeilt. »Der Präsident hat mich zur Kenntnis genommen!« erklärte ihr Kevin und richtete sich zu voller Größe auf; plötzlich wirkte er wie geadelt. »Er hat mich erwähnt! Ich bin keine Null! Der Präsident nimmt mich ernst.«
»Mein Gott, Sie sind wirklich ein hoffnungsloser Fall!« entgegnete Lana und biss die Zähne zusammen. »Wie konnten Sie das dem armen Oscar bloß antun?«
»Was denn?«
»Schauen Sie ihn sich doch an, Dummkopf! Er hat Nesselausschlag.«
»Das ist kein Ausschlag«, widersprach Kevin und musterte Oscar forschend. »Das ist eher eine Hitzewallung oder sowas.«
»Und die Beule am Kopf? Sie sollten ihn schützen, Sie Idiot! Stattdessen bringen Sie ihn um! Er ist doch auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut!«
»Nein, ist er nicht«, entgegnete Kevin verletzt. Sein Telefon läutete. Er ging dran. »Ja?« Während er zuhörte, wurde seine Miene immer länger.
»Dieser bescheuerte Pseudopolizist«, knurrte Lana. »Oscar, was ist mit Ihnen? Sagen Sie was. Lassen Sie mich mal Ihren Puls fühlen.« Sie ergriff sein Handgelenk. »Mein Gott! Ihre Haut ist so heiß!«
Lanas Bademantel klaffte auf. Oscar betrachtete eine runzlige braune Brustwarze und wurde dabei von jäher sexueller Erregung erfasst. Er war außer Kontrolle. »Ich muss mich hinlegen«, sagte er.
Lana sah ihn an, biss sich auf die Lippen. Ihre braunen Rehaugen standen voller Tränen. »Weshalb sagen Sie mir nicht, wie es um Sie steht? Armer Oscar! Niemand kümmert sich um Sie.«
»Könnte ich vielleicht einen Schluck Eiswasser haben?« murmelte er.
Lana entdeckte seinen Hut und setzte ihn Oscar auf. »Ich bringe Sie hier raus.«
»Oscar!« rief Kevin. »Das Südtor ist offen! Das Labor wird angegriffen! Von mehreren hundert Nomaden!«
Oscar antwortete wie aus der Pistole geschossen. »Handelt es sich um Regulatoren oder Moderatoren?« Die Worte waren allerdings unverständlich. Seine Zunge war auf einmal angeschwollen. Sie war aufgedunsen und riesengroß. Es war, als habe er zwei Zungen im Mund.