Oscar überlegte einen Moment. Es verletzte ihn jedesmal, wenn jemand über die Eigenheiten ›der Weißen‹ sprach. So etwas wie ›Weiße‹ gab es einfach nicht. Dieses Stereotyp war ebenso ein Konstrukt wie der Begriff ›Hispanos‹. Überall sonst auf der Welt war ein Peruaner ein Peruaner und ein Brasilianer ein Brasilianer – bloß in Amerika gab es diese mehrsprachige, multinationale Gruppe, deren Angehörige als ›Hispanos‹ bezeichnet wurden. Oscar selbst wurde zumeist für einen ›Hispano‹ gehalten, wenngleich sich seine ethnische Herkunft am besten als ›nichtmenschlichen Ursprungs‹ charakterisieren ließ.
»Sie sollten meinen Freund Kevin näher kennen lernen«, sagte er. »Kevin ist etwas ganz Besonderes.«
»Okay. Klar. Es gefällt mir, wenn jemand zu seinen Freunden steht«, meinte Burningboy. »Und deshalb bin ich jetzt hier, Oscar. Sie sind hier der einzige Mensch, mit dem man vernünftig reden kann. Sie sind der Einzige, der überhaupt kapiert, was läuft.«
10
Oscar arbeitete jetzt für den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Seine neue Position war ihm beim Umgang mit den zweitausend naiven Wissenschaftlern, die in einer abgeschlossenen Kuppel in Osttexas lebten, eine große Hilfe. Allerdings wurde Oscars Leben dadurch noch komplizierter.
Er fand rasch heraus, dass er in Wirklichkeit gar nicht der offizielle Wissenschaftsberater des Nationalen Sicherheitsrates war. Eine routinemäßige Sicherheitsüberprüfung hatte Oscars persönlichen Hintergrund zu Tage gefördert. Der war ein ernsthaftes Problem, denn normalerweise stellte der Präsident kein Produkt einer illegalen südamerikanischen Genfabrik ein. In Anbetracht der Umstände war dies ein bedenklicher Präzedenzfall.
Obwohl Oscar seinen Senatsposten bereits niedergelegt hatte, erhielt er somit keine offizielle Anstellung im Nationalen Sicherheitsrat. Er war lediglich ›informeller Berater‹. Er nahm keinen offiziellen Rang in der Regierung ein und bekam nicht einmal Gehalt ausgezahlt.
Entgegen der Zusicherung des Präsidenten trafen keine ›Elitetruppen‹ in Buna ein. Offenbar hatte der Präsident zwar die entsprechenden Anweisungen gegeben, die Armeeführung aber hatte sich aus personellen und finanziellen Gründen entschieden, den Einsatz auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Die ›personellen und finanziellen Probleme‹ klangen ganz plausibel – die waren in der Armee gang und gäbe –, doch die tiefer liegenden Gründe waren natürlich politischer Natur. Die US Army als Institution kämpfte nur ungern gegen amerikanische Zivilisten. Die US Army war an dem schrecklichen und geheimen Hubschraubereinsatz am Ufer des Sabine River nicht beteiligt gewesen. Die Army hatte keine Lust, sich wegen schießwütiger geheimer Eingreiftruppen in die Nesseln zu setzen.
Um den Anschein zu wahren, teilte man Oscar mit, in Kürze werde ein Lieutenant Colonel vom NSR mit einem Eliteteam von unauffälligen Marinefliegern eintreffen. Doch auch der Lieutenant Colonel ließ aufgrund unerwarteter außenpolitischer Entwicklungen auf sich warten.
Eine amerikanische Fast-Food-Kette hatte mehrere niederländische Bürger mit schlecht sterilisiertem Hamburgerfleisch vergiftet. Zur Vergeltung hatten aufgebrachte Niederländer mehrere Restaurants angegriffen und niedergebrannt. In Anbetracht der gespannten niederländisch-amerikanischen Beziehungen war dies ein ernsthafter Zwischenfall und nahezu ein Casus belli. Konfrontiert mit dieser außenpolitischen Krise, stieß der Präsident Drohungen aus und verlangte eine Entschädigung und offizielle Entschuldigungen. In Anbetracht der Umstände wollte die Regierung das Thema des militärischen Durcheinanders nicht weiter forcieren.
Dies alles war enttäuschend. Oscar ließ den Kopf trotzdem nicht hängen. Es fuchste ihn, dass man ihm ein offizielles Amt vorenthielt, wundern aber tat es ihn nicht. Er machte sich gewiss keine Illusionen und erwartete nicht, dass das Präsidialbüro besser funktionierte als irgendein anderer Bereich der gegenwärtigen Regierung. Außerdem hatte ein unklarer Status auch seine Vorteile. Trotz der Demütigung besaß Oscar nun weit mehr Macht als zuvor. Oscar war jetzt ein Geheimagent. Das war machbar.
Oscar gelang es in kurzer Zeit, bei den im Keller unter dem Oval Office wirkenden neuen Mächten an Einfluss zu gewinnen. Er studierte ihre Dossiers, prägte sich die Namen und Ablaufdiagramme ein und festigte seine Stellung, indem er bescheiden um kleine Gefallen bat. Es fiel nicht schwer, ihm diese kleinen Gefallen zu gewähren, doch er achtete darauf, dass eine Ablehnung einen Grabenkrieg bei der Belegschaft des Weißen Hauses ausgelöst hätte. Auf diese Weise setzte er seinen Willen durch.
Ein drängendes Problem löste er dadurch, dass er die Laborpolizei auflöste. Die Angehörigen der Polizeitruppe ließ er in einem ungekennzeichneten Frachthubschrauber aus Texas ausfliegen. Sie wurden einer staatlichen Ausbildungseinrichtung in Westvirginia überstellt. Die Laborpolizisten wurden nicht entlassen, geschweige denn, dass man sie wegen Amtsvergehen und Bestechlichkeit angeklagt hätte; ihr Budget allerdings wurde auf Null gesetzt, und das Personal verschwand einfach für immer im Labyrinth staatlicher Versetzungen.
Somit hatte das Labor kein Budget mehr, aus dem man eine Polizeitruppe hätte bezahlen können. Aber es war machbar. Schließlich verfügte das Labor über gar keine Geldmittel mehr. Alle arbeiteten ohne Bezahlung. Sie lebten vom Tauschhandel, vom Gartenbau, vom Verkauf überschüssiger Büroausrüstung und unterschiedlichen kleineren Nebenjobs.
Die folgenden Tage waren die intensivsten und produktivsten in Oscars ganzer politischer Laufbahn. Die Lage im Labor war ein einziges Durcheinander. Es hätte des Organisationsgeschicks eines Genies bedurft, daran etwas zu ändern. Oscar war kein Genie. Allerdings vermochte er mangelnde Genialität durch weniger Schlaf und größeren Arbeitseinsatz wettzumachen.
Die erste größere Herausforderung bestand darin, die Folgen der Invasion durch die Moderatoren abzumildern. Es galt, die Moderatoren davon abzuhalten, die Anlage zu beschädigen und zu plündern. Oscar bewerkstelligte dies dadurch, dass er den Moderatoren mitteilte, sie seien nun die Besitzer der Anlage. Zwar könnten sie vorsätzlich alles demolieren, doch dann würden die Lebenserhaltungssysteme zusammenbrechen, die Atmosphäre würde umkippen, und all die wertvollen seltenen Tiere würden sterben. Die Moderatoren würden wie alle anderen in einem unbewohnbaren Glasghetto ersticken. Wenn sie sich jedoch mit den Wissenschaftlern arrangierten, besäßen sie einen riesigen genetischen Garten Eden, in dem sie ohne Zelte im Freien leben könnten.
Oscars Argumente zeigten Wirkung. Natürlich kam es zu einigen hässlichen Zwischenfällen, das hieß, die Prolos grillten ein paar besonders schmackhafte Exemplare. Der abscheuliche Gestank aber machte deutlich, dass in der Kuppel offenes Feuer für alle abträglich war. Im Laufe der Zeit stabilisierte sich die Lage.
Ein neues Komitee wurde gebildet, das die Bedingungen der Koexistenz von Wissenschaftlern und Dropouts ausarbeiten sollte. Ihm gehörten Greta, die Verwaltungsratsmitglieder, Kevin, Oscar, hin und wieder Angehörige von Oscars Mannschaft in beratender Funktion sowie verschiedene Gurus, Häuptlinge und Spezis aus Burningboys Umgebung an. Dieses neue Verwaltungsorgan brauchte einen Namen. ›Streikkomitee‹ konnte man es nicht nennen, denn das gab es bereits. Alsbald setzte sich die Bezeichnung ›Notstandsausschuss‹ durch.
Oscar bedauerte die Namensgebung, denn er hatte einen Abscheu gegen sämtliche Notstandsausschüsse; allerdings hatte die Bezeichnung auch einen großen Vorteil. Man brauchte sie nicht jedermann erklären. Die amerikanische Bevölkerung war das Schauspiel der kollabierenden staatlichen Institutionen, an deren Stelle Notstandsausschüsse traten, bereits gewohnt. Dass nun auch das Labor von einem ›Notstandsausschuss‹ geleitet wurde, war leicht zu verstehen. Man konnte dies als Prestigegewinn verbuchen, ganz so, als sei das Laboratorium ebenso grandios gescheitert wie der Kongress.