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Oscar stellte die Plakatkampagne ein. Der Streik war endgültig beendet, und die neue Verwaltung machte einen neuen grafischen Look und einen neuen Medienansatz erforderlich. Nach einem Brainstorming mit seiner Mannschaft beschloss Oscar, Lautsprecher einzusetzen. Die fortwährenden Beratungen des Notstandsausschusses sollten über ein halbes Dutzend Lautsprecher übertragen werden, platziert in verschiedenen öffentlichen Bereichen innerhalb der Kuppel.

Dies erwies sich als kluge Entscheidung. Die Lautsprecher wirkten ansprechend provisorisch, sozusagen basisnah. Die Menschen wechselten beiläufig in den Bereich der politischen Agitation über und verließen ihn ebenso gleitend wieder. Die veraltete Technik stellte eine beruhigende, periphere Medienumgebung her. Die Menschen wurden sich der andauernden Krise gerade in dem Maße bewusst, wie es ihrem Bedürfnis entsprach.

Dank der Lautsprecher hatten das Personal und die sich mit ihnen vermischenden Eindringlinge den gleichen Informationsstand. Zusätzlich wurden an einigen Stellen geschmackvolle blaue ›Seifenkisten‹ aus Plastik aufgestellt, improvisierte Rednertribünen, auf denen besonders närrische oder aufgebrachte Leute ihr Anliegen loswerden konnten. Dies diente nicht nur als Sicherheitsventil und der Sondierung der Stimmung, sondern ließ den zusammengewürfelten Notstandsausschuss zur Abwechslung einmal besonders reif und verantwortungsbewusst dastehen.

Die Medienkampagne diente auch dazu, das Image von Captain (Ex-General, Ex-Corporal) Burningboy aufzupolieren. In Person und über Video wirkte der Proloanführer ausgesprochen verrückt und asozial. Seine Stimme allerdings klang tief und väterlich. Über Lautsprecher strahlte Burningboy die wohlmeinende Jovialität eines brandschatzenden Nikolaus aus.

Es wäre falsch gewesen, hätte man die Moderatoren lediglich als gewalttätige Außenseiter betrachtet. Auf den Straßen Amerikas trieben sich zahllose verzweifelte Menschen herum, die Moderatoren aber waren kein Mob von Wanderarbeitern. Die Moderatoren waren nicht einmal mehr eine ›Bande‹ oder ein ›Stamm‹. Am ehesten konnte man sie als regierungsferne Netzwerkorganisation bezeichnen. Die Moderatoren kleideten sich wie Wilde und redeten auch so, doch es mangelte ihnen nicht an technischem Raffinement. Sie waren nach Gesetzen organisiert, welche denen der herkömmlichen amerikanischen Kultur diametral entgegengesetzt waren.

Die Herren der Konsumgesellschaft hätten sich nie träumen lassen, dass der Verbraucherschutz als politische Philosophie einmal ebenso ernste Instabilitäten zeitigen könnte wie der Kommunismus. Doch die Instabilitäten hatten zugenommen, das Land war auseinandergebrochen. Die Zivilgesellschaft verkümmerte im gnadenlosen Griff des Geldes. Als die letzten öffentlichen Räume privatisiert wurden, fiel der amerikanischen Kultur das Atmen immer schwerer. Die Menschen waren nicht nur pleite, sie wurden auch noch von der Werbung in den Wahnsinn getrieben und von Reklamefritzen, die vor der Privatsphäre nicht haltmachten, gnadenlos ausspioniert. Ein immer aggressiver vorgehender Ausspähapparat bewirkte, dass immer mehr Menschen ihre offizielle Identität einfach aufgaben.

Es machte keinen Spaß mehr, amerikanischer Bürger zu sein. Die Pleiten sprengten alle Rekorde und mündeten in eine Ausstiegsbewegung. Steuerhinterziehung wurde zum Volkssport. Das amerikanische Volk verweigerte sich einfach. Auf öffentlichen Versammlungen wurden Ausweise verbrannt und Geldkarten zerschnitten. Die Menschen lebten fortan auf der Straße. Die Prolos betrachteten sich als die einzigen freien Amerikaner.

Das Nomadendasein war einmal die Basis der menschlichen Existenz gewesen; die Sesshaftigkeit hatte eine zivilisatorische Neuerung dargestellt. Jetzt hatte der Fortschritt das Vorzeichen gewechselt. Die Nomaden waren eine Alternativgesellschaft für Menschen, die mit den alten politischen und ökonomischen Werten einfach nicht mehr zurechtkamen.

Das glaubte zumindest Oscar. Als reicher Bewohner von Neuengland hatte er bislang keinen Grund gehabt, sich mit den Prolos intensiver zu beschäftigen. Nur wenige von ihnen nahmen an den Wahlen teil. Doch er hatte keine Vorurteile gegen die Prolos als gesellschaftliche Gruppe. Sie erschienen ihm nicht fremdartiger als die Wissenschaftler. Mittlerweile war ihm klargeworden, dass die Prolos einen realen Machtfaktor darstellten, und seines Wissens hatte bislang nur ein amerikanischer Politiker versucht, sie für sich zu gewinnen und sie zu stärken. Dieser Politiker war Green Huey.

Nachdem er die Moderatoren befriedet hatte, machte Oscar sich daran, die Wissenschaftler des Labors mit deren Anwesenheit zu versöhnen. Sein Hauptargument war, dass es offenbar keine Alternative gab.

Die Wissenschaftler waren sich der Unterstützung der Regierung immer sicher gewesen; andere Verbündete hatten sie nicht gebraucht. Nun war Schluss mit der Großzügigkeit der Regierung. Das war schlimm, doch die zugrunde liegende Realität war viel, viel schlimmer. Die Finanzverwaltung des Labors war nach einem Virenangriff zusammengebrochen. Das Labor war nicht bloß pleite, seine Bewohner konnten nicht einmal feststellen, wie sehr sie pleite waren. Daher vermochten sie auch nicht die Bedingungen zu umreißen, die hätten Abhilfe schaffen können.

Die Nachricht, dass der Präsident von ihren Nöten Notiz nahm, hatte der Moral im Labor Aufwind gegeben. Der Präsident hatte der Direktorin sogar eine vorbereitete Rede übermittelt, die von Greta brav verlesen wurde. Ein Thema allerdings wurde in der Rede verräterischerweise ausgespart, nämlich das Geld. Die Presseerklärung war im Wesentlichen ein langer Lobgesang auf die Fähigkeiten des Präsidenten, Recht und Ordnung wiederherzustellen. Die Finanzierung des Labors war nicht das Problem des Präsidenten. Der Kongress verwaltete die Finanzen, hatte es aber trotz aller Anstrengungen noch immer nicht geschafft, einen Haushalt zu verabschieden.

Für ein staatliches Forschungslabor war dies eine Katastrophe epischen Ausmaßes, für die Prolos allerdings ganz normal.

Daher – so erklärte Oscar vor dem Notstandsausschuss – sei dies eine Frage des Zusammenlebens. Und ein Zusammenleben sei machbar. Nachdem sie die Bindungen an die herkömmlichen Regeln der politischen Realität kühn gekappt hätten, könne die neue Mischbevölkerung des Labors in der Glaskuppel nun nach Belieben schalten und walten. Die Menschen hätten kein Geld, dafür aber Wärme, Strom, Luft, Nahrung und Obdach: sie könnten ihre Energien nun auf das Überleben verwenden. Sie könnten die Turbulenzen draußen aussitzen, und da sie sich auch der staatlichen Aufsicht entzogen hätten, könnten sie sich alle auf ihre Lieblingsprojekte konzentrieren. Endlich einmal hätten sie Zeit, ihre eigentliche Forschungsarbeit voranzubringen. Dies sei ein wesentlicher Fortschritt, die Bedingungen wären nahezu paradiesisch, und nun läge es ganz an ihnen. Sie müssten lediglich mit ihren eigenen Widersprüchen zurechtkommen.

Nach Oscars Vortrag herrschte langes Schweigen. Die Mitglieder des Notstandausschusses blickten ihn verwundert an. Im Moment waren Greta, ihr engster Vertrauter und Förderer Albert Gazzaniga, Oscar, Yosh Pelicanos, Captain Burningboy und ein weiterer Vertreter der Moderatoren anwesend – ein junger Mann namens Ombahway Tuddy Flagboy.

»Oscar, du erstaunst mich«, sagte Greta. »Du verstehst es, das Unglaubliche plausibel erscheinen zu lassen.«

»Was ist denn so unglaublich daran?«

»Alles. Das ist eine staatliche Einrichtung! Die Moderatoren sind hier gewaltsam eingedrungen. Sie halten die Anlage besetzt. Sie halten sich illegal hier auf. Darin dürfen wir sie nicht unterstützen! Wenn der Präsident Truppen schickt, werden wir alle der Kollaboration angeklagt. Man wird uns festnehmen und entlassen. Nein, schlimmer noch. Man wird uns liquidieren.«