Выбрать главу

»So etwas hat es in Louisiana noch nicht gegeben«, sagte Oscar. »Weshalb sollte es jetzt dazu kommen?«

Gazzaniga ergriff das Wort. »Weil der Kongress und die Notstandsausschüsse den Luftwaffenstützpunkt in Louisiana im Grunde nicht wollten. Er bedeutete ihnen nicht genug, um tätig zu werden.«

»Wir bedeuten ihnen auch nichts«, versicherte ihm Oscar. »Es stimmt, der Präsident hat Interesse bekundet, aber hey, das ist jetzt schon eine ganze Woche her. Eine Woche bedeutet bei einer militärischen Krise eine ganze Ewigkeit. Hier sind keine Unionstruppen. Weil es hier nicht um eine militärische Krise geht. Die militärische Krise des Präsidenten findet in den Niederlanden statt, nicht in Osttexas. Zu einem Zeitpunkt, da der kalte Krieg in einen heißen umzuschlagen droht, wird er im Inland keine Truppen entsenden. Wir sollten zur Kenntnis nehmen, dass die Moderatoren unsere Truppen sind. Sie sind besser als die Unionstruppen. Richtige Soldaten können uns nicht ernähren.«

»Tausende nichtzahlende Gäste können wir uns nicht leisten«, wandte Pelicanos ein.

»Yosh, vergiss doch mal für einen Moment die roten Zahlen. Wir brauchen sie uns nicht ›zu leisten‹. Sie sind imstande, uns zu ernähren und zu kleiden, wir brauchen ihnen dafür bloß Unterschlupf und politische Rückendeckung zu gewähren. Das ist eben das Schöne am Notstand, verstehst du? Wir können auf unbestimmte Zeit so weitermachen! Das ist die Apotheose des Streiks. Während des Streiks haben wir uns alle geweigert, uns mit etwas anderem als Wissenschaft zu beschäftigen. Jetzt, da wir uns im Notstand befinden, können die Wissenschaftler ihre Arbeit fortführen, während die Moderatoren die Rolle der anteilnehmenden Zivilbevölkerung spielen und uns unterstützen. Alles andere ignorieren wir einfach! Alles, was uns in der Vergangenheit geärgert hat, verschwindet einfach von unserem Radarschirm. Die sinnlosen kommerziellen Auflagen, die Regierungsaufsicht und die windigen Vertragspartner… das fällt alles weg. Das hat keine Bedeutung mehr.«

»Aber Nomaden verstehen nichts von Wissenschaft«, sagte Gazzaniga. »Weshalb sollten sie Wissenschaftler unterstützen, wenn sie die Anlage ebensogut plündern und anschließend wieder verschwinden könnten?«

»Hey«, meinte Burningboy. »Ich versteh was von Wissenschaft, Mann! Wernher von Braun! Ein ausgezeichnetes Beispiel. Dr. von Braun hat aus ‘nem Haufen von menschlichem Ausschuss noch was gemacht, genau wie Sie! Die waren sowieso für Dachau bestimmt, da konnte er sie ebensogut V-2-Raketen zusammensetzen lassen.«

»Was redet der denn da?« fragte Gazzaniga. »Wieso muss der immer solches Zeug quatschen?«

»Darum geht’s doch bei der Wissenschaft!« sagte Burningboy. »Ich kann sie definieren. Bei der Wissenschaft geht es darum, eine mathematische Beziehung zwischen Phänomen A und Phänomen B herzustellen. War das so schwer? Glauben Sie wirklich, das wär zu hoch für mich? Ich werd Ihnen was sagen, das weit über Ihren Horizont hinausgeht – Überleben im Gefängnis. Ihr Sonnyboys würdet einen schmerzhaften Zusammenprall mit der Nichtquantenrealität erleben, wenn jemand euer Physikbuch mit einem selbstgebastelten Messer durchbohren würde.«

»Das funktioniert einfach nicht«, sagte Greta. »Wir sprechen nicht einmal dieselbe Sprache. Wir haben nichts gemeinsam.« Sie hob dramatisch die Hand. »Seht euch doch nur mal seinen Laptop an! Er besteht aus Stroh.«

»Warum bin ich der Einzige, der das Naheliegende erkennt?« fragte Oscar. »Die Gemeinsamkeiten springen doch ins Auge. Nehmen wir nur mal die Ausrüstung der Nomaden – die Mahlwerke für Blätter, die Fermenter und die katalytischen Cracker. Sie verwenden Biotechnik. Auch für Computernetzwerke. Sie leben von diesen Dingen, verdammt noch mal.«

Gretas Miene verhärtete sich. »Ja, aber… das ist alles unwissenschaftlich.«

»Aber sie leben doch genauso wie ihr – nämlich von ihrem Ruf. Wir haben es hier mit den beiden unkommerziellsten Gemeinschaften Amerikas zu tun. Beide Gemeinschaften gründen gleichermaßen auf Reputation, Respekt und Prestige.«

Gazzaniga runzelte die Stirn. »Was ist das hier, eine Soziologievorlesung? Soziologie ist keine exakte Wissenschaft.«

»Aber es ist wahr! Ein Wissenschaftler möchte der Meistzitierte sein und so viele Preise und Auszeichnungen wie möglich gewinnen. Während die Moderatoren wie unser Captain hier die Position eines Netzgurus anstreben. Außerdem haben Sie beide keine Ahnung, wie man sich kleidet! Dazu kommt, dass Sie sich beide hervorragend darauf verstehen, sich fortwährend als unverstandene Opfer hinzustellen, obwohl Sie für den Niedergang unserer Gesellschaft unmittelbare Verantwortung tragen. Sie jammern ständig darüber, dass niemand cool oder smart genug ist, Sie zu verstehen. Und Sie räumen beide Ihren Dreck nicht auf. Deshalb werden Sie von den Leuten, die das Land regieren, auch beide wie Kinder behandelt!«

Die anderen musterten ihn bestürzt.

»Ich sage bloß, was Sache ist«, beharrte Oscar und hob zornig die Stimme. »Ich schwadroniere nicht. Mein Weitblick geht Ihnen, die Sie in den Elfenbeinkellern Ihrer jeweiligen Subkultur eingesperrt sind, einfach ab. Es hat keinen Sinn, die Sache schönzureden. Sie befinden sich in einer Krise. Das ist der springende Punkt. Sie haben beide die Nabelschnur zum Rest der Gesellschaft durchtrennt. Sie müssen Ihre dummen Vorurteile überwinden und ein mächtiges Bündnis schmieden. Wenn Sie dazu in der Lage sind, gehört die Welt Ihnen!«

Oscar beugte sich vor. Die Inspiration flammte in ihm wie das Licht platonischer Erkenntnis. »Wir können den Notstand überstehen. Wir können ihn sogar meistern. Wir können wachsen. Wenn wir jetzt das Richtige tun, werden wir auch Erfolg haben!«

»Na schön«, sagte Greta. »Beruhige dich. Ich habe eine Frage. Das sind doch Nomaden, nicht wahr? Was passiert, wenn sie weiterwandern?«

»Sie glauben, wir würden weglaufen«, sagte Burningboy.

Greta sah ihn an, betrübt darüber, ihn gekränkt zu haben. »Sie laufen doch immer weg, oder nicht? Ich dachte, auf diese Weise überleben Sie.«

»Nein, Sie sind die Leute ohne Rückgrat!« rief Burningboy. »Sie gelten doch als die Intellektuellen! Sie sollten uns Visionen vermitteln! Sie sollten den Menschen eine Ahnung der Wahrheit vermitteln, etwas, zu dem sie aufschauen können, zur Macht, zum Wissen, zur höheren Wirklichkeit. Aber was macht Ihr stattdessen? Ihr seid keine Titanen des Geistes. Ihr seid ein Haufen Verrückter, die in komischen Klamotten rumlaufen, die Eure Mama Euch gekauft hat. Ihr seid auch nichts weiter als wehleidige Speichellecker, die nach Almosen der Regierung lechzen. Ihr beklagt Euch, wir schmutzigen Halunken könnten Euch nicht angemessen würdigen – was habt Ihr in letzter Zeit eigentlich für uns getan? Was erwartet Ihr vom Leben, außer im Labor rumzuhängen und auf uns herabzusehen? Hört endlich auf, Euch zu bemitleiden – tut etwas Großes, ihr Nieten! Riskiert etwas, um Himmels willen. Bewirkt etwas!«

»Der spinnt«, sagte Gazzaniga, die Augen ganz groß vor Verwunderung. »Der Mann hat einfach keine Ahnung vom wirklichen Leben.«

Flagboys Handy läutete. Er sprach kurz hinein, dann reichte er das Telefon seinem Anführer.

Burningboy lauschte. »Ich muss los«, sagte er unvermittelt. »Es gibt eine neue Entwicklung. Die Jungs haben einen Gefangenen gemacht.«

»Was?« sagte Kevin. Als neuer Polizeichef reagierte er sogleich mit Misstrauen. »Wir haben uns doch darauf geeinigt, dass Sie nicht befugt sind, jemanden festzunehmen.«

Burningboy rümpfte seine große, fleischige Nase. »Man hat ihn im Wald östlich der Stadt aufgegriffen, Mr. Polizeichef, Sir. Mehrere Kilometer außerhalb Ihres Einflussbereichs.«