»Dann handelt es sich um einen Regulator«, meinte Oscar. »Um einen Spion.«
Burningboy sammelte seine Notizen und seinen Laptop ein und nickte widerwillig. »Ja.«
»Was werden Sie mit dem Gefangenen anfangen?«
Burningboy machte ein grimmiges Gesicht und zuckte die Achseln.
»Ich glaube, der Ausschuss sollte mit dem Gefangenen sprechen«, sagte Oscar.
»Oscar hat Recht«, erklärte Kevin. »Burningboy, ich kann nicht dulden, dass Sie in dieser Einrichtung aus eigenem Ermessen Verdächtige vernehmen. Wir werden ihn selbst vernehmen!«
»Was ist das hier, etwa ein geheimer Gerichtshof?« meinte Gazzaniga voller Abscheu. »Wir können doch nicht anfangen, Leute zu verhören!«
Kevin schnaubte. »Okay, gut! Albert, Sie sind entschuldigt. Kaufen Sie sich draußen ein Eis. In der Zwischenzeit werden die Erwachsenen sich mit dem Terroristen befassen.«
Greta verkündete eine fünfminütige Pause. Alarmiert von der Liveübertragung per Lautsprecher tauchten noch mehr Ausschussangehörige auf. Die Pause währte eine halbe Stunde. Die Präsentation der Habseligkeiten des Gefangenen trug sehr zur Belebung der Versammlung bei.
Der festgenommene Regulator hatte sich als Wilddieb verkleidet. Er hatte eine Armbrust aus Verbundmaterialien dabei, die Wilhelm Tell in Erstaunen versetzt hätte. Die Graphitpfeile waren mit selbstlenkenden gyroskopischen Federn und einem GPS-Ortungssystem ausgestattet. Der Kundschafter war zudem mit Steigeisen und Klettergürtel ausgerüstet, ideal für Spähaktionen aus Baumwipfeln hervor. Außerdem hatte er ein Keramikmesser dabei gehabt.
Bei einem gewöhnlichen Jäger wären diese tödlichen Gerätschaften nicht weiter aufgefallen, doch die weiteren Indizien sprachen gegen ihn: ein Hammer und Baumspikes. Baumspikes, die Sägeblätter zu beschädigen vermochten, waren bei radikalen Grünen weit verbreitet; diese Spikes aber waren mit Audiowanzen und Handy-Relais ausgestattet. Man hämmerte sie in die Baumrinde, wo sie dann Telefongespräche aufnahmen und weiterleiteten. Sie waren mit kleinen Poren ausgestattet und luden ihre Batterien mit dem Baumsaft auf.
Die Geräte wurden von Hand zu Hand weitergereicht und eingehend untersucht, ganz so, als habe man es jeden Tag mit gefangenen Saboteuren zu tun. Gazzaniga zückte ein Multifunktionswerkzeug und öffnete eines der Steigeisen. »Nanu«, sagte er. »Das Ding ist mit einer Mitochondrienbatterie ausgestattet.«
»Mitochondrienbatterien gibt es nicht«, wandte der neue Leiter der Geräteabteilung ein. »Nicht einmal wir verfügen über Mitochondrienbatterien, und wir haben sie schließlich erfunden.«
»Dann erklär mir mal jemand, wie man mit feuchter Gelatine ein Telefon betreiben soll«, meinte Gazzaniga. »Wissen Sie was? Die Spikes erinnern mich an die Geräte, mit denen wir Pflanzen überwachen.«
»Das wurde alles hier erfunden«, sagte Oscar. »Das ist Laboratoriumsausrüstung. Sie haben sie bloß noch nicht zweckentfremdet erlebt.«
Gazzaniga legte den Spike weg. Dann nahm er ein eingedelltes Blechei in die Hand. »Das Ding hier – also, sowas verbindet man mit dem Begriff Nomadentechnik. Schrottmetall, alles zusammengestoppelt, offenbar selbstgemacht… Aber wozu ist das gut?« Er schüttelte das Ei dicht an seinem Ohr. »Es klappert.«
»Das ist eine Pinkelbombe«, erklärte Burningboy.
»Eine was?«
»Sehen Sie die Löcher? Das ist der Timer. Da sind genetisch veränderte Maiskörner drin. Wenn sie mit warmem Wasser in Berührung kommen, schwellen die Samenkörner an. Sie zerstören eine Membran, und dann zündet der Brandsatz.«
Oscar besah sich eine der Brandbomben. Sie war von Hand gefertigt, mithilfe einer Lochstanze, einer Finne und eines großen Vorrats an Hass. Die Bombe war ein strohdummer Brandsatz ohne bewegliche Teile, reichte aber sicherlich aus, ein zerstörerisches Feuer zu entfachen. Die genmanipulierten Maiskörner waren spottbillig und passten ins Bild. Mais war so uniform in seinen Eigenschaften, dass man ihn sogar zur Zeitmessung einsetzen konnte. Es war eine ausgesprochen bösartige Vorrichtung. Als Produkt der Militärtechnik war sie schon schlimm genug. Als Produkt simpler Handwerkskunst war die Pinkelbombe erstaunlich effektiv. Oscar spürte die Verachtung und den Hass, die von ihr ausstrahlten.
Der mit Handschellen gefesselte Gefangene traf ein, eskortiert von vier Moderatoren. Der Mann trug einen langen Jagdanzug mit grau-braunem Tarnmuster und einen spitzen Hut. An seinen Schnürstiefeln klebte roter Dreck. Er hatte eine dicke Nase, große, behaarte Ohren, buschige Brauen, funkelnde schwarze Augen. Er war ein stämmiger, schwerer Mann in den Dreißigern mit schwieligen Pranken. Am unrasierten Kinn hatte er eine geschwollene Schramme und am Hals einen blauen Fleck.
»Was ist passiert?« fragte Greta. »Weshalb ist er verletzt?«
»Er ist vom Rad gefallen«, antwortete Burningboy knapp.
Der Gefangene schwieg. Allen Anwesenden war klar, dass er nichts sagen würde. Er stand unerschütterlich inmitten des Versammlungsraums, roch nach Rauch und Schweiß und strahlte tiefe Verachtung aus. Oscar musterte den Regulator mit professionellem Interesse. Dieser Mann war hier erstaunlich fehl am Platz. Es war, als habe man einen steinharten Zypressenstamm aus einem abgelegenen, von Fledermäusen bewohnten Sumpf gezogen und vor ihnen auf den Teppich gelegt.
»Du hältst dich also für einen harten Burschen, was?« fragte Kevin mit schriller Stimme.
Der Regulator übersah ihn geflissentlich.
»Wir werden dich schon zum Reden bringen«, knurrte Kevin. »Warte nur, bis ich meine Anarchie-Files lade, da steht drin, wie man jemanden verhört! Wir werden grässliche Dinge mit dir anstellen! Mit Draht und Streichhölzern und so.«
»Entschuldigen Sie, Sir«, sagte Oscar höflich. »Sprechen Sie englisch? Parlez-vous français?«
Keine Reaktion.
»Wir werden Sie nicht foltern. Wir sind zivilisierte Menschen. Wir möchten bloß erfahren, was Sie mit diesen Überwachungsgeräten und Brandbomben vorhatten. Wir lassen gern mit uns reden. Wenn Sie uns sagen, was Sie vorhatten und wer Sie dazu beauftragt hat, lassen wir Sie gehen.«
Keine Antwort.
»Sir, ich sehe, dass Sie loyal zu Ihrer Sache stehen, aber Sie sind unser Gefangener, verstehen Sie. Unter diesen Umständen sollten Sie Ihr Schweigen brechen. Es ist moralisch vertretbar, dass Sie uns Ihren Namen, Ihre Telefonnummer und Ihre Netzwerkadresse nennen. In diesem Fall könnten wir Ihren Freunden – Ihrer Frau, Ihren Kindern – mitteilen, dass Sie am Leben und in Sicherheit sind.«
Keine Antwort. Oscar seufzte. »Na schön, Sie wollen nicht reden. Wie ich sehe, ermüde ich Sie. Wenn Sie also wenigstens kundtun würden, dass Sie nicht taub sind…«
Die buschigen Brauen des Regulators zuckten. Er blickte Oscar an, fixierte ihn, als wollte er ihm einen tödlichen Bogenschuss in die Nieren verpassen. Dann sagte er: »Nette Armbanduhr, sehr hübsch.«
»Okay«, sagte Oscar. »Ich schlage vor, dass wir unseren Freund in das Spin-off-Gebäude schaffen, zu Hueys übrigen Kumpanen. Ich bin sicher, sie haben sich eine Menge zu erzählen.«
Gazzaniga war empört. »Was! Wir können den Kerl nicht zu diesen Leuten bringen! Er ist hochgefährlich! Das ist ein bösartiger Nomade!«
Oscar lächelte. »Na und? Hier gibt es Hunderte bösartiger Nomaden. Es hat keinen Sinn, mit ihm zu reden. Vergessen wir ihn einfach. Wir brauchen ihn nicht. Wir müssen uns bloß ernsthaft mit unseren eigenen Nomaden unterhalten. Die wissen alles, was er weiß, und noch viel mehr. Außerdem wollen uns unsere Freunde wirklich helfen. Können wir uns jetzt wieder beruhigen und zur Tagesordnung übergehen? Jungs, führt den Gefangenen weg.«
Im Anschluss an diesen Vorfall gerieten die Notstandsberatungen in ruhigeres Fahrwasser: es ging um Arbeitsmaterialien und Geräte. Auf diesem Gebiet hatten Nomaden und Wissenschaftler eine Menge Gemeinsamkeiten. Besonders zwingend war das Bedürfnis zu essen. Burningboy stellte drei seiner technischen Experten vor. Greta stellte ihre besten Biotechleute ab. Die Gespräche dauerten bis in die Nacht hinein.