Zumindest hatte er das bislang geglaubt. Doch da stand eine solche Alternative vor ihm auf dem Tisch: DHIATENSOR. Die Anordnung war vernünftig. Sie war effizient. Sie funktionierte viel besser als QWERTYUIOP.
Pelicanos betrat das Hotelzimmer. »Noch immer auf?«
»Klar.«
»Woran arbeitest du gerade?«
»An Gretas Presseerklärungen. Außerdem muss ich bald mal mit Bambakias sprechen, ich habe den Senator in letzter Zeit vernachlässigt. Deshalb mache ich mir ein paar Notizen und lerne zum erstenmal in meinem Leben richtig tippen.« Oscar stockte. Er brannte darauf, Pelicanos von den faszinierenden sozialen Unterschieden zwischen Regulatoren und Moderatoren zu erzählen, die er entdeckt hatte. Von außen betrachtet waren die schäbigen Prolos nicht einmal mit dem Elektronenmikroskop zu unterscheiden – alle wesentlichen Unterschiede gründeten in der Architektur ihrer Netzwerksoftware.
Auf dem unsichtbaren Schlachtfeld ihrer Netzwerke hatte ein Kampf epischen Ausmaßes stattgefunden. Virtuelle Stämme und Gemeinschaften hatten Tausende unterschiedlicher Konfigurationen ausprobiert, sie bewertet, nach Kräften verbessert, ihnen beim Sterben zugesehen…
»Oscar, wir müssen uns mal ernsthaft unterhalten.«
»Prima.« Oscar schob den Laptop beiseite. »Sprich dich aus.«
»Oscar, du verstrickst dich zu sehr. Die andauernden Beratungen mit dem Notstandsausschuss, und dann schacherst du ständig mit den Leuten vom NSR herum, die dir nicht mal die Uhrzeit sagen wollen… Wir sollten unseren Standpunkt überprüfen.«
»Okay. Einverstanden.«
»Warst du in letzter Zeit mal im Labor? In der Luft sind lauter Transportflugzeugen die nichts transportieren. In Osttexas wimmelt es von Cops und Straßenblockaden.«
»Ja, wir bekommen draußen eine Menge Aufmerksamkeit. Wir sind ein richtiger Hit. Die Journalisten lieben diesen provokanten Mix.«
»Ich stimme dir darin zu, dass es interessant ist. Aber das hat nichts mit unserem Auftrag zu tun. Die jetzige Lage kam in unseren Plänen nicht vor. Wir sollten Bambakias im Wissenschaftsausschuss unterstützen. Das Wahlkampfteam sollte hier Urlaub machen. Niemand hat von dir erwartet, dass du zum Undercoveragenten wirst, der zeitweilig für den Präsidenten arbeitet, während du staatliche Einrichtungen mithilfe von Gangstern eroberst.«
»Hmm. Da hast du völlig Recht, Yosh. Das war nicht planbar. Aber es war machbar.«
Pelicanos setzte sich und faltete die Hände. »Weißt du, wo das Problem liegt? Wann immer du dein Ziel aus den Augen verlierst, verdoppelst du deine Anstrengungen.«
»Ich habe das Ziel niemals aus den Augen verloren! Das Ziel ist die Reformierung der amerikanischen Forschung.«
»Oscar, ich habe darüber nachgedacht. Das alles gefällt mir nicht. Zum einen mag ich den Präsidenten nicht besonders. Ich bin Demokrat. Ich hab’s ernst gemeint mit unserem Einsatz für Bambakias und den Reformblock. Ich will nicht für den Präsidenten arbeiten. Ich bin mit seiner Politik nicht einverstanden. Um Himmels willen, er ist Kommunist.«
»Der Präsident ist kein Kommunist. Er hat im Holzhandel Milliarden verdient und ist im Reservat im Casino-Business tätig.«
»Aber dem Linken Traditionsblock gehören Kommunisten an. Ich traue ihm nicht. Seine Reden gefallen mir nicht. Es gefällt mir nicht, dass er sich mit den Niederländern anlegt, anstatt vor der eigenen Tür für Ordnung zu sorgen. Er ist einfach nicht unsere Art von Politiker. Er ist grausam, hinterlistig, doppelzüngig und aggressiv.«
Oscar lächelte. »Zumindest schläft er nicht bloß an seinem Schreibtisch wie der vorige Präsident.«
»Besser König Baumstamm als König Storch, Mann.«
»Yosh, ich weiß, du bist kein Linker, aber du musst zugeben, dass der Linke Traditionsblock weit besser ist als die Linken Progressiven mit all ihren Verrückten.«
»Das hilft uns auch nicht weiter! Bambakias hätte dir bedingungslos vertraut – der Präsident will dir nicht mal einen richtigen Posten geben. Er lässt dich im Regen stehen. Und in der Zwischenzeit verlassen wir uns auf diese Moderatoren. Aber sich von Gangstern Schutz zu versprechen, hat einfach keine Zukunft.«
»Aber sicher doch.«
»Nein, hat es nicht. Die Prolos sind schlimmer als die Linken Progressiven. Sie sprechen ein komisches Kauderwelsch, tragen seltsame Kleidung, haben seltsame Laptops und eine seltsame Biotechnik. Sie sind ein buntes Völkchen, aber das ändert nichts daran, dass sie Gauner sind. Dieser Bursche, Captain Burningboy… er kriecht dir in den Arsch, aber er ist nicht der, für den du ihn hältst. Du glaubst, das sei ein charmanter alter Trottel, weiches Herz in rauer Schale, die Art Typ, der in dein Team passen würde. Ist er aber nicht. Er ist ein ultraradikaler Sektierer und verfolgt eindeutig seine eigenen Pläne.«
Oscar nickte. »Das weiß ich.«
»Und dann ist da noch Kevin. Du hast nicht genug auf Kevin geachtet. Du hast einen Banditen zum Polizeichef gemacht. Der Mann ist ein Mussolini in Taschenformat. Er macht sich an den Telefonen zu schaffen, an den Computern, an den Videokameras, die ganze Anlage ist verwanzt. Jetzt hat er eine Gruppe von Schnüfflern um sich geschart, eine schrullige Bande von kleinen alten Nomadenladies in einem Wohnwagenpark, die sich im Netz umtun, irgendwo in der verdammten Einöde von Wyoming… Der Kerl ist völlig verrückt. Das ist einfach nicht gut.«
»Aber Kevin ist aus Boston, genau wie wir«, sagte Oscar. »Intensive Überwachung vermindert die Gewalt auf den Straßen. Kevin erledigt den Job für uns, und er hält den Mund, wenn wir mal die Regeln verletzen. Er ist wirklich eine gute Wahl.«
»Oscar, du bist besessen. Vergiss die hübschen sozialen Konzepte und dieses ganze Gerede von wegen großem Zusammenhang. Befass dich wieder mit der Hauptsache, mit der Realität. Kevin arbeitet hier, weil du ihm Gehalt zahlst. Du bezahlst allen Angehörigen des Teams Gehalt, und dein Team, das sind die Leute, die die Anlage am Laufen halten. Sonst bekommt niemand Gehalt – alle essen bloß Prolonahrung und arbeiten in ihren Labors. Ich als dein Finanzberater sage dir: das kann nicht mehr lange so weitergehen. Du kannst den Leuten nicht so viel zahlen, dass sie eine Revolution machen würden.«
»Dazu reicht das Geld einfach nicht aus.«
»Du bist nicht fair zu deinem Team. Deine Leute sind Wahlkampfhelfer aus Massachusetts, Wunder gehören nicht zu ihrem Fach. Du hast ihnen nie gesagt, dass sie eine revolutionäre Junta bilden sollten. Diese Forschungseinrichtung steht ohne Geld da. Du bekommst nicht mal selber mehr Gehalt. Du hast nicht mal einen offiziellen Posten in der Regierung. Das Laboratorium lebt von deinem Kapital.«
»Yosh, Geld lässt sich immer beschaffen. Interessant wird es dann, wenn man ohne Geld regiert! Wenn man von seinem Prestige zehrt. Nehmen wir nur mal die Moderatoren als Beispiel. Im Grunde verfügen sie über eine funktionierende, auf Prestige gründende Wirtschaft. Alles ist bis ins kleinste Detail ausgearbeitet; beispielsweise verfügen sie über ein rotierendes elektronisches Wahlsystem nach australischem Vorbild…«
»Oscar, hast du überhaupt geschlafen? Isst du ordentlich? Weißt du, was du hier überhaupt machst?«
»Ja, das weiß ich. Das ist etwas anderes, als wir zunächst vorgehabt hatten, aber es muss getan werden. Ich lasse Huey alt aussehen.«
»Du trägst eine persönliche Fehde mit dem Gouverneur von Louisiana aus.«
»Nein. Das stimmt nicht. In Wahrheit kämpfe ich auf breiter Front gegen den größten politischen Visionär der Gegenwart. Und Huey ist mir um Jahre voraus. Er kümmert sich schon seit Jahren um seine Nomaden, gewinnt ihr Vertrauen, baut ihnen Infrastruktur. Er hat geschafft, die heimatlosen Streuner zur technisch fortschrittlichsten Gruppe in seinem Staat zu machen. Er hat sich zum Anführer einer Untergrund-Massenbewegung gemacht und verspricht, sein Wissen zu teilen und jedermann zu einem Hexer zu machen. Und sie verehren ihn, weil das ganze Gebilde ihrer Netzwerkökonomie auf diese Weise reguliert wird, still und heimlich und zielgerichtet. Das ist Korruption in einem phantastischen Maßstab – das ist so weitab aller finanziellen Gepflogenheiten, dass man kaum mehr von Korruption sprechen kann. Er hat eine Alternativgesellschaft geschaffen, mit einer alternativen Machtstruktur, die ganz auf ihn zugeschnitten ist: auf Green Huey, den König der Sümpfe. Ich arbeite hier so schnell und so hart ich kann, weil Huey mir bereits bewiesen hat, dass es funktioniert – im Grunde funktioniert es so gut, dass es schon gefährlich ist. Amerika ist am Ende, und Green Huey ist ein lächelnder Tyrann, der im Begriff steht, eine neurale Diktatur zu errichten!«