»Oscar, ist dir eigentlich bewusst, wie verrückt das klingt? Weißt du, wie hohl das klingt?«
»Ich spreche mich aus. Du weißt, dass ich dir immer reinen Wein eingeschenkt habe, Yosh.«
»Okay, du sprichst dich aus. Aber ich kann das nicht. Ich kann nicht so leben. Ich glaube nicht daran. Es tut mir Leid.«
Oscar starrte ihn an.
»Ich kann so nicht mehr weitermachen, Oscar. Ich will richtiges Essen, ich will ein festes Dach über dem Kopf. Ich kann nicht die Augen schließen und blind springen, das Risiko kann ich nicht eingehen. Ich habe einen Menschen zu versorgen. Meine Frau braucht mich, ich muss mich um sie kümmern. Du hingegen – du brauchst mich nicht mehr. Und zwar weil ich ein Finanzberater bin! Du schaffst hier eine Lage, in der ich keine Funktion mehr habe. Keine Rolle. Keinen Job. Es gibt hier nichts für mich zu tun.«
»Weißt du was? Der Gedanke ist mir bis jetzt noch nicht gekommen. Aber warte mal; es muss eine Art von Einkommenstransfer geben. Es ist noch ein wenig Geld da, wir brauchen Gerät und dergleichen…«
»Du errichtest hier ein seltsames, fremdartiges kleines Regime. Mit Marktwirtschaft hat das nichts zu tun. Das ist eine Kultgesellschaft. Sie gründet darauf, dass Menschen einander tief in die Augen sehen und sich auf den Rücken klopfen. Theoretisch ist das interessant, aber wenn es irgendwann scheitert und auseinanderbricht, dann entstehen Lager und es kommt zu Säuberungen wie zur Zeit der Kommunisten. Wenn du dazu entschlossen bist, Oscar, kann ich dir nicht helfen. Dann kann dir niemand mehr helfen. Ich will nicht bei dir sein, wenn das Kartenhaus zusammenfällt. Weil du dann ins Gefängnis wandern wirst. Bestenfalls.«
Oscar lächelte schwach. »Dann glaubst du also nicht, dass ich auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren könnte?«
»Ich scherze nicht. Was ist mit deinem Team, Oscar? Was ist mit uns? Du bist wirklich ein begnadeter Wahlkampfmanager. Aber das hier ist kein Wahlkampf. Es ist nicht mal mehr ein Streik oder ein Protest. Das ist ein Staatsstreich im Kleinen. Du bist der Militärguru eines abtrünnigen Lagers. Selbst wenn die Leute vom Team bereit sein sollten, bei dir zu bleiben, wie kannst du es verantworten, sie einem solchen Risiko auszusetzen? Du hast sie nie gefragt, Oscar. Sie haben nie die Wahl gehabt.«
Oscar richtete sich auf. »Yosh, du hast recht. Die Analyse ist vernünftig. Ich kann das meinen Leute nicht antun; das ist unmoralisch, schlecht. Ich muss ihnen die Lage in aller Deutlichkeit schildern. Sollten sie mich verlassen, muss ich mich damit eben abfinden.«
»Das Gouverneurbüro in Boston hat mir einen Job angeboten«, sagte Pelicanos.
»Der Gouverneur? Ach, geh! Das ist doch ein abgehalfterter Schaumschläger von der Vorwärts-Amerika-Partei.«
»Vorwärts-Amerika ist eine Reformpartei. Der Gouverneur organisiert eine Antikriegskoalition, und er hat mich gebeten, das Amt des Schatzmeisters zu übernehmen.«
»Im Ernst? Schatzmeister, hm? Das wäre ein ziemlich guter Posten.«
»Der Pazifismus hat in Massachusetts Tradition. Und zwar quer durch alle Parteien und Blöcke. Außerdem muss das jemand tun. Der Präsident meint es wirklich ernst. Er blufft nicht. Er will den Krieg. Er schickt Kanonenboote über den Atlantik. Er schikaniert dieses kleine Land, bloß um seine Stellung zu Hause zu festigen.«
»Glaubst du das wirklich, Yosh? Ist das wirklich deine Meinung?«
»Oscar, du hast keinen Durchblick mehr. Du bist Nacht für Nacht hier und plagst dich mit den winzigen Unterschieden zwischen Nomadenstämmen ab. Du willst hier in dieser kleinen Glaskugel den Drahtzieher spielen. Aber du verlierst die Landeswirklichkeit aus dem Blick. Ja, Präsident Two Feathers ist auf dem Kriegspfad! Er verlangt eine Kriegserklärung vom Kongress! Er will das Kriegsrecht ausrufen! Er fordert ein Kriegsbudget, über das er allein verfügen kann. Er will, dass die Notstandsausschüsse übergangen und über Nacht abgeschafft werden. Er ist ein virtueller Diktator.«
Oscar kam der verrückte Gedanke, dass der Verlust der Niederlande ein kleiner Preis wäre, wenn es dem Präsidenten gelänge, auch nur die Hälfte dieser lobenswerten Ziele zu verwirklichen. Allerdings verkniff er sich die Entgegnung. »Yosh, ich arbeite für den Präsidenten. Er ist mein Boss, er bestimmt, wo’s lang geht. Wenn das deine Überzeugung ist, dann ist unsere Situation als Kollegen wirklich unhaltbar.«
Pelicanos schaute bekümmert drein. »Tja, deswegen bin ich gekommen.«
»Ich bin froh, dass du gekommen bist. Du bist mein bester und ältester Freund, mein engster Vertrauter. Aber persönliche Gefühle müssen zurückstehen, wenn es um so grundlegende politische Differenzen geht. Wenn es so ist, wie du sagst, dann trennen sich unsere Wege. Du solltest nach Boston zurückkehren und den Posten des Schatzmeisters übernehmen.«
»Ich tu’s nicht gern, Oscar. Ich weiß, du brauchst mich. Jemand muss sich um dein Privatvermögen kümmern; du solltest deine Anlagen im Auge behalten. Vor uns liegen schwere Marktturbulenzen.«
»Marktturbulenzen gibt es ständig. Damit komme ich klar. Ich bedaure es, dich zu verlieren. Du hast mich den ganzen Weg über begleitet.«
»Bis hierher und nicht weiter, Mann.«
»Sollte man mich in Boston verurteilen, könntest du vielleicht bei deinem Freund, dem Gouverneur, ein gutes Wort von wegen Gnadenerlass einlegen.«
»Ich schicke dir eine Mail«, sagte Yosh. Er rieb sich die Augen. »Ich muss jetzt meinen Schreibtisch ausräumen.«
Pelicanos’ Weggang hatte Oscar tief getroffen. In Anbetracht der Umstände gab es keine andere Lösung. Das war traurig, aber nicht zu ändern, genau wie sein Abfall von Bambakias, als er in den Nationalen Sicherheitsrat übergewechselt war. Manche Themen verlangten eben nach klaren Entscheidungen. Ein kluger Mann konnte auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen, aber sieben oder acht waren einfach zu viel.
Es war einige Zeit her, seit Oscar zum letzten Mal mit Bambakias gesprochen hatte. Allerdings hatte er die Netzberichterstattung verfolgt. Der verrückte Senator war so beliebt wie nie zuvor. Er hatte sein ursprüngliches Gewicht vollständig zurückerlangt; vielleicht wog er mittlerweile sogar etwas mehr. Seine Mitarbeiter präsentierten ihn der Öffentlichkeit im Rollstuhl; sie schoben ihn sogar bis in den Senat. Das Feuer aber war erloschen. Sein Leben war zerbrochen und wurde von Telepromptern beherrscht.
Mit dem neu installierten Satellitentelefon des NSR arrangierte Oscar eine Videokonferenz mit Washington. Bambakias hatte eine neue Sekretärin, die Oscar noch nie gesehen hatte. Er schaffte es, einen halbstündigen Termin zu vereinbaren.
Als er endlich durchkam, blickte ihm Lorena Bambakias vom Bildschirm entgegen.
Lorena sah gut aus. Sie konnte einfach nicht anders, als gut auszusehen. Allerdings wirkte sie auf dem Bildschirm ein wenig spröde und steif. Lorena hatte gelitten.
Ihr Anblick versetzte ihm einen Stich. Es überraschte ihn, wie sehr er sie vermisst hatte. Er war immer auf Zehenspitzen um Lorena herumgeschlichen, sich der von ihr ausgehenden weiblichen Bedrohung in höchstem Maße bewusst; allerdings hatte er ganz vergessen gehabt, wie viel sie ihm bedeutete, wie sehr sie das Leben repräsentierte, das er aufgegeben hatte. Die gute alte Lorena – reich, gebildet, amoralisch und kultiviert –, eigentlich genau sein Typ; eine Vertreterin der Oberschicht, das klassische Luxusweibchen, eine Frau, die wirklich gut beieinander war. Lorena so zu sehen – ausgehöhlt von Schmerz –, ging ihm an die Nieren. Sie ähnelte einer wundervollen Schere, mit der man Stacheldraht durchtrennt hatte.