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»Hey, wieso kriegt sie Schokolade und wir bloß das hier?«, fragte Tommy und starrte leicht angewidert auf einen Muffin.

»Gehört zu meiner Ausstattung«, erwiderte sie herablassend, räusperte sich und wackelte dann ein wenig, als würde sie in neue Kleider schlüpfen, als sie wieder in ihre Rolle zurückkehrte. »Weiter, Jay.« Dabei schob sie Tommy verstohlen einen Schokoriegel aus ihrer Handtasche zu.

»Um fünf fünfundvierzig gehe ich durch die Gepäckausgabe und gebe eine Tasche ab. Bis sechs fünfzehn bin ich durch die Sicherheit. Um sieben bin ich in der Abflughalle S-6 und sitze mit einem Becher Eiswasser aus einer der Imbissbuden dort. Wenn Makepeace die Lounge betritt und Platz nimmt, begebe ich mich in ihre Nähe. Ich nehme ein kurzes Video der Zielperson und ihres Standorts auf und leite es an das Team weiter, damit Cally weiß, wo sie sitzen soll und welche Sachen ›ihr‹ gehören. Wenn die Zielperson bis sieben dreizehn nicht von sich aus in die Damentoilette geht, stelle ich mich dämlich an und kippe ihr den Inhalt meines Glases in den Schoß. Ich entschuldige mich überschwänglich, und sobald sie zur Toilette geht, drücke ich den Knopf auf meinem PDA, der euch drei alarmiert. Wenn Cally als Makepeace wieder herauskommt, greift sie sich ans linke Ohr, um zu bestätigen, dass der Wechsel stattgefunden hat. Ich gehe mit Tommy und O’Neal zum Treffpunkt und treffe dort spätestens um acht Uhr dreißig ein. Ich ziehe mich um, wir kehren über den Frachteingang zum Hafen zurück, gehen an Bord des Frachters und starten um elf fünfzig zum Titan. Tommy?«

»Papa und ich treffen um null sechs fünfundvierzig in Crewkleidung dort ein und haben Jays Kleider und die Uniformen der Säuberungscrew im Kofferraum. Wir ziehen uns im Frachter um und holen den Karren der Säuberungsmannschaft, der dort verstaut ist. Dann haben wir bis null siebenhundert Zeit, um zur Damentoilette in der Abflughalle S-6 zu kommen. Ich schicke Cally eine ›Eingetroffen‹-SMS. Wir hängen ein ›Defekt, Wartungsarbeiten‹-Schild auf, lassen aber Cally ein. Sobald wir Nachricht erhalten haben, dass die Zielperson in Bewegung ist, entfernen wir das Schild und rollen den Karren beiseite in Richtung Herrentoilette. Alle anderen, mit Ausnahme der Zielperson, weisen wir höflich ab. Wenn die Zielperson die Toilette betritt, kehren wir mit dem Schild zurück und warten auf Callys Signal. Dann schiebe ich den Karren hinein, helfe nach Bedarf beim Kleiderwechsel, verstaue Makepeace im Abfallbehälter und decke sie mit entsprechenden Abfällen zu. Wir bringen Makepeace zum Wagen, setzen ihr die Perücke aus dem Handschuhkasten auf, verpassen ihr das billige Bier und die Whiskeyproben, die dort bereitliegen, fahren sie zu Treffpunkt eins, spritzen ihr Hiberzine und übergeben sie der Reinigungscrew. Treffpunkt zwei erreichen wir spätestens um null acht dreißig und machen dann so weiter, wie Jay es gesagt hat. Papa?« Er leckte sich Schokoladereste von den Fingern, ehe er die Hülle zusammenknüllte und sie mit einem wohl gezielten Wurf in den Papierkorb in der Ecke beförderte.

»Ich habe den leichten Vortrag. Genau wie Tommy, bloß dass ich vor der Toilette warte, während du beim Kleiderwechsel hilfst. Abbruchcode?«

»Toledo«, tönten sie wie aus einem Mund.

»Richtig. Wenn euer PDA oder AID Toledo ruft, verschwindet ihr und haltet euch mindestens zwei Tage versteckt, ehe ihr zum Stützpunkt zurückkehrt, oder ihr schickt der Bane Sidhe einen Würfel, eure Entscheidung. Wir sind alle erfahrene Agenten. Wenn ihr nach bestem Ermessen an irgendeinem Punkt ›Abbruch‹ sagen wollt, dann tut es. In diesem Geschäft ist kein Platz für Heldentaten. Jay, es passt überhaupt nicht zu ihrem Profil, aber falls Makepeace erst in letzter Sekunde ans Gate gerannt kommt und sich überhaupt nicht hinsetzt, dann rufst du einfach Toledo. Ein Austausch, der nicht sauber ist, wäre schlimmer als ein Abbruch, ganz besonders bei diesem Einsatz. Also gut. Wir verduften jetzt hier.« Er betrachtete den Muffin, den er in der Hand hielt, mit einem schiefen Grinsen, blieb an der Tür stehen und überlegte offenbar, ob er ihn unangetastet wegwerfen sollte. Dann nahm er einen Bissen davon und ging hinaus.

»Was ist denn los, Grandpa? Magst du keine Maismuffins? Wir haben das so selten«, sagte sie und grinste.

»Du Miststück, ich kann zu jeder Mahlzeit Maisbrot essen. Selbst wenn die Yankees darauf bestehen, Zucker hineinzutun.«

Sonntagmorgen, 26. Mai

Callys unechter Koffer passte gut zu ihrer Person. In ihren Papieren stand, dass sie Irene Grzybowski war. Irene war die Art von Frau, für die an einem überfüllten Ort wie einem Flughafen niemand einen zweiten Blick übrig hatte: zwischen vierzig und fünfzig, unförmige Figur, die meiste Zeit zu Boden blickend, den Sicherheitsbeamten gegenüber höflich, aber nicht freundlich. Und deshalb würdigte sie auch niemand eines zweiten Blickes. Niemand sah sie an, als sie den abgewetzten Stoffkoffer, der so aussah, als ob man ihn aus dem Sofa einer College-Studentin gemacht hatte, auf die Theke hievte. Niemand sah sie an, als sie, die Plastikspritze mit dem Tranquilizer mit Heftpflaster im Elastikband ihres Büstenhalters festgeklebt, durch die Sicherheitssperre ging. Einem Büstenhalter übrigens, der viel dazu beitrug, sie fett und unförmig und nicht etwa gut gebaut erscheinen zu lassen. Niemand sah sie an, als zu Gate S-6 ging, die Damentoilette gegenüber der Abflughalle aufsuchte und in der zweiten Kabine von hinten eine für diese Räumlichkeit natürlich wirkende Sitzhaltung einnahm. Sie war Grandpa und Tommy zuvorgekommen und hatte sich nicht nach Jay umgesehen. Das wäre unprofessionell gewesen.

Sie holte ihren PDA aus der Handtasche, klappte ihn auf und stellte ihn auf den Behälter mit dem Toilettenpapier. Der Stimmzugang des Buckley war natürlich abgeschaltet. Sofern der Abbruchcode hereinkam, würde der PDA zu vibrieren beginnen. Sie hoffte, dass das nicht notwendig sein würde.

Ein Blick auf das Uhren-Icon auf dem Bildschirm: null sechs dreiundfünfzig. Gut im Zeitplan. Nachdem sie Tommy die SMS geschickt, die Spritze herausgeholt und vorbereitet und sich das Haar gebürstet hatte, gab es eigentlich nichts mehr für sie zu tun, außer sich zu beeilen und zu warten. Der Trick bei solchen Einsätzen war es, sich auf den Bildschirm des PDA zu konzentrieren, ohne davon in eine Art Hypnose zu geraten. Callys Lösung dafür war, den Bildschirm zu teilen und die kleinen Icons mit der Bezeichnung »in motion« und »Video« in die obere Hälfte zu platzieren und auf der unteren Hälfte ein uraltes Minensuchspiel aufzurufen.

Um sechs achtundfünfzig blinkte das Nachrichtenicon: Tommy und Grandpa waren eingetroffen.

Das Blinken des Videoicons fiel ihr um sieben null fünf ins Auge. Sie legte das Bild auf die untere Bildschirmhälfte und hatte gerade die Zielperson zum ersten Mal zu sehen bekommen, als das »In motion«-Icon zu blinken begann. Okay, Zeit genug, mir den Film anzusehen, nachdem ich mit ihr fertig bin. Wenn sie aus freien Stücken kommt, muss sie hierher kommen. Am besten schnappe ich sie mir, wenn sie die Kabine verlässt. Sie atmete gleichmäßig, als die Tür sich öffnete, alle ihre Sinne waren hellwach. Etwas stimmte hier nicht. Der Schritt war zu schwer, und das waren auch nicht die Schuhe einer Frau. Ihre Muskeln spannten sich.

»Cally?«, flüsterte eine Stimme.

Das könnte Tommy sein. Oder nicht. »Äh … die Kabine ist besetzt.«