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Montag, 3. Juni
Das Büro des Generals und das ihre befanden sich im Außenbereich einer oberen Etage der Kuppel. Die Flure jener Etage hatten daher nicht die sonst übliche selbstleuchtende Decke, sondern öffneten sich vielmehr nach oben zu einer kaum bemerkbar gekrümmten Kuppelpartie. Nicht, dass das irgendeinen Vorteil mit sich gebracht hätte. Im Augenblick war es beinahe Mittag auf Titan, und der Himmel außerhalb der Kuppel zeigte sich in einförmigem, dunklem Orangebraun. Der oberste halbe Meter der Wände war natürlich mit Leuchtfarbe gestrichen, die, um die durch den fehlenden Raum im Deckenbereich reduzierte Beleuchtung auszugleichen, heller eingestellt war als im übrigen Stützpunkt.
Falls irgendein Angehöriger der Architektur- oder Wartungsteams auch nur einen Funken Talent für Innendekoration gehabt hatte, hatte er sich alle Mühe gegeben, das zu verbergen, jedenfalls war das der Eindruck, den die in amtlichem GalPlas-Grün gehaltenen Wände mit ihren schlachtschiffgrauen Türen vermittelten. Neben der Tür, auf die sie gerade zugingen, gab es ein Schild mit dem Hinweis, dass sie zum Hauptquartier der Dritten MP-Brigade führte. Der Leutnant musste sich ebenfalls beim General melden und war kurz vor ihr an der Tür eingetroffen; er zeigte seinen Ausweis vor, den die Tür automatisch mit seinem Profil im Speicher verglich, seine biometrischen Daten als korrekt erkannte und sie beide einließ.
Drinnen gab es einen Empfangstisch und Schilder, die nach rechts zum CID und nach links zum Büro des Kommandierenden Generals wiesen. Hinter dem Schreibtisch saß ein weiblicher Corporal, deren Namensschild sie als Anders identifizierte. Hinter dem Corporal zeigte ein großer Holoschirm an der Rückwand einen Wasserfall — der Vegetation nach zu schließen auf der Erde.
»Captain Makepeace und Lieutenant Pryce, Corporal … Anders, nicht wahr? Wir sind hier, um uns zu melden und dem General unseren Antrittsbesuch abzustatten. Ich nehme an, er erwartet uns.« Cally erwiderte die Ehrenbezeigung des Corporal und wartete.
»Ja, Ma’am. Ich sage ihm Bescheid, dass Sie hier sind.« Sie griff nach ihrem PDA und forderte ihn auf, sie mit dem General zu verbinden.
»General Beed, Sir?«
Callys gesteigertes Hörvermögen hatte keine Mühe, beide Teile des Gesprächs zu erfassen, und sie wartete mit ruhiger, höflicher Miene.
»Sind die beiden da, Corporal? Gott sei Dank. Ohne eine vernünftige Sekretärin ersticke ich hier beinahe im Papierkrieg. Schicken Sie sie her.«
»Yes, Sir. Ende Gespräch.« Sie stellte den PDA weg.
»Sie können nach hinten gehen, Ma’am, Sir.« Mit einer leichten Kopfbewegung wies sie in Richtung auf das Büro des Generals.
Cally ging an dem Corporal vorbei und anschließend an einigen verschlossenen grauen Türen entlang den Korridor hinunter zum Büro des Generals, Pryce hinter ihr her. Das Licht unter dem Namensschild zeigte an, dass die Tür nicht versperrt war, und deshalb schob sie sich auf Callys Handbewegung hin zur Seite. Sie trat ein, ging bis zu dem Schreibtisch, nahm Haltung an und salutierte. Da die Dienstvorschrift verlangte, dass sie den Blick fünfzehn Zentimeter über den Kopf des Generals richtete, musste sie ihn und den Raum, in dem er sich befand, mit ihrer peripheren Sicht studieren. Ein Kinderspiel.
Für einen Offizier seines Alters sah Beed gut aus. Das dunkelblonde Haar und die tiefblauen Augen waren auf eine Stelle ein ganzes Stück unterhalb ihres Gesichts gerichtet. Aber nach dem Flug zum Titan hatte sie sich daran allmählich gewöhnt. Sein Schnauzbart war vielleicht ein wenig affektiert, aber der Mann war muskulös und sichtlich gut in Form. Fleet-Seide war bei aller Dauerhaftigkeit nicht gerade das Material, das viel verbergen konnte. Ohne Verjüngung hätte sie ihn vielleicht für vierunddreißig gehalten. Mit Verjüngung musste er sich bereits in seinem zweiten Jahrhundert befinden. Nach galaktischen Maßstäben immer noch jung. Nicht so heiß wie Pryce, aber jedenfalls keine Beleidigung für die Augen. Falls er auf die Idee kommen sollte, sie um den Schreibtisch herumzujagen, würde sie wenigstens nicht mit Brechreiz oder dergleichen zu kämpfen haben.
»Captain, was für ein erfreulicher Anblick für meine müden Augen.« Seine Hand wies mit einer weit ausholenden Bewegung auf seinen Schreibtisch, der mindestens fünfzehn Zentimeter hoch mit Papieren aller Art bedeckt war, und das galt nur für die Täler zwischen den höheren Stapeln. Cally hatte alle Mühe zu verhindern, dass ihr die Augen aus dem Kopf traten. »Willkommen auf Basis Titan. Ihr Büro ist gleich draußen links. Im Grunde sollten Sie mit allem vertraut sein, was wir hier tun, und ich habe mir schon erlaubt, den Corporal Aktenschränke und Aktendeckel und dergleichen bringen zu lassen. Ich habe einiges mit dem Lieutenant zu besprechen, aber das machen wir am besten, während Sie eine Art Ablagesystem organisieren. Wie Sie das anstellen, ist mir egal, solange Sie es mir mit einfachen Worten erklären und wir beide bei Bedarf alles finden können. Der Lieutenant und ich werden jetzt mindestens zwei Stunden weg sein, und das sollte für Sie ausreichen, das Zeug hier wegzuschaffen, damit ich meine Schreibtischplatte wieder sehen kann.« Er sah sie erwartungsvoll an.
»Yes, Sir«, antwortete sie forsch.
»Großartig, Honey. Wenn Sie das hinkriegen, werden wir beide großartig miteinander auskommen.« Er blinzelte ihr tatsächlich zu und wandte sich an den Lieutenant. »Lieutenant, nach meiner Kenntnis sind Adjutanten von Generälen befugt, zwei goldene Fangschnüre auf der Schulter zu tragen. Ein guter Offizier achtet immer exakt darauf, sich in korrekter Uniform zu präsentieren, verstanden?«
»Yes, Sir. Ich habe dafür keine Entschuldigung, Sir.« Falls überhaupt noch möglich, wurde Pryce’ Haltung dabei noch eine Spur straffer.
»Rühren. Lassen Sie uns von hier verschwinden und das Weitere Makepeace regeln.« Er hielt inne, musterte sie beim Hinausgehen von Kopf bis Fuß. »Sie achten korrekt auf Einzelheiten, Captain Makepeace. Sehr ordentlich.« Dann waren sie draußen.
Cally starrte auf die Tür, als diese hinter den beiden Offizieren wieder in die Wand glitt, und kämpfte dagegen an, laut aufzulachen. Und da zerbreche ich mir den Kopf, wie ich den Mann aus seinem Büro kriege, damit ich in aller Ruhe suchen kann. Sie schaltete die KI ihres PDA auf Stufe acht.
»Da ist etwas darauf aus, uns umzubringen, nicht wahr, Captain?«, sagte das Gerät.
»Achte auf die Umgebung, Buckley. Wenn sich jemand anderer als ich der Tür auf sechs Meter nähert, piepst du einmal mit mittlerer Lautstärke.«
»Okay. Nicht, dass das viel nützen würde.«
Sie stellte den PDA auf den Schreibtisch und schnaubte verärgert, als ein kleiner Stapel Papiere herunterfiel und sich über den Boden verteilte. Dann durchsuchte sie eilig die Schreibtischschubladen. Das ging besonders schnell, weil da nichts zu finden war. Ein paar leere Blocks und Kugelschreiber, die sie ohne etwas Brauchbares zu finden sezierte, anschließend wieder zusammensetzte und an den alten Platz legte. Dann schaltete sie den PDA wieder ein und machte sich an die Arbeit, die Papierberge zu sortieren und zu ordnen, die sie ohnehin hätte durchsuchen müssen.
Am Ende war sie nach den zwei Stunden, die Beed brauchte, um in sein Büro zurückzukehren, noch nicht fertig. Pryce war nicht bei ihm.
»Also, Sie sind ja gut vorangekommen, Captain.« Er trat hinter sie und stand ein Stück zu nahe bei ihr, als sie sich über den Schreibtisch beugte, um nach einem weiteren Papierstapel zu greifen. Zufälligerweise zog das den grauen Stoff über ihren Pobacken straff, sodass er die Konturen ihrer Hinterpartie deutlich erkennen konnte.
»Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich Sie bitte, ein wenig länger zu bleiben? Wir machen gewöhnlich gegen fünf Schluss, aber … wenn Sie mögen, lade ich Sie zum Abendessen ein. Wo ich Sie doch bitte, Überstunden zu machen.« Sie konnte jetzt fast am Hals seinen Atem spüren.