Weiter in Bakers Büro. Es war dem von Carlucci ganz ähnlich, andere Pflanzen, kein Foto. An seiner Wand hing ein gerahmter Monet-Druck. In seinem Schreibtisch lag ein Würfel ohne Etikett. Sie las ihn in den Aktivspeicher ein. Sah aus wie Musikdateien, aber sie würde sich den Inhalt heute Abend jedenfalls gründlich ansehen, um ihn nach versteckten Daten zu durchsuchen. Wäre nicht das erste Mal, dass wichtige Daten unter irgendetwas völlig Harmlosem versteckt gewesen wären.
Li war ziemlich neu und hatte mit Ausnahme eines tropisch aussehenden Baums mit großen, glänzenden Blättern noch nichts in sein Büro gebracht. Nicht einmal staubig war es. Vermutlich hatte jemand es sauber gemacht, ehe er eintraf, und er war noch nicht lange genug da gewesen, dass sich eine neue Staubschicht hätte bilden können. Sie war über die unterste Schublade gebeugt und gerade dabei, sie wieder zu schließen, als sie draußen im Flur ein Geräusch hörte. Damit war sie rechtzeitig gewarnt, um nicht zusammenzuzucken, als die Tür sich aufschob. Sie blickte nur auf und schloss in aller Ruhe die leere Schublade. Es war Pryce, und obwohl sie eine knappe Sekunde Vorwarnung gehabt hatte, spürte sie, wie ihr Atem schneller ging und ihre Handflächen feucht wurden.
»K-k-kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein, Ma’am?«, fragte er.
»Vielleicht. Haben Sie die Urlaubsakte gesehen?« Sie wischte sich die Hände an ihrer Seidenkombination ab und richtete sich ganz auf. »Sie enthält den markierten Entwurf der Überarbeitung für die Urlaubsdaten der Brigade und sämtliche Vorschriften für Krankmeldungen.«
»Oh, die.« Seine Stirn runzelte sich kurz. »Sanchez hat sie heute Nachmittag gehabt, Ma’am.«
»Er hat sie zurückgebracht. Daran erinnere ich mich, und ich dachte, ich hätte sie abgelegt. Doch jetzt finde ich sie nicht, und es wäre mir wirklich peinlich, wenn der General sie morgen verlangen würde und ich sie dann suchen müsste.« Ihr Gesicht verfinsterte sich nachdenklich.
»Vielleicht ist Sanchez noch eine Bemerkung eingefallen, die er nachträglich anbringen wollte, und er hat sie sich noch einmal ausgeborgt, Ma’am?«
»Könnte sein. Wir können ja schnell nachsehen.« Und so kam es, dass Pryce bei ihr war, als sie Sanchez’ Büro durchsuchte, und deshalb wagte sie es nicht, die drei Würfel zu kopieren, die sie in seiner obersten Schreibtischschublade fand.
»Nichts gefunden, hm?«, fragte er.
»Leider nicht.« Sie richtete sich auf und ging an ihm vorbei zur Tür hinaus. Anscheinend war er aus dem Gleichgewicht geraten, als er sich hinter ihr umdrehte, denn er stolperte wieder gegen sie und hielt sich mit einer Hand an ihrem Arm, dicht unter der Schulter, mit der anderen an ihrer Hüfte fest. Sie wusste genau, wo seine Hände gewesen waren, weil die Haut dort immer noch prickelte, als er wieder fest auf den Beinen stand und die Hände wegnahm. »M-Ma’am, tut mir sehr Leid.« Er senkte den Blick. Ihm war das offenbar schrecklich peinlich. »Ich schätze, ich bin manchmal ein wenig ungeschickt.«
»Denken Sie sich nichts dabei, Pryce, niemand ist vollkommen.« Sie lächelte mitfühlend. »Sie waren doch schon mal auf Titan. Sie wissen nicht zufällig, ob es irgendwo auf diesem riesigen Schneeball ein Lokal gibt, wo man eine ordentliche Pizza bekommt, oder?« War das gerade eine Einladung? Jo. Warum in drei Teufels Namen fühle ich mich eigentlich zu diesem Tollpatsch hingezogen? Wahrscheinlich sollte ich mit dem General ein wenig schneller machen, ehe ich völlig durchdrehe. Du hast hier Arbeit zu erledigen, Cally. Wach auf, verdammt, anstatt dich an nette Lieutenants ranzumachen.
»Ja, da weiß ich genau das richtige Lokal, Ma’am. Ich könnte Ihnen den Weg erklären, aber es hat keine besonders große Tafel. Die kostet bloß Geld, und ich schätze, Lin ist der Ansicht, dass er das nicht braucht. Er macht ohnehin das größte Geschäft mit Lieferung ins Haus. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, Gesellschaft zu haben, ich habe auch noch nicht gegessen …«
»Äh, das wäre nett, Pryce.« Schließlich muss ich ohnehin essen. Das hat überhaupt nichts mit diesen abgrundtiefen schwarzen Augen zu tun. Überhaupt nichts.
Die Little Venice Pizzeria war ein winziges Lokal auf der unteren Etage. Stewart schätzte, dass die Küche die Hälfte der gesamten Fläche einnahm. In der kleinen Gaststube herrschte etwas mehr Betrieb als üblich, aber sie brauchten nicht lange zu warten, bis sie einen Tisch bekamen. Während der Helfer ihren Tisch sauber machte, nutzte er das Sammelsurium von Drucken und neu interpretierten Holos des alten Venedig als Anregung für Small Talk. Rings um die Gaststube hingen Blumenkästen mit üppigem Grün, sodass das ganze Lokal viel stärker an die Erde erinnerte als jeder andere Ort, den sie bisher auf Titan kannte. Im Hintergrund lief eine Tony-Bennett-Schnulze. Stewart sah, dass sie die Plastikrosen auf dem Tisch bemerkt hatte und lächelte.
»Nicht gerade der richtige Ort für ein Geschäftsessen, Lieutenant.«
»Wollten wir über das Geschäft reden, Ma’am? Die machen hier eine sehr ordentliche Pizza. Ich weiß nicht, ob Sie sehr hungrig sind, aber ich bin es jedenfalls. Teilen wir uns eine Große?«
»Klingt gut. Bilde ich mir das ein oder riecht es hier drinnen nicht so … nach Smog … wie draußen?«, fragte sie.
»Das bilden Sie sich nicht ein. Lin hat zusätzliche Filter einbauen lassen, und die Pflanzen helfen auch. Er sagt, die Luftverschmutzung sei schlecht für die Hefe, was immer das bedeutet. Also, Ma’am, was mögen Sie gerne auf Ihrer Pizza?«
»Alles und zusätzlichen Käse.« Makepeace grinste wie ein kleines Kind.
»Äh … Ma’am, wie wär’s mit con tutto, aber ohne Anchovis?« Er ging zur Theke und sah sich nach ihr um, schob eine Augenbraue hoch.
»Einverstanden.«
»Eine große Müllpizza, extra Käse und ohne Katzenfutter.« Er musterte die schmächtige Brünette hinter der Theke neugierig. »Hi, Suzannu, nett, Sie wieder mal zu sehen. Wo ist Lin?«
»Seine Frau ist krank, also helfe ich hier ein paar Tage aus, bis es ihr wieder besser geht. Hab’s kapiert, einmal Müll ohne Katze, zusätzlich Käse. Kommt in einer Viertelstunde. Wollen Sie was dazu trinken?« Sie stellte zwei leere Becher auf die Theke. »Tut mir Leid, hab nicht viel Zeit, um mich zu unterhalten. Weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht und wie ich das alles hier schaffen soll, bloß ich und Jon, und wir haben wirklich Hochbetrieb.«
Ganz wie er das erwartet hatte, als er seinen Ausweis rauszog und ihn durch den Leser zog, versuchte Makepeace zu bezahlen, aber das ließ er nicht zu, und sie ging nicht so weit, einen Befehl daraus zu machen. Wahrscheinlich würde er sie beim nächsten Mal bezahlen lassen. Was? Augenblick mal — nächstes Mal? Sie ist nicht einmal ein Drittel so alt wie du, du Idiot, und außerdem strohdumm. Komplikationen brauchst du bei diesem Job ganz sicherlich nicht. Also, nach dem Job — sie ist immer noch nur ein Drittel so alt wie du und strohdumm, aber … sie ist offensichtlich volljährig und, hey, Hirn ist schließlich nicht alles. Und Wahnsinnstitten hat sie.
Sie bekamen ihre Drinks und nahmen Platz, was einen Augenblick lang Verwirrung auslöste, weil beide einen Platz mit Blick zur Tür suchten. Er ließ ihr den Vortritt. Sie war Captain, und er lief hier als Lieutenant. Der Tür den Rücken zuzuwenden, nervte ihn, aber da konnte man nichts machen.
»Weshalb sind Sie eigentlich zu Fleet Strike gegangen, Pryce?«
»Um aus der SubUrb rauszukommen, für die Runderneuerung, um off-planet gehen zu können, das Universum sehen, Posties wegpusten. Reicht das, Ma’am?«