»Also, so schlimm kann es doch auch nicht sein«, sagte er.
»Sollten Sie nicht eigentlich Schnittchen verteilen?« Sie drehte sich nicht um. Im Augenblick war ihr überhaupt nicht danach, aufgeheitert zu werden.
»Ja, schon, aber der General hat mich mit diesen drei Seiten hergeschickt. Die sollen zwischen dem Tortendiagramm und der anderen Grafik eingelegt werden, und ich soll ihm zurückmelden, dass alles in Ordnung geht.«
»Dieser widerwärtige Drecksack will mich wohl kontrollieren, wie? Nicht genug, dass ich mit dem Kerl ins Bett gehe, der Hundesohn muss mich auch noch in meiner Freizeit kontrollieren. Ooohhh!«
»Also, Makepeace, ich finde, Sie sollten Ihre Gefühle wirklich nicht so in sich aufstauen«, sagte er.
Sie drehte sich um und erstarrte mitten in der Bewegung, als sie ihm gerade den Stapel Papier ins Gesicht werfen wollte, aber da war etwas an seinem völlig ausdruckslosen Gesicht mit der hochgeschobenen rechten Augenbraue, das sie plötzlich laut herausprusten ließ.
»Okay, okay. Ich habe vielleicht ein bisschen übertrieben.« Sie schüttelte den Kopf, hielt sich die Seiten und atmete tief durch. »Nein, das stimmt wohl auch nicht, aber das hat mir auch nicht geholfen.«
»Hey, Sie dürfen durchaus Dampf ablassen. Solange Sie allein sind. Aber vorher sollten Sie sich vergewissern, dass Sie wirklich allein sind, Ma’am.«
»Wollten Sie etwa nicht sicher sein?«
»Nicht heute Abend. Ich muss jetzt zurück und Schnittchen verteilen. Mir hat bloß nicht gepasst, dass er das so gesehen hat.«
»Ist schon okay, Pryce«, meinte sie und sah ihn mit großen Kulleraugen an, als er zur Tür hinausging. »Ich glaube nicht, dass Sie ungefährlich sind.«
Für Beed war das Angenehme an diesem Abend, dass sie beschäftigt und nicht in Sichtweite seiner Frau war. Für sie war angenehm, dass sie, sobald sie mit dem Kopieren und Zusammentragen fertig war, seit Pryce gegangen war, die einzige Person im Büro war und daher einen perfekten Grund dafür hatte, hier zu sein. Das erlaubte ihr, völlig ungestört den gesamten CID Bereich zu durchsuchen, wobei sie auf drei Würfel mit diversen Daten stieß, die möglicherweise mit ihrem Auftrag zu tun hatten. In diesem Punkt fing Cally allmählich an, etwas nervös zu werden. Okay, sie hatte ja nicht gerade mit einem großen Neonschild gerechnet, auf dem ständig »Zugang zu den geheimen Akten« blinkte, aber abgesehen von dem Wenigen, das ihr der General im Bett anvertraut hatte, war sie bis jetzt nicht auf undichte Stellen gestoßen. Die drei Agenten, von denen sie vermutet hatten, dass sie in die Operation verwickelt waren, waren offenbar alle drei ausschließlich mit regulären CID-Ermittlungen beschäftigt.
Das einzig Interessante, was sie bis jetzt gefunden hatte, war ein Plan im Datenspeicher von Corporal Anders, der die Bereiche in diesem Stockwerk aufzeigte, die zum Hauptquartier der 3rd gehörten. Meist handelte es sich um Räumlichkeiten, zu denen sie Generalzugang hatte. Bei einigen war dies freilich nicht der Fall. Wenn man bedachte, dass das beste Versteck meist das offenkundigste war, musste sie natürlich alles durchsuchen. Mühsam, aber nicht zu vermeiden. Die Zusammenstellung der Präsentationsunterlagen lieferte ihr einen Vorwand, einen als Lagerraum gekennzeichneten Bereich ein Stück weiter unten am Flur aufzusuchen. Sie konnte immer behaupten, sie würde dort nach einer Schachtel mit geheimnisvollen Gegenständen suchen, die man als »Büroklammern« bezeichnete.
Als sie sich genügend staubig gemacht und eine Anzahl Schachteln mit Sicherungswürfeln, einer alten Kaffeemaschine, Uniformstapeln und Uniformteilen, drei nagelneuen PDAs, ein paar Gummiknüppeln, Papiervorräten und kurioserweise eine uralt aussehende Schachtel mit silbernen Partyhüten für Kinder durchsucht hatte, fing ihr Magen heftig zu knurren an. Die Sicherungswürfel, mit Ausnahme der jüngsten, sahen so aus, als befänden sie sich schon seit ziemlich langer Zeit an ihrem augenblicklichen Ort. Sie würde nur dann ihre Zeit damit vergeuden, sie auszulesen, wenn sie sonst gar nichts fand.
Mit der Zeit wurde es lästig, jede Mahlzeit im Lokal einzunehmen. Also kaufte sie sich zunächst in einem Café neben einer Transithaltestelle am Korridor eine Portion Hühnchensalat und eine Schale Gazpacho und fand nur wenig später einen Asienladen, wo sie einen ganzen Sack voll selbst erhitzender Fertigmahlzeiten kaufte. Hühnchen auf Zitronengras, Schweinefleisch Mu Shu, General Tsu’s süß-saure Suppe, Frühlingsrollen, Ente mit Pflaumensoße, Kaliforniarolle mit Sashimi … köstlich.
Diese Packungen waren großartig. Die Heizeinheit befand sich im unteren Teil der Packung, man musste bloß an einem Streifen ziehen, worauf sich die Chemikalien vermischten und die Hitze durch das jeweilige Gericht aufstieg. Nun gut, für einige Spezialitäten wie etwa Frühlingsrollen steckte das Essen auf leitenden Metallzahnstochern, die im Boden der Packung verankert waren. Köstlich. Und man brauchte die Wohnung nicht zu verlassen, um sie zu holen. So wie die Dinge standen, würde sie vermutlich nach wie vor die meisten Mahlzeiten in Lokalen einnehmen. Aber wenigstens hatte sie jetzt auch andere Möglichkeiten. Mikrowelle ging schneller, aber die selbst erhitzenden Sachen schmeckten besser. Schön, das war natürlich Geschmackssache. Und ob man lieber leere Packungen wegwarf oder einmal die Woche die Mikrowelle sauber machte, spielte da auch mit. Cally war wirklich nicht besonders scharf auf Hausarbeit.
Donnerstag, 6. Juni
Stewart forderte sein AID auf, das Hologramm abzuschalten, lehnte sich zurück und rieb sich die Augen. Das Problem bei derartigen Ermittlungen war, dass man wirklich niemanden von der Liste streichen konnte, solange man nicht fündig geworden war. Manche waren einfach nur wahrscheinlicher als andere.
Bedächtig drehte er den Kugelschreiber zwischen den Fingern während er überlegte, eine Angewohnheit, die er sich in seiner ersten Stabsposition zugelegt hatte, lange bevor man das Papier als Medium der militärischen Bürokratie abgeschafft hatte. Er starrte ohne richtig hinzusehen auf das gerahmte Plakat, das er sich ausgedruckt hatte, um damit das fade Hellgrün der Bürowände etwas aufzulockern. Die Agenten hatten den Druck verständnisvoll gemustert, als er ihn aufgehängt hatte, und sich wahrscheinlich gedacht, dass er sich deshalb für Papier anstelle eines ein Fenster simulierenden Bildschirms entschieden hatte, um damit dem Chef in den Hintern zu kriechen.
Tatsächlich handelte es sich aber um den Nachdruck eines Plakats, das in seiner Kindheit eine Wand in der Wohnung seiner Tante Rosita geziert hatte. Mit Ausnahme von Beed waren alle anderen zu jung, um sich an Malibu Beach aus der Vorkriegszeit erinnern zu können. Und Beed stammte aus dem falschen Landesteil. Was er besonders an Sinda schätzte, war die Art und Weise, wie sie sein Plakat betrachtet hatte: ein wenig wehmütig. Er hatte dabei den Eindruck gewonnen, dass sie tatsächlich kapierte. Obwohl es so viele Dinge gab, über die er einfach nicht mit ihr reden konnte, brachte sie es doch irgendwie fertig, ihm das Gefühl zu vermitteln … verstanden zu werden.
Und das erklärte vielleicht, weshalb ihm diese dumme Blondine einfach nicht aus dem Kopf gehen wollte und er jetzt hier saß und grübelte statt zu arbeiten.
»Diana, schalte meinen Monitor wieder ein und gib mir eine Tastatur und einen Peilpunkt.« Im gleichen Augenblick erschien auf seinem Schreibtisch eine Tastatur. Der rote Kreis war rechts von der Tastatur projiziert, und die beiden Knöpfe darunter erfüllten die Funktion einer altmodischen Maus. Da er vor dem Krieg gelernt hatte, Maschine zu schreiben, konnte er auf die Weise viel schneller arbeiten. Glücklicherweise beherrschten moderne PDAs fast alles, mit Ausnahme echter KI, er brauchte sich also keine Sorgen zu machen, dass Beed dahinter kam, dass hier ein echtes AID im Einsatz war und wie viel von seiner täglichen Tätigkeit aufzeichnet wurde. Ein Adjutant stand schließlich ganz logischerweise oft neben seinem General.