Als Teil ihres Einsatzes hatten sie häufige Versetzungen in sein Büro eingeplant, häufiger, als es normalerweise der Fall gewesen war. Die Tarnung dafür bestand darin, dass sich ein neuer Vorgesetzter naturgemäß möglichst viele seiner Leute selbst aussuchen wollte. Sie hatten es geschafft, elf von den siebzehn unmittelbaren Untergebenen im Hauptquartier und bei CID zu ersetzen. Von den jetzt dreizehn Mitarbeitern mit nachgewiesener Verbindung zu den Humanisten hatten neun sowohl diese Verbindung und waren neu.
Makepeace stand natürlich auf der Liste, aber das galt für die Hälfte des Personals, wenn er sich selbst und Beed abzog. Franks stand logischerweise ganz oben auf der Liste der Verdächtigen. Stewart hatte in über sechzig Lebensjahren gelernt, dass der offensichtlich Verdächtige im Gegensatz zu Filmen oder Holos sehr häufig auch tatsächlich der Schuldige war. Trotzdem hatte die feindliche Organisation bereits eines bewiesen: Man konnte nicht darauf bauen, dass sie einem den Gefallen tat, offenkundige Dummheiten zu begehen.
Das lief darauf hinaus, dass er fünfzehn Leute auf Verhaltensmuster, elf genau und neun sehr genau beobachten musste.
Franks hatte mehrere Kommunikationsverbindungen mit der Erde von seinem Quartier aus aufzuweisen, eine davon mit einem bekannten Aktivisten der Humanistenbewegung, der zugleich der Schwager seiner Frau war, eine andere mit einem Freund der Familie, der sich zwar nicht mit humanistischen Sympathiebezeigungen hervorgetan hatte, bei dem sich aber bei genauerer Untersuchung herausgestellt hatte, dass er eine ganze Anzahl Freunde und Bekannte in einschlägigen Kreisen hatte. Die Anrufe waren mit einem relativ leistungsfähigen öffentlichen Zerhackersystem verschlüsselt worden, das irgendein anonymer Schlaumeier herausgegeben hatte. Die Behörden waren verärgert gewesen, und Stewart sollte das vielleicht auch sein, konnte aber nicht verhehlen, dass er eigentlich recht froh darüber war. Er schrieb das seiner wilden Jugend auf der anderen Seite des Gesetzes zu. Einer Jugend, die, wenn man es genau überlegte, doch rechten Spaß gemacht hatte.
Anders hatte in der ersten Woche jede Nacht einen Boyfriend zu Hause angerufen, aber später waren die Anrufe dann weniger geworden. Offenbar war die Distanz doch zu groß, und die Liebe begann zu erkalten.
Makepeace hatte auf zwei lange Briefe ihrer Mutter per E-Mail geantwortet, sich aber in ihrem Schreiben auf Belanglosigkeiten wie die Beschreibung von Arbeitskollegen, Restaurants und Läden am Korridor beschränkt.
Sanchez hatte eine Bestellung für Zigarren, Bourbon und Tabasco-Soße an eine Versandfirma geschickt. Ansonsten verhielt er sich insofern recht typisch, als Fleet Strike mit der Zeit so etwas wie eine Familie für ihn wurde, je mehr sein Alter und die allgemeinen Vorurteile gegen Runderneuerte ihn von früheren Bekanntschaften absonderten.
Keally hielt Kontakt zu seiner Frau und seiner Tochter, die ihn nicht zum Stützpunkt begleitet hatten, hatte aber offenbar keinerlei Kontakte zu seinem besten Freund von der High School, der in North Topeka an der First Methodist Sunday School unterrichtete und sich sehr dezidiert gegen die differenzierte Verjüngung eines Ehepartners ausgesprochen hatte.
Bei den anderen war es mehr oder weniger ähnlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass Franks sein Mann war, war recht groß. Das einzige Problem war, dass bis jetzt alles auf Indizien beruhte. Irgendwelche konkreten Tätigkeiten hatte es nicht gegeben. Und das bedeutete, dass er sich täuschen konnte. Und das wiederum erforderte, ganz gleich wie man es auch sah, dass er sich weiter mit dem Privatleben von vierzehn unschuldigen Leuten befasste.
»Alles abschalten, Diana. Zeit für eine Ladung Tacos.« Tacos. Mhm. Manchmal hatte er das Gefühl und wusste zugleich, dass es mehr als das war, dass ein ganzes Leben vergangen war, seit er sich in seinem Bemühen, die Entbehrungen seiner Kindheit hinter sich zu lassen, völlig anglisiert hatte. Damals hatte er es für notwendig gehalten. Rückblickend wusste er jetzt, dass das nicht der Fall gewesen war. Oh, hie und da hatte es ihm die Vorurteile mancher Leute erspart, aber was ihn wirklich umgedreht hatte, waren der gute Einfluss und das Beispiel von Gunny Pappas und Mike O’Neal gewesen. Sie hatten ihm den Traum von Demokratie und Freiheit vermittelt, manchmal ohne auch nur ein Wort zu sagen. Gute Männer am Ende eines guten Zeitalters. Wie schade, dass der Traum gestorben war. Er wusste nicht, wie es dazu gekommen war. Vielleicht als der Präsident das Capitol per Dekret nach Chicago verlegt hatte. Der Vorwand, die Verfassung nicht zu ändern, war der nationale Notstand gewesen, und die Zahl von Bundesstaaten, die der Feind überrannt hatte. Vielleicht hatte es damit angefangen, als die Kandidaten für öffentliche Ämter und die Überreste der politischen Parteien angefangen hatten, anonyme Spenden in FedCreds anzunehmen und niemand etwas dagegen unternommen hatte. Vielleicht auch damit, dass sie die Bewohner der SubUrbs dazu gebracht hatten, durch Unterschrift auf gewisse Rechte zu verzichten und sich damit ihr Wohnrecht zu sichern. Vielleicht, als man die Büros der Toledo Blade angezündet hatte. Nein, der Schaden war schon vorher angerichtet worden. Das war nur der offensichtlichste Nagel im Sarg dieses Traums. Statt einer echten Ermittlung hatte man nur ein wenig daran herumgestochert, und dann waren die restlichen Zeitungen auf die Linie der Regierung umgeschwenkt. Nicht, dass er es ihnen eigentlich hätte verübeln können. Er hatte die Bilder des Redaktionsstabs gesehen, Bilder, die die Gerichtsmediziner geliefert hatten.
Er ging um seinen Schreibtisch herum und legte fast liebkosend die Hand auf das kalte Glas mit dem papierenen Strand darunter. Ein schöner Traum war das gewesen. Er seufzte. Auf ins La Colima.
13
Donnerstag, 13. Juni
Eine Woche später — sie hatte inzwischen dreimal mit dem General geschlafen, aber keine weiteren brauchbaren Informationen erhalten, und die Umgebung seines Büros gründlich, aber ohne Erfolg durchsucht — konnte Cally sich nicht länger der Erkenntnis verschließen, dass es Zeit für Plan B war. Die Bereiche, zu denen sie keinen Zugang hatte, verfügten über wirksame Sicherheitsvorkehrungen, die auch ihrem von Tommy beschafften Spezialgerät widerstanden hatten, als sie einmal das Glück gehabt hatte, außer Sichtweite eines Militärpolizisten an dem Schloss hantieren zu können.
Allerdings hatte sie es geschafft, die Akte mit den Zugangsberechtigungen auf einen Würfel zu kopieren, und nachdem sie den an Tommy weitergeleitet hatte, hatte ihr der die interessante Information geliefert, dass zwar sie zu diesen Räumen keine Zugangsbefugnis hatte, wohl aber der Adjutant des Generals, Pryce. Und das führte dazu, dass sie beim Sortieren der morgendlichen E-Mail-Ausdrucke für Beed über die ihr gar nicht so unsympathische Alternative nachdachte, Plan B in die Tat umzusetzen. Ganz und gar nicht unsympathisch.
Sich an Pryce heranzumachen würde freilich durch Beeds widerwärtige, ständige Kontrollen erschwert werden, eine Angewohnheit, die sich in den letzten Tagen bei ihm eher noch verstärkt hatte. Trotzdem würde ihr dabei auch einiges zustatten kommen. Zuallererst die Tatsache, dass der General offenbar nichts dagegen einzuwenden hatte, wenn sein Adjutant mit ihr Kontakt hatte, wohingegen er bezüglich anderer Männer geradezu eifersüchtig darüber wachte, sie nicht mit ihnen allein zu lassen. Ob dies nun Pryces niedrigem Rang zuzuschreiben war oder der Tatsache, dass seine schreckliche Tollpatschigkeit und sein Stottern sich in Anwesenheit des Generals eher noch verstärkten, jedenfalls schien Beed ihm gegenüber so etwas wie einen blinden Fleck zu haben. Und sie war natürlich fest entschlossen, durch ihr Verhalten in der Öffentlichkeit diese Tendenz noch zu fördern.