Dann konnte sie erst wieder bewusst denken, als er gekommen war und sie merkte, dass sie auf dem Boden über ihm zusammengesunken war und einen leichten Wadenkrampf verspürte. Sie wusste nicht, wie viele Orgasmen sie durchzuckt hatten, während ihr Gehirn auf Standby geschaltet hatte. Sie wusste nur, als sie sich von ihm löste, sich seitlich wegschob, dass ihre Muskeln zu Wasser geworden waren. Erschöpft ließ sie den Kopf auf seiner Schulter ruhen, und der völlig entspannte Zustand seiner Muskeln bildete einen scharfen Kontrast zu der Spannung, unter der sie noch vor Minuten gestanden hatten. Sie fuhr mit dem Zeigefinger durch die Haare auf seiner Brust, leckte sich den dünnen Schweiß von der Fingerspitze. Es schmeckte salzig und irgendwie undefinierbar, unbeschreiblich, nur dass sie wusste, dass sie danach süchtig sein würde. Aber … erst … viel später … nachdem sie sich ein wenig ausgeruht hatte. Oder vielleicht auch lange ausgeruht.
Erstaunlicherweise stellte sich heraus, dass Fleet-Seide doch knittern konnte.
Freitag, 14. Juni
Am Freitag fiel ihr aus nahe liegenden Gründen das Aufstehen immer am leichtesten. In ihrem Fall kam noch hinzu, dass Beed das ganze Wochenende über nicht von seiner Frau loskommen würde. So schritt sie besonders munter aus, als sie auf dem Weg zur Arbeit einen kleinen Umweg zu Claybourne’s Coffee machte, spürte allerdings noch an einigen recht ungewöhnlichen Stellen einen leichten Muskelkater.
Zu den interessanten Vorzügen des Lebens auf dem Stützpunkt zählte, dass man hier wirklich hervorragende Arbeit geleistet hatte, als es darum ging, die Beleuchtung dem menschlichen Tagesrhythmus anzupassen. Die ständig gleiche Beleuchtung war eines der Konstruktionsprobleme der frühen SubUrbs gewesen, dem man eine Menge der psychologischen Probleme zuschrieb, die während und nach dem Postie-Krieg aufgetreten waren. In den besseren Vierteln der meisten Urbs hatte man inzwischen nachträglich justierbare Leuchtfarbe angebracht und die auf optimale Tageszyklen programmiert. Auf Titan war das nur in geringem Maße notwendig geworden, da man von Anfang an gewusst hatte, dass ein künstlicher Tagesrhythmus gebraucht wurde. Das war zumindest die Erklärung gewesen. Aber was auch immer der Grund sein mochte, es war jedenfalls interessant, den Korridor bei Tageslicht zu erleben und zugleich zu wissen, dass diese Beleuchtung nicht etwa natürliches Sonnenlicht war, das nur irgendwelche Deckenfenster diffus gemacht hatten. Die Imitation war wirklich hervorragend gelungen, die Pflanzen jedenfalls gediehen dabei ganz vorzüglich. Auf diesem Stockwerk hatte man das GalPlas so strukturiert, dass man den Eindruck von altem Ziegelpflaster hatte, und das helle Rosa der Steine bildete einen angenehmen Kontrast mit den Terrakotta Pflanzkübeln. Bienen summten um die Blumen, die in diversen Hängekörben in Blüte standen, und die unechten Neonschilder der vorzugsweise nachts geöffneten Geschäfte waren dunkel. Alles hier sah bei Tag so völlig anders aus, dass in ihr dabei fast so etwas wie Heimweh angekommen, wäre, wenn da nicht der fremdartige Chemikaliengeruch und die trockene Luft gewesen wären, die sich so deutlich von der feuchten Salzluft von Charleston unterschied.
Sie ließ sich davon nichts anmerken, aber ihr Gefühl, sich in einer Tarnidentität zu bewegen, bekam doch einen leichten Schock, als sie an der Schaufensterpuppe in dem Kleiderladen nebenan ein rotes Halstuch entdeckte. Wie spät auch immer es heute Abend werden mochte, sie würde sich unbedingt die Zeit nehmen müssen, um sich mit Grandpa zu treffen. Dabei hatte sie ihm, abgesehen von all dem, was nicht geklappt hatte, kaum etwas mitzuteilen — außer halt der Bestätigung dafür, dass Beed an einem zusätzlichen Projekt arbeitete, was wahrscheinlich ihre »undichte Stelle« war. Vielleicht hat Grandpa etwas zum Thema Tongs zu bieten.
Nachdem sie einen Latte Macchiato zu sich genommen und sich eine Tüte Kirschen gekauft hatte, saß sie im Transitwagen nach oben ins Büro. Aus irgendeinem Grund schmeckten die Kirschen und Pflaumen auf Basis Titan wesentlich besser als das sonstige Obst und Gemüse, das die Hydroponik hier erzeugte — wahrscheinlich weil die Hydroponikfarm sich in der untersten Etage des Flottenquadranten befand. Nachdem sie zum ersten Mal mit auf dem Stützpunkt erzeugten Kaffee Bekanntschaft gemacht hatte, hatte sie den Bürokaffee nur mehr in Fällen ausgeprägten Koffeinentzugs zu sich genommen. Einmal hatte sie sich sogar bei Carlucci danach erkundigt. Aber offenbar war es so, wie Beed gesagt hatte — man gewöhnte sich daran. Alle, die länger hier waren, schienen den Unterschied überhaupt nicht mehr wahrzunehmen. Sie würde vermutlich auch anfangen müssen, das scheußliche Zeug zu trinken. Sinda Makepeace würde den Akklimatisierungsprozess hinter sich bringen, schließlich war es nicht gut für ihre Tarnung, wenn sie weiterhin darauf bestand, teuren importierten Erdkaffee zu trinken. Unprofessionell.
Im Büro schenkte sie sich aus der Kaffeemaschine im Kopierraum eine Tasse ein und musste ein leichtes Grinsen unterdrücken, als sie am Arbeitstisch vorbeikam, auf dem gewöhnlich die Kopien zusammengetragen wurden. Sie verzog das Gesicht, als sie die übel riechende Flüssigkeit im Becher sah, tat aber dennoch Zucker und Milchpulver hinein und machte sich dabei klar, dass sie schließlich um der guten Sache willen schon viel schlimmere Dinge getan hatte.
Pryce hatte seine Sache besser gemacht, als sie das angenommen hatte, und sich ganz normal verhalten, als er Guten Morgen gesagt hatte. Gestern Nacht vor dem Einschlafen hatte sie die Sorge geplagt, er könnte sich als schlechter Lügner erweisen. Aber er war okay. Vielleicht ergab sich sogar eine Gelegenheit, an diesem Wochenende mit ihm zusammenzukommen. Sie grübelte jetzt schon ein paar Tage an einem Plan, und die Chemie zwischen ihnen beiden war gut genug, dass er vielleicht sogar funktionieren könnte. Wenn sie ein wenig auf seinen Wunsch nach Abwechslung einging und in ihm den Eindruck erweckte, dass verschiedene Stellen im Büro besonders gut für Sex wären, konnte sie ihn vielleicht dazu bewegen, ihr Zugang zu Bereichen zu verschaffen, die ihr normalerweise versperrt waren oder sie konnte ihm einfach den Ausweis stibitzen.
Sie sah sich auf ihrem PDA den morgendlichen Posteingang an und versuchte dabei, den wirklich grauenhaften Kaffee Schluck für Schluck hinunterzuzwingen, beschloss aber schließlich, ihn doch wegzukippen, wenn niemand hersah. Zum Teufel, jetzt sah gerade niemand her, und wenn die Brühe richtig heiß war, schmeckte sie vielleicht nicht ganz so scheußlich. Gleich darauf musterte sie den leeren Becher zufrieden und versuchte bei dem etwas sauren Nachgeschmack nicht die Nase zu rümpfen.
Der Bericht über Belobigungen war vom ersten Bataillon auf Dar Ent reingekommen. Verdammt, ich wüsste gerne, wem Simkowitsch wohl in die Suppe gepinkelt hat? Akten verloren, dass ich nicht lache.
»Buckley, komplette Kopie der Simkowitsch-201-Akte an Personal schicken, Kopie davon an Zahlstelle mit kompletter Kopie seiner sämtlichen Zahlungsunterlagen. Kodieren, dass es von General Beed kommt. Gib an, der General hat den dringenden Wunsch, dass diese Angelegenheit heute spätestens um sechzehnhundert erledigt ist. Falls das nicht möglich sein sollte, sollen die bitte sofort antworten und detailliert die Gründe für die Verzögerung und die dafür verantwortlichen Personen nennen. Kopie von dem ganzen Schlamassel an das AID von General Franklin. Und dann schickst du dem AID Lisa noch ein privates Memo dazu und erklärst ihr, dass sie nach eigenem Ermessen entscheiden soll, ob sie es ihrem Boss zeigen möchte, falls der Name denen nicht endlich Feuer unter dem Hintern macht. Vier Monate Verzögerung, nicht zu glauben.«
Als sie ein paar Augenblicke später über den Flur ging, um sich die morgendlichen Ausdrucke von Beed zu holen, kam ihr Pryce entgegen, der gerade von irgendwo in sein Büro zurückkehrte. Sie blieb nicht stehen, ging aber so dicht an ihm vorbei, dass ihre Brust seinen Arm streifte. Als sie dann den Weg den Flur hinunter fortsetzte, um die dämlichen Papiere zu holen, war ihr Schritt beschwingt. Plötzlich hätte sie am liebsten vor sich hingepfiffen.