»Sie wissen, dass es in diesem Spiel meistens darum geht, die Informationen zu bekommen, ohne den anderen wissen zu lassen, dass man sie hat.« Er konnte nicht umhin, ein wenig sarkastisch zu werden. Auch wenn er sich noch so große Mühe gab, ihm ging das einfach unter die Haut, mit jemandem zu verhandeln, der die eigenen Freunde verriet.
»Wenn man das kann. Aber ich will Ihnen was sagen: Die wissen, dass sie eine undichte Stelle haben. Sie verlieren also nichts, was nicht schon verloren wäre. Die brauchen nicht einmal zu wissen, dass Sie ihn haben. Sie können es ja so aussehen lassen, als ob er auf einem Kolonistenschiff nach draußen geflogen wäre.« Offenbar spürte der Glatzkopf schon, wie das Netz sich um ihn schloss.
Okay, die würden das »Ablenkungsmanöver« dieses Schwachkopfs nur schlucken, wenn sie wirklich dämlich wären, und um jemanden bei uns einzuschleusen, was ihnen ja gelungen ist, dürften sie das wirklich nicht sein. Nein, dumm sind die auch nicht. Andererseits, wenn er uns tatsächlich Insider liefert, ist das gleichgültig. Und ich habe meine Antwort. Seine Leute sind dabei, ihm auf die Pelle zu rücken, und er versucht, sich zu decken. Wenn das der Preis ist, komme ich damit klar. Was muss ich ihm pro Kopf bezahlen? Drei Millionen US Dollar pro Teammitglied?
»Ich denke, das wird sich machen lassen. Wir werden das Beweismaterial nach Wunsch platzieren und bezahlen Ihnen eine Million Dollar US für diesen Typen und für jedes Mitglied seines Teams, das wir erwischen«, sagte er.
»Seh ich aus, als wär ich blöd? Fünf Millionen US pro Nase, und zwar für jede Person, deren Identität ich Ihnen liefere. Wenn Sie sie erschießen wollen statt sie zu schnappen, oder wenn Sie die ganze Geschichte verpatzen, ist das Ihr Problem.« Der Verräter litt offenbar nicht an einem Mangel an Selbstbewusstsein.
Es bedurfte noch einigen Feilschens, aber schließlich einigten sie sich auf zweieinhalb, die Hälfte bei Lieferung der Namen, die zweite Hälfte, sobald bestätigt war, dass der Name zu einer konkreten Person gehörte, die glaubhaft als Agent der Organisation identifiziert war. Dazu kamen die üblichen wechselseitigen Sicherheitsvorkehrungen. Ein geringer Preis für das, was ich bekomme.
»So, Mr. Jones, bloß als Geste des guten Glaubens, werden Sie jetzt sicherlich begreifen, dass ich für die Leute, denen ich berichte, etwas brauche, ehe sie mir so viel Geld zur Verfügung stellen. Dieses Team, das Sie uns geben werden, hat das irgendeine interne Bezeichnung?«
»Hat es: Hector.«
Samstag, 15. Juni, 03:30
Michael O’Neal senior hatte sich nie an das Warten gewöhnen können. Oh, er hatte sehr früh im Leben gelernt, so zu tun, als wäre er geduldig, sonst hätte er nicht überlebt. Aber das hieß nicht, dass es ihm gefallen musste. Und das tat es auch nicht. Seine Enkeltochter war nicht gerade verspätet, da sie für ihr Treffen keine bestimmte Zeit festgesetzt hatten, und bei ihrer Tarnung konnte es im Einsatz natürlich alle möglichen Gründe geben, weshalb sie nicht früher wegkonnte oder vielleicht auch gar nicht.
Was das Warten nicht gerade leichter machte.
Er hatte Cally die Kunst des Überlebens beigebracht, des Überlebens im Gefecht und des Überlebens in feindlicher Umgebung, und hatte mit dieser Ausbildung in ihrem achten Lebensjahr begonnen. Als kleines Mädchen im Krieg gegen die Posleen war sie standfester als so mancher erwachsene Mann gewesen. Sie hatte den Attentäter getötet, der zu ihnen gekommen war, um sie beide umzubringen, falls es ihm nicht gelang, ihn, Michael O’Neal, zu rekrutieren und hatte anschließend neben Team Conyers gegen die Posties gekämpft, als sie durch das Gap heraufgekommen waren.
Er spuckte hingebungsvoll in die zweite Tasse, die ihm die Bedienung freundlicherweise gebracht hatte.
Nach dem Krieg hatte sie in einer privaten Kirchengemeinde bei dem Bane-Sidhe-Kader von Killernonnen eine erstklassige Ausbildung genossen. Ihre Fähigkeiten waren dort zu höchster Vollkommenheit entwickelt worden. Es war vermutlich keine Übertreibung, sie als die beste lebende Attentäterin auf der Erde oder außerhalb zu bezeichnen — allenfalls mit einer einzigen Ausnahme, nämlich ihm selbst. Obwohl er nicht über ihre … natürlichen Vorzüge verfügte.
Aber da dies so war — warum musste er sich dann jedes Mal, wenn sie im Feldeinsatz war, wie ein nervöser Vater fühlen, dessen Tochter ihr erstes Rendezvous hatte?
Er unterdrückte den Drang aufzustehen und auf und ab zu marschieren, unterdrückte ihn nicht nur, sondern erwürgte ihn und riss ihn in Stücke. Cally war schon lange über ihr erstes Rendezvous hinaus. Das war sogar ein gewisses Problem. Man konnte einem Mädchen beibringen, wie man verlässlich aus tausend Meter Distanz eine Zielscheibe mit zwanzig Zentimeter Durchmesser traf, man konnte ihr beibringen, wie man Fallen erkannte und ihnen aus dem Weg ging, man konnte ihr neun unterschiedliche Methoden beibringen, wie man in der Dunkelheit lautlos einen Menschen tötete, aber man konnte ihr nicht beibringen, wie man mit den Belastungen ihres Jobs zurechtkam. Das war eines der Dinge, die jeder Attentäter selbst lernen musste.
Cally war schon immer ein Naturtalent gewesen. Er erinnerte sich noch gut an das erste Mal, als er dem Kind eine Pistole in die Hand gedrückt hatte. Natürlich war sie nicht einmal imstande gewesen, eine Scheunenwand zu treffen, aber nachdem sie ihr erstes Magazin auf dem Schießplatz leer geschossen hatte, hatte sie sich umgedreht und ihn angesehen. Sie war damals schlank gewesen, nein, nicht schlank, dürr, und ihr blondes Haar war stets wirr und zerzaust gewesen. Und an der Nase war da ein Schmutzfleck gewesen, wo sie sich gekratzt hatte. Die Ohrenschützer waren groß und leuchtend grün gewesen, und die Schutzbrille war ihr auf die Nasenspitze gerutscht, aber das Grinsen, mit dem sie ihn angesehen hatte, hatte ihr ganzes Gesicht zum Leuchten gebracht. Und im Laufe der Zeit war ihm klar geworden, dass sie außer ihrer Begeisterungsfähigkeit noch über zwei andere wichtige Fähigkeiten verfügte. Sie hatte ungewöhnlich scharfe Augen und eine ausnehmend ruhige Hand. Er hatte darauf geachtet, beides zu schützen — Letztere unter anderem vor Lastern wie Koffein. Es gab Wesenszüge, die besser zu heranwachsenden Kriegern passten.
Und dann war sie natürlich auch stur gewesen. Keine Ahnung, woher sie das hatte. Er schmunzelte. Und diesen Mistkerl hatte sie in die Kniekehle geschossen, als er versucht hatte …
Die Tür schob sich auf, und da war sie endlich, sein Baby, seine Enkeltochter — aber was in drei Teufels Namen hatte sie da an? Der einteilige schwarze Lederanzug hätte gut zu einer Tarnung als Nutte gepasst — falls es eine Kombination für ihre Maße gewesen wäre. So ließ sich der Reißverschluss hinten nur halb schließen, ohne dass sie aus dem Anzug platzte. Und nach seiner Ansicht bestand diese Gefahr immer noch. Am liebsten wäre er aufgestanden und hätte sie in eine Decke gehüllt.
»Hey, Süße, was darf ich dir zu trinken bestellen?«, fragte er, als sie in den Raum geschlendert kam, sich rittlings auf einen Barhocker setzte und die Arme über die Armlehne legte, während die Tür sich hinter ihr zuschob. Ihr federnder Schritt passte seiner Ansicht nach überhaupt nicht zu der Rolle, die sie spielte. Huren hatten einen anderen Gang.
»Bushmill Black, Wasser. Für billigen Whiskey ist das Leben zu kurz«, sagte sie. Mit dem linken Fuß tippte sie nervös auf den Boden, als könnte sie nicht richtig stillsitzen, obwohl es bereits spät war und sie doch eigentlich hätte müde sein sollen.
»Du gefällst mir«, sagte er. Das Leben zu kurz? Cally hatte schon lange nicht mehr gedacht, dass das Leben für irgendetwas zu kurz wäre. Da ist etwas im Busch.