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Was ihr Vorhaben noch schwerer machte, war die Tatsache, daß die Zitadelle immer dichter und dichter auf den Turm zu fuhr. Die blutroten Spitzen der schwarzen Minarette des Turms tanzten vor Tanis’ Augen, als die Zitadelle vor und zurück schlingerte und sich ruckartig nach oben und unten bewegte.

»Spring!« schrie Caramon, während er sich selbst hinunterwarf.

Ein Rauchwirbel schwirrte an Tanis vorbei und machte ihn blind. Die Zitadelle bewegte sich weiter. Plötzlich ragte eine riesige schwarze Steinsäule direkt vor ihm auf. Er mußte entweder springen, oder er würde zerquetscht werden. Verzweifelt sprang Tanis. Über sich hörte er grauenhaftes, knirschendes und zermalmendes Geräusch. Er fiel in ein Nichts, Rauch wirbelte um ihn, und dann blieb ihm nur noch der Bruchteil einer Sekunde, um sich anzuspannen, als der Gang des Todes unter seinen Füßen auftauchte.

Er landete mit einem Aufschlag, der ihn so durchrüttelte, daß er jeden Knochen in seinem Körper spüren konnte und er betäubt und atemlos liegen blieb. Er konnte gerade noch daran denken, sich auf den Bauch zu rollen und seinen Kopf mit beiden Armen zu schützen, als Steine auf ihn herunterprasselten.

Caramon war schon auf den Beinen und brüllte: »Norden! Richtung Norden!«

Sehr, sehr schwach glaubte Tanis eine schrille Stimme in der Zitadelle über sich schreien zu hören: »Norden! Norden! Norden! Wir müssen schnurstracks gen Norden steuern!«

Die Geräusche der Zerstörung ließen nach. Tanis hob vorsichtig seinen Kopf und sah durch Rauchschwaden die fliegende Zitadelle, wie sie leicht schwankend einen neuen Kurs einschlug und nun zielstrebig auf den Palast des Herrschers Amothud zusteuerte.

»Bist du in Ordnung?« Caramon half Tanis auf die Beine.

»Ja«, murmelte der Halb-Elf benommen. Er wischte sich Blut vom Mund. »Hab’ auf meine Zunge gebissen. Verdammt, das tut weh!«

»Der einzige Weg nach unten ist dort drüben«, sagte Caramon, der hastig aufbrach. Nach kurzer Zeit kamen sie zu einem Bogengang, der in den schwarzen Stein des Turms geschlagen war. Die kleine Holztür darin war verschlossen und verriegelt.

»Wahrscheinlich sind Wächter aufgestellt«, warnte Tanis, als Caramon zurücktrat, um die Tür einzurennen.

»Ja«, grunzte der große Mann. Er nahm einen kleinen Anlauf und warf sich gegen die Tür. Sie bebte und quietschte. Holz splitterte an den Eisenstangen, aber sie hielt. Caramon rieb sich die Schulter und trat zurück. Mit einem Blick auf die Tür konzentrierte er seine ganze Kraft und Anstrengung und warf sich wieder gegen sie. Dieses Mal gab sie mit einem lauten Krachen nach und riß Caramon mit sich.

Tanis eilte hinterher und spähte in die raucherfüllte Dunkelheit. Dort fand er Caramon auf dem Boden, umgeben von Holzsplittern. Der Halb-Elf wollte gerade mit einer Hand nach seinem Freund greifen, als er mit großen Augen innehielt.

»Im Namen der Hölle!« fluchte er, und der Atem blieb ihm in der Kehle stecken.

Hastig rappelte sich Caramon auf. »Ja«, sagte er erschöpft. »Auf die bin ich auch schon gestoßen.«

Zwei Paare körperloser Augen, die in einem unheimlichen, kalten Licht weiß glühten, schwebten vor ihnen.

»Sie dürfen dich nicht berühren«, warnte Caramon Tanis mit leiser Stimme. »Sie saugen dir das Leben aus dem Körper.«

Die Augen schwebten näher.

Eilig stellte Caramon sich vor Tanis und sah die Augen an. »Ich bin Caramon Majere, Bruder von Fistandantilus«, sagte er leise. »Ihr kennt mich. Ihr habt mich schon zuvor gesehen, vor längst vergangener Zeit.«

Die Augen hielten an. Tanis konnte eisigkalt spüren, wie sie sie überprüften. Langsam hob er seinen Arm. Das kalte Licht der Wächteraugen spiegelte sich in dem silbernen Armband wider.

»Ich bin ein Freund deines Herrn«, sagte er und versuchte, mit fester Stimme zu sprechen. »Dalamar hat mir dieses Armband geschenkt.« Tanis spürte plötzlich eine kalte Berührung an seinem Arm. Er stöhnte auf vor Schmerz, der sich direkt in sein Herz zu bohren schien. Er taumelte und stürzte fast. Caramon fing ihn auf.

»Das Armband ist verschwunden!« murmelte Tanis mit zusammengebissenen Zähnen.

»Dalamar!« schrie Caramon, und seine Stimme dröhnte und hallte durch die Kammer. »Dalamar! Hier ist Caramon! Raistlins Bruder! Ich muß in das Portal! Ich kann ihn aufhalten! Ruf die Wächter zurück, Dalamar!«

»Vielleicht ist es zu spät«, sagte Tanis, während er auf die blassen Augen starrte, die zurückstarrten. »Vielleicht hat es Kitiara zuerst geschafft. Vielleicht ist er tot...«

»Dann sind wir es auch«, erwiderte Caramon leise.

6

»Verflucht, Kitiara!« würgte Dalamar in seinem Schmerz. Er taumelte zurück und drückte eine Hand gegen seine Seite. Warm fühlte er sein Blut zwischen den Fingern fließen.

Auf Kitiaras Gesicht lag kein Lächeln voll Hochstimmung. Er bemerkte eher einen Ausdruck von Angst, als sie sah, daß der Stoß, der ihn hätte töten sollen, fehlgegangen war. Warum? fragte sie sich zornig. Sie hatte schon Hunderte von Männern auf diese Art umgebracht! Warum hatte sie jetzt versagt? Sie ließ ihr Messer fallen und zog ihr Schwert, während sie gleichzeitig einen Satz nach vorne machte.

Das Schwert schwirrte kraftvoll durch die Luft, aber es schlug gegen die feste Wand. Funken sprühten auf, als das Metall auf den magischen Schild traf, den Dalamar um sich herum herbeibeschworen hatte, und ein lähmender Schlag fuhr von der Klinge durch den Griff und dann ihren Arm entlang. Kraftlos mußte sie das Schwert fallen lassen. Kitiara umklammerte ihren Arm und taumelte auf ihre Knie. Tiefer Schrecken packte sie.

Dalamar hatte Zeit, sich von dem Schock durch den Messerstich zu erholen. Die Verteidigungszauber, die er instinktiv geworfen hatte, waren das Resultat jahrelanger Übung. Er hatte nicht einmal bewußt daran denken müssen. Jetzt aber starrte er verbittert vor sich auf die Frau am Boden, die mit ihrer linken Hand nach ihrem Schwert griff, während sie die Rechte anspannte und beugte, um wieder ein Gefühl zu bekommen.

Der Kampf hatte gerade erst begonnen.

Wie eine Katze drehte sich Kitiara wieder auf die Füße. Ihre Augen glühten voll Kampfeszorn und in der Erregung, die der Kampf in ihr weckte. Dalamar hatte diesen Blick voller Begierde schon in den Augen eines anderen gesehen – in Raistlins Augen, wenn er in der Ekstase seiner Magie verloren war. Der Dunkelelf schluckte ein Würgen in seiner Kehle hinunter und versuchte, Schmerz und Angst aus seinem Bewußtsein zu vertreiben, versuchte, sich ausschließlich auf seine Zaubersprüche zu konzentrieren.

»Zwing mich nicht, dich zu töten, Kitiara«, murmelte er, um Zeit zu gewinnen. Mit jedem Moment gewann er an Stärke. Er mußte mit seinen Kräften haushalten! Es würde ihm wenig nützen, Kitiara aufzuhalten, nur um dann durch die Hände ihres Bruders zu sterben.

Sein erster Gedanke war, die Wächter zu rufen. Aber er verwarf ihn wieder. Sie war an ihnen einmal vorbeigekommen, wahrscheinlich vor allem durch die Zauberkräfte des Nachtjuwels. Langsam wich Dalamar vor der Drachenfürstin zurück und schob sich näher zu dem Steintisch, wo seine magischen Hilfsmittel lagen. Aus den Augenwinkeln sah er etwas Goldenes aufblitzen – den magischen Zauberstab. Wenn seine Berechnung stimmte, mußte er bald den magischen Schild auflösen, um den Stab gegen Kitiara benutzen zu können. Aber er las in Kitiaras Augen, daß auch sie sich dessen bewußt war. Sie wartete darauf, daß er den Schild fallen lassen würde. Sie wartete ihre Zeit ab.

»Du bist getäuscht worden, Kitiara«, sagte Dalamar leise. Er hoffte, sie damit abzulenken.

»Von dir doch wohl!« höhnte sie. Sie nahm einen silbernen Kerzenhalter mit mehreren Armen und schleuderte ihn gegen Dalamar. Er prallte wirkungslos gegen den magischen Schild und fiel vor seine Füße. Ein Rauchkringel stieg vom Teppich hoch, aber das kleine Feuer erstarb im schmelzenden Kerzenwachs fast unverzüglich.