»Mein edler Gatte ist mehr in deine dunkle Haut verschossen, als ihm guttut! Jedenfalls scheint mir das so! Meine Güte, er führt sich auf wie ein brünstiges Tier …«
»Wenn er in meine Haut verliebt ist«, sagte Cathérine kalt, »dann hat er sie dennoch nicht genossen. Euer Ruf, edle Dame, hat mich davor gerettet …«
»Gerettet? Was soll das heißen? Was kann ein Mädchen wie du besseres erhoffen als einen großen Herrn? Vergißt du, daß ich seine Frau bin?«
»Ich bin Eure Dienerin. Und die Befehle, die ihr mir gegeben habt, lassen mich annehmen, daß ich es vergessen könnte.«
Der Zorn der Dame ließ sofort nach, durch die Kälte ihrer Gesprächspartnerin gedämpft. In diesem Augenblick, auf dem Höhepunkt ihres Wutanfalls, hatte sie versucht, an der ersten Person, die ihr unter die Krallen kam, ihr Mütchen zu kühlen. Aber die Frau, die sich so selbstsicher benahm, hatte keine Furcht, und in diesem Moment erinnerte sie sich, daß sie ihre Dienste brauchte. Mit fieberhafter Stimme fragte sie:
»Hast du, worum ich dich bat?«
Cathérine nickte zwar zustimmend, kreuzte aber die Arme über der Brust, als wollte sie das verteidigen, was sie in ihr Mieder gesteckt hatte.
»Ich habe es, aber ich habe noch einiges zu sagen …«
Die Hand der Gräfin streckte sich schon aus, während ihre habsüchtigen Augen zwischen den dicken, braungetönten Lidern funkelten.
»Sag's schnell … und gib her! Ich bin in Eile!«
»Gestern habt Ihr mir für diesen Trank Gold angeboten. Ich habe abgelehnt, ich lehne nach wie vor ab … aber ich will etwas anderes!«
Ein leises Lächeln verzog die Lippen der Dame, aber ein unheimliches Licht flackerte in ihrem Blick.
»Du hast es ja bereits gesagt: Du willst mir dienen. Gib her!«
»Jawohl, ich habe es gesagt, und ich wiederhole es, aber heute morgen haben sich die Dinge geändert. Unser Stammesführer ist Gefangener in diesem Schloß. Er hat den Tod zu gewärtigen. Ich möchte sein Leben!«
»Was geht mich das Leben eines Wilden an? Gib dieses Fläschchen her, wenn du nicht willst, daß ich es dir durch meine Frauen entreißen lasse.«
Langsam zog Cathérine das Fläschchen aus ihrem Brustschleier und nahm es in die Hand. Ihre Augen trotzten dem Zorn der Gräfin, während über ihre roten Lippen ein unmerkliches Lächeln glitt.
»Hier ist es! Wenn man aber auf mich losgeht, werfe ich es zu Boden, wo es zerbrechen wird. Wir haben keine Flaschen aus Gold oder Silber, wir Zigeuner … nichts als Ton! Und Ton ist zerbrechlich. Eure Frauen werden nicht die Zeit haben, es mir zu nehmen. Ich werde es entzweimachen … ebenso, wie ich es zerbrechen werde, wenn Fero den Seinen nicht zurückgegeben wird!«
Auf dem verkrampften Gesicht ihrer Gegnerin konnte sie den Kampf sehen, den die Wut, die Leidenschaft und die Begierde gegeneinander führten. Das letzte gab den Ausschlag.
»Warte einen Augenblick. Ich werde sehen, was sich machen läßt.«
Ohne sich die Mühe zu machen, ihr Haar hochzustecken, hüllte die Gräfin Kopf und Schultern in ein grünes Seidentuch und ging hinaus. Allein geblieben, setzte Cathérine sich auf die am Kamin aufgehäuften Kissen. Die Luft dieses Raumes erstickte und ängstigte sie gleichzeitig. Alle diese zu schweren Parfüme kamen ihr wie die Ausdünstung der giftigen Frau vor, die hier wohnte. Ihre fiebrigen Finger suchten unter ihrem Kleid die harten Umrisse des Dolches, liebkosten den ziselierten Griff, als wollte sie Hilfe von ihm erbitten. Wie oft hatte die Hand Arnauds sich um diese Waffe geschlossen, so daß sie etwas von seiner Kraft auf sie übertragen haben mußte … Doch als sie die straffe Gestalt ihres Gatten wieder heraufbeschwor, stiegen ihr die Tränen in die Augen, brennend und groß vor Schmerz … Was war zu dieser Stunde von seinem kräftigen Körper, seinem schönen Gesicht noch übrig? Wie weit hatte die Lepra sie schon verwüstet? … Eiskalter Schrecken durchfuhr sie, als sie an die Leprakranken dachte, die sie auf seinem Weg getroffen hatte, fürchterliche Ruinen von grauem Fleisch, die nichts Menschliches mehr an sich hatten und die mitunter zum Grab der Heiligen pilgerten, um eine unmögliche Heilung zu erflehen … Diese Frau, die soeben hinausgegangen war, war die Ursache allen Übels, das über Arnaud gekommen war und das ihr das Herz brach. Mit welcher Lust hätte sie ihr die Klinge ins Herz gebohrt, die jetzt bei der Berührung mit ihrem Fleisch warm geworden war! Aber sie mußte warten … immer noch warten! Mit Überdruß vergrub Cathérine den Kopf in ihren Händen und versuchte, die schmerzlichen Bilder zu verdrängen, die ihren Mut brachen. Plötzlich stellte sich eine andere Gestalt vor ihrem geistigen Auge ein: die eines blonden Mannes, dessen helle Augen sie zärtlich anblickten und der am Arm eine schwarzweiße Binde trug. Dieses Bild war schön, beruhigend und süß. Dennoch vertrieb Cathérine es auch, wie eine Entweihung, als hätte Pierre de Brézé versucht, ihr Herz zu zwingen, das Bild Arnauds daraus zu verbannen …
Die Rückkehr der Dame de La Trémoille riß sie aus ihren Gedanken. Die Gräfin musterte die kauernde junge Frau einen Augenblick von oben bis unten und lächelte dann, doch aus diesem Lächeln las Cathérine eine Grausamkeit heraus, die sie aufmerken ließ.
»Komm«, sagte sie. »Du wirst zufrieden sein!«
Wie in der vergangenen Nacht gingen sie eine hinter der anderen hinaus, aber es gab keine Mauertür. Sie stiegen zum Hof hinunter, überquerten ihn und umgingen den Schloßturm, um zum Gefängnisturm zu gelangen. Auf dem Weg erkannte Cathérine Tristan l'Hermite bei einer Gruppe von Stallknechten, die auf einem großen Stein Würfel spielten. Als sie vorüberkam, wandte er sich um und folgte ihr mit den Augen. Sein Blick war so gleichgültig und unbewegt wie üblich, aber aus seiner Beharrlichkeit schloß die junge Frau, daß er sich fragte, was sie in dieser Gesellschaft in den Gefängnissen zu suchen habe.
Eine Pforte im Rundgewölbe, so niedrig, daß man sich bücken mußte, um durchzugehen, öffnete sich am Fuß des Turmes. Kaum über die Schwelle getreten, spürte Cathérine, wie eine plötzliche Kälte ihre Schultern einhüllte. Die Sonne, die Wärme hielten sich draußen, außerhalb dieser Welt der Finsternis und der Leiden. Im hinteren Teil eines niederen Gewölbes, das als Wachstube diente, wo einige Bewaffnete im rauchigen Licht einer Öllampe Karten spielten, ging eine Treppe nach unten … Auf ein kurzes Händeklatschen der Gräfin stand einer der Soldaten auf, nahm eine Fackel, zündete sie an der Öllampe an und ging die Treppe hinunter voran. Aber auf diese Einzelheiten achtete Cathérine nicht, denn seit sie in die Wachstube getreten war, war ein fürchterliches Geräusch an ihre Ohren gedrungen, so daß ihr das Blut in den Adern gerann: das Echo eines menschlichen Stöhnens, das seltsamerweise gleichzeitig deutlicher und schwächer wurde, je weiter man hinabstieg. Als die beiden Frauen auf dem ersten Absatz angekommen waren, war dieses Stöhnen zu einem Röcheln geworden. Mit zusammengeschnürter Kehle und entsetzt erblickte Cathérine die schmale, aus reinem Eisen gemachte und mit riesigen Sperriegeln ausgerüstete Tür, die sich auf diesen Absatz öffnete. Durch ein vergittertes Guckloch drang ein unheilverkündendes rötliches Licht. Von da kamen die Wehklagen, gleichzeitig auch die regelmäßigen dumpfen Schläge, die mit dem Röcheln im selben Rhythmus zu fallen schienen.
Wortlos stieß der Soldat mit der Fackel die unverriegelte Tür auf. Cathérine konnte einen Ausruf des Schreckens und Abscheus nicht unterdrücken …
Vor ihr wechselten sich zwei in Leder gekleidete Folterknechte, die rasierten Schädel schweißnaß vor Anstrengung, bei der Auspeitschung eines Mannes ab, der mit den Handgelenken an das Kapitell einer Säule gebunden war … Die junge Frau sah La Trémoille nicht sofort, der in einem Winkel auf einem klobigen Holzsessel saß und zusah, das dreifache Kinn in die Hand gestützt. Seine Augen lagen gespannt auf dem Gefolterten, der noch schwach stöhnte. Die schlaff gewordenen Beine des Mannes trugen ihn nicht mehr, und das gesamte Gewicht seines Körpers hing an den gefesselten Handgelenken. Der Kopf mit dem langen schwarzen Haar hing kraftlos herunter, und der Rücken war ein einziger Brei, in den die Peitschen mit einem schrecklichen Geräusch klatschten. Der Boden war mit Blutflecken übersät … Krank vor Grauen, wich Cathérine gegen die Mauer zurück, konnte aber einen Blutspritzer auf die Wange nicht vermeiden.