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Als Pierre de Brézé sie so ausstaffiert wiedererscheinen sah, konnte er sich eines Lachens nicht enthalten.

»Ein Glück, daß es Nacht sein wird … und daß andere Kleider Euch zwei Meilen von hier erwarten werden. So würdet ihr nicht weit kommen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen.«

»Wir werden unser Bestes tun«, sagte Sara. »So einfach ist das nicht!«

Inzwischen trat Pierre auf Cathérine zu und nahm eine ihrer Hände in die seinen. Tiefe Bewegung zeigte sich in seinem klaren Blick.

»Wenn ich dran denke, daß ich Euch sofort verlassen muß, Cathérine! Ich würde so gern über Euch wachen! Aber ich muß im Schloß bleiben … Man würde meine Abwesenheit bemerken und sich darüber wundern.«

»Wir werden uns wiedersehen, Pierre, in Chinon!«

»Ihr werdet euch nie wiedersehen, wenn ihr euch nicht beeilt!« wandte Tristan ein. »Vorwärts … Geht voraus, Messire!«

Pierre de Brézé und der Stallmeister setzten sich an die Spitze des kleinen Trupps. Vorsichtig nahm man die abschüssige Treppe, die zur Wachstube führte. Trotz des Gewichts ihrer Ausrüstung, die schwer auf ihr lastete, glaubte Cathérine, ihr Herz singen zu hören. Noch nie hatte sie sich so erleichtert, so glücklich gefühlt! Obwohl sie dem Tod schon so nahe ins Angesicht geblickt hatte, würde sie weiterleben … Gab es ein wunderbareres, berauschenderes Gefühl? … Ihre viel zu großen Stiefel glitten auf den feuchten, ausgetretenen Stufen aus. Sie stolperte, tat sich weh, aber sie achtete nicht darauf … Es kam ihr nicht einmal der Gedanke, daß sie sich möglicherweise der langen, schweren Pike würde bedienen müssen, die sie mitschleppte … Es schien ihr, als brauche sie nichts anderes zu tun, als nur Pierre de Brézé zu folgen. Den blanken Degen in der Hand, ging er voran. In der Wachstube waren zunächst zwei Soldaten außer Gefecht zu setzen …

Es wurde schnell und lautlos erledigt. Geknebelt und gefesselt wurden die Soldaten auf den Boden gelegt.

»Jetzt hinaus!« sagte Pierre. »Und möglichst ohne viel Geräusch!«

Im Hof brannten nur einige wenige Feuertöpfe, die zu nichts dienten, als die Nacht noch schwärzer erscheinen zu lassen. Doch kaum aus dem Turm getreten, hob Cathérine in einem Gefühl der Dankbarkeit die Augen gen Himmel. Er sah wie dunkler Samt aus, den die fahlen Streifen der Milchstraße durchzogen. Nie war ihr die Luft süßer und köstlicher vorgekommen … Von Tristan und Sara flankiert, sah sie vor sich die breiten Schultern Pierres, der voranschritt. Er hatte den Degen in die Scheide geschoben, aber die Waffe war jederzeit griffbereit … Jean Armenga bildete den Schluß. Er ging dicht hinter ihr, vielleicht um zu verhindern, daß den auf der Mauer wachenden Soldaten ihre für einen Kriegsmann ungewöhnlich kleine Statur auffiel. Man kam nah am Schloßturm vorüber, vor dessen Pforte zwei schwer auf ihre Piken gestützte Soldaten vor sich hin dösten, und Cathérine hob instinktiv die Augen zu den Stockwerken empor. Bei Gilles de Rais war alles dunkel, doch bei La Trémoille brannten Kerzen … Das Goldfieber schien den dicken Mann wach zu halten … Die Aufregung des Tages war einer tiefen Ruhe gewichen. Die Anwesenheit der Königin hatte den zu lauten Vergnügungen eine Grenze gesetzt, und die Reisevorbereitungen hatten jedermann ermüdet … Der riesige Hof war leer, mit Ausnahme der Zugänge zu den Wachstuben, wo man die Umrisse einiger Soldaten bemerkte. Im Gehen flüsterte Cathérine Tristan zu:

»Diese Soldaten da drüben … werden sie uns nicht festnehmen?«

»Das würde mich wundern. Es sind Wachen der Königin, die wir heute abend auf Posten ziehen ließen. Ich weiß nicht, was Ihr La Trémoille erzählt habt, aber Ihr habt ihn derart aus der Fassung gebracht, daß alles heute nacht im Schloß kopfsteht.«

»Wird unsere Flucht nicht zur Folge haben, daß er seinen Entschluß, nach Chinon zu gehen, wieder umwirft?«

»Bestimmt nicht! Er wird annehmen, dies sei das Werk Eurer Zigeunerbrüder. Die Dame de La Trémoille hat unsere Gesichter nicht gesehen, wenn Ihr Euch erinnert, und der Gedanke, daß man sie eine Nacht in den Kerker gesperrt hat, wird ihrem zärtlichen Gatten durchaus nicht mißfallen!«

»Still!« befahl Pierre de Brézé. Sie näherten sich jetzt dem Torgewölbe und der Wachstube. Das Fallgatter und die Zugbrücke mußten noch überwunden werden, aber Cathérine hatte keine Angst mehr. Der Mann, der vor ihr herging, mußte ihr Schutzengel sein. Unter seiner Obhut, dessen war sie sicher, konnte ihr nichts Böses geschehen …

Pferde standen, neben dem Brunnen angebunden, bereit, und Cathérine fragte sich besorgt, ob es ihr je gelingen würde, sich in ihrer schweren Ausrüstung in den Sattel eines dieser Tiere zu schwingen. Aber Brézé hatte auch das vorausgesehen. Während er sich allein den Bogenschützen der Wache näherte, um mit ihnen zu sprechen, nahm Jean Armenga Cathérines Pike, lehnte sie gegen die Mauer, dann faßte er die junge Frau um die Taille, hob sie leicht wie eine Feder und setzte sie in den Sattel. Danach, diesmal jedoch von Tristan unterstützt, wiederholte er die Prozedur mit Sara. Eine unbändige Lust zu lachen überkam Cathérine, als sie sich die Überlegungen der Posten ausmalte, falls sie hätten sehen können, wie ein Herr zwei einfachen Soldaten so zuvorkommend in den Sattel half. Aber es war sehr dunkel in der Ecke des Brunnens … Plötzlich hörte sie die Stimme Pierres.

»Öffnet lediglich das Ausfalltor, wir sind nur zu fünft, im Dienste der Königin!«

»Zu Befehl, Monseigneur!« antwortete jemand.

Langsam hob sich unter den aufmerksamen Augen Cathérines das kleine Fallgatter, die leichte Brücke senkte sich. Offensichtlich hatte Pierre den rasselnden Lärm der Hauptbrücke vermeiden wollen … Jetzt bestieg auch der junge Mann sein Pferd.

»Vorwärts!« befahl er, als erster unter dem Gewölbe durchreitend.

Die drei falschen Soldaten folgten ihm. Als Cathérine und Sara die vom Wachkorps freigegebene Zone durchquerten, drückten sie die Helme, so tief sie konnten, ins Gesicht und bemühten sich, die lässige Haltung von Männern nachzuahmen … Unwillkürlich machten sie sich auf einen Ruf, einen Protest, vielleicht sogar auf einen Scherz gefaßt. Aber nichts dergleichen … Und plötzlich gab es vor ihnen keine Schranken, kein Hindernis mehr, nichts als den großen, mit Sternen übersäten Himmel, unter dem die Schieferdächer der Stadt und die große Wasserader des Stroms zart glitzerten … Trunken vor Begeisterung, atmete Cathérine die Nachtluft ein, füllte sich die Lungen und schmeckte sie wie einen köstlichen Likör. Er war so gut, dieser leise Wind, der den Duft der Rosen und des Geißblattes mit sich trug, nach den ekelhaften Dünsten des Kerkers und dem widerlichen Parfüm der Gräfin …

Wieder hörte sie die Stimme Brézés, der den Posten des Fallgatters zurief:

»Schließt noch nicht! Ich komme in ein paar Minuten zurück! Diese Leute sind Verstärkung für das Südtor … Auf, im Galopp, Leute!«

Die Zufahrtsrampe wurde in sausendem Tempo bewältigt. Die fünf Reiter galoppierten an den felsigen Außenwerken des Schlosses entlang, um zu dem befestigten Tor zu gelangen, das die Stadt gegen den nahen Wald schützte. Im schlafenden Amboise rührte sich nichts … nur hin und wieder war der durchdringende Schrei einer Katze auf Freiersfüßen auf einem Dach oder das Gebell eines aufgestörten Hundes zu hören.

Der Passierschein Brézés öffnete ihm das Stadttor, wie er ihm die Schloßpforte geöffnet hatte, und auch diesmal unterrichtete er die Wachen, daß er zurückkäme. Jetzt war es ein Forsthaus, zu dem er seine Soldaten führte. Der Leutnant, der am Tor das Kommando hatte, erhob keine Einwände. Endlich öffnete sich die große Straße vor den Flüchtigen …