Gnaeus Marcellus
Schweigen, Stille. Lucius nahm nichts um sich herum wahr. Als ob er plötzlich taub geworden sei. Das Quietschen der Räder, die Rufe der Händler, nichts drang zu ihm durch.
Er fühlte sich betäubt und stand regungslos da wie ein Opfertier, dem man mit dem Hammer auf den Kopf geschlagen hatte. Tränen stiegen in ihm auf, die er aber krampfhaft zu unterdrücken versuchte. Die Genugtuung würde er seinem Vater nicht geben. Hector beobachtete ihn aufmerksam und in seinen dunklen Augen war kein Funken Mitgefühl oder Anteilnahme zu entdecken. Bestimmt war er angehalten, jede Äußerung und Gefühlsregung von Lucius zu registrieren und zu berichten. Er reichte Lucius die Zügel eines bepackten Maultieres: „Zelt und Verpflegung für drei Tage!“, war alles, was er sagte. Lucius sah einen Moment lang schweigend auf ihn herunter und musterte das ausdruckslose Gesicht. Dann lenkte er sein Pferd auf das Stadttor zu. Hektor machte wortlos einen Schritt zur Seite und blockierte den Weg. Wut stieg in Lucius auf, am liebsten hätte er den alten Mann einfach umgeritten, aber das würde sein Problem nicht lösen.
„Mach Platz, du Idiot!“, knurrte eine Stimme hinter ihm. „Steh hier nicht rum wie dein eigenes Denkmal!“ Lucius wurde bewusst, dass sie die Straße blockierten.
„Und wenn ich nicht weiterreise?“, fragte Lucius mit hoher Stimme. „Wenn ich die Stadt trotzdem betrete und bei einem meiner Freunde unterkomme?“
Hector schwieg immer noch, aber dann, ganz langsam, hob er seinen rechten Arm und zeigte eine flache Hand. Zwei kräftige Männer reagierten und führten eine Kutsche, die am Wegesrand gestanden hatte, herbei. „Du wirst die Stadt nicht betreten!“, sagte Hektor mit Nachdruck. „Oder willst du verstoßen werden?“
„Was ist mit meinen ganzen Sachen, meinen Büchern?“
„Deine Sachen?“, fragte Hektor gedehnt und zog die Augenbrauen hoch. „Nach dem Gesetz gehört alles dem pater familias!“
Am liebsten hätte Lucius vor Wut geschrien. Das war Diebstahl, scheiß drauf, was im Gesetz stand! Natürlich gehörte der gesamte Familienbesitz dem pater familias, aber spätestens, wenn jemand die Toga der Männer angelegt hatte oder seinen eigenen Lebensunterhalt verdiente, machte ein pater familias dieses Recht nicht mehr geltend. Am liebsten würde er es darauf ankommen lassen, aber Gesetz und Tradition waren auf der Seite seines Vaters. Besonders jetzt, da Augustus die alten Werte wieder beschwor. Lucius warf Servius einen fragenden Blick zu. Der wandte sich verlegen ab. Wortlos wendete Lucius sein Pferd zur Seite.
Jeder Knochen im Leib tat ihm weh. Der sogenannte weiche Boden entpuppte sich, wenn man eine Nacht darauf schlief, als knochenhart, daran änderte auch das Stroh nichts. Er kramte nach seinen Waschutensilien und kroch aus dem Zelt. Auf dem Weg zu dem Bach, an dem er sich jeden Morgen wusch, sah er zu den Wolken, die Regen versprachen. Von seinem Platz am Bach aus konnte er das Haupthaus sehen, das er nicht betreten durfte. Die rauchenden Kamine versprachen Wärme und Komfort. Ein heißes Bad, er hätte nie gedacht, dass ihm ein heißes Bad so sehr fehlen würde. Auf dem Rückweg vom Feld sah er Saxum auf sich zukommen. Lucius stöhnte laut auf, als er die Briefrolle in seiner Hand sah. Waren schon wieder neun Tage vergangen? Der Tag der Musterung und damit der Tag, an dem er in die Legion eintreten sollte, wollte und wollte nicht näher kommen. Aber den Brief seines Vaters, der ihm auf dessen Befehl einmal die Woche vorgelesen wurde, musste er jedes Mal aufs Neue ertragen. Jupiter sei Dank war wenigstens sein Aufpasser abgereist! Hektor hatte wochenlang darüber gewacht, dass niemand es wagte, die Anordnungen seines Vaters zu übertreten, und war dann zurück nach Arausio gereist. Vorher hatte er jedem auf dem Hof genauestens klargemacht, was Vaters Befehle beinhalteten und was jeder zu erwarten hatte, der sie missachtete. Die einheimischen Arbeiter hielten sich jedoch heraus und dachten: „Die spinnen, die Römer!“
Sergius zuckte nur bedauernd mit den Schultern. Er wollte seine gute Stelle nicht für Lucius riskieren. Schließlich war Gaius der Erbe des Hofes.
Heute stand wieder ein Marsch auf dem Programm. Mittlerweile marschierten sie tagelang durch die Gegend. Sie waren sogar schon zum Berg des Windes marschiert und hatten ihn ein Stück weit bestiegen. Zusätzlich zu den Märschen musste Lucius jetzt jeden Abend einen Lagerbau simulieren. Auf einer Länge von drei Metern hackte er den Boden auf und hob dann einen Graben aus. Eine mühselige Plackerei. Der Aushub wurde zum Wall aufgeschichtet. Erst wenn „das Lager“ gesichert war, baute er das Zelt auf und kümmerte sich um das Abendessen. Danach war er meistens so müde, dass er sofort ins Zelt kroch und sich schlafen legte. Sofern das fürchterliche Schnarchen von Saxum, seinem ständigen Begleiter, ihn schlafen ließ. Am Morgen wurde der Wall wieder abgetragen und der Graben eingeebnet– und der nächste Tagesmarsch begann. Er hängte sich das Schwert um, nahm den Schild und die Sarcina auf und marschierte los. Saxum ritt fröhlich pfeifend auf seinem Maultier nebenher. Die erstaunten Blicke der Reisenden, denen sie begegneten, bemerkte Lucius gar nicht mehr. Und selbst wenn, dann ließen sie ihn kalt. Für die Frauen und Männer auf den Feldern war der junge Mann in Legionärsausrüstung schon lange kein Unbekannter mehr. Insanius, den Verrückten, nannten sie ihn. Er war sogar so etwas wie eine Attraktion geworden. „Insanius kommt, Insanius kommt!“, riefen die Kinder, wenn sie ihn sahen. Sie liefen ein Stück mit und hänselten ihn oder sangen Spottlieder. Am Anfang war er vor Scham fast im Boden versunken, aber mittlerweile hatte er sich daran gewöhnt. Er war sogar ein wenig stolz, denn ihm zu Ehren war immerhin ein Lied gedichtet worden. Mulis Marianis insanius, das verrückte Maultier des Marius, war zwar ein Spottlied, aber über seinen Vater war sicher noch nie ein Lied gemacht worden. Einem Beneficiarier, der sie überprüfen wollte, tischte Saxum wieder die Geschichte vom kranken Neffen auf, und er ließ sie ziehen. So ging es Tag um Tag. Alle fünf Tage gab es einen Ruhetag, an dem Waffendrill anstand.
Hinter dem Haus wartete Pertinax bereits auf ihn. Er trug einen kleinen Schild, den Parma, und war mit einer Spatha, dem Langschwert der Reiterei, bewaffnet. Pertinax verzichtete auf Bein- und Armschutz. Sie kämpften regelmäßig gegeneinander und Lucius war so gut geworden, dass es ihm sogar ab und zu gelang, Pertinax in Bedrängnis zu bringen. Allerdings wartete der Gladiator im nächsten Kampf mit neuen Tricks auf. Sein Vorrat an Tricks und Kampftechniken schien unerschöpflich zu sein und er teilte ihn bereitwillig mit Lucius. Seine Ratschläge waren meist simpel, aber hilfreich. In ihren ersten richtigen Kämpfen wusste Lucius vor Aufregung nicht, welche der zahlreichen Varianten, die sie trainiert hatten, er benutzen sollte. Nach den ersten kläglichen Niederlagen hatte ihm der wortkarge Pertinax seine erste und einzige längere Rede gehalten: „Wenn du deine ersten Kämpfe hast, erinnere dich an das Gelernte und beschränke dich nur auf die Techniken, die du gut beherrschst. Das wird dir Sicherheit und Selbstvertrauen geben. Du hast zahllose Schlag- und Stoßvarianten trainiert, ebenso wie verschiedene Verteidigungstechniken, aber bei deinem ersten Kampf auf Leben und Tod wirst du vor Aufregung alles vergessen haben. Deshalb beschränke dich auf die einfachsten Dinge. Bei den folgenden Kämpfen wird dir ein bisschen mehr in Erinnerung bleiben, und dann noch mehr, und dann noch mehr. Jeder hat bei einem Kampf Angst. Wer das Gegenteil behauptet, ist ein Lügner. Aber das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Erfahrung, schon Kämpfe überlebt zu haben, helfen erfahrenen Kämpfern, ihre Angst zu beherrschen. Du bist kein erfahrener Kämpfer, aber du hast gute Fähigkeiten. Nutze sie! Stell dir einen Feind als Trainingspartner vor, und alles läuft wie von selbst.“
Jetzt wies Pertinax auf die Wurfspeere, die an der Hauswand lehnten.