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„Du wirst zuerst mit den Speeren auf das Ziel werfen. Wann immer es mir passt, werde ich dich angreifen. Aber achte nicht zu sehr auf mich. Du musst zwanzig Treffer landen, und wenn es die ganze Nacht dauert.“

Lucius ergriff das Scutum, den großen schweren Schild des Legionärs. Das Ziel bildeten einige Strohsäcke, die zwanzig Doppelschritte entfernt an eine Reihe von Pfählen gebunden waren. Er nahm ein paar Schritte Anlauf, schleuderte den ersten Speer, sprang zurück, ergriff den nächsten und schleuderte auch diesen. Treffer, Treffer, Treffer. Die ersten Würfe saßen alle, jetzt würde bestimmt gleich der Angriff erfolgen. Verflucht, Fehlwurf, er musste die Augen am Ziel lassen. Fehlwurf. Noch ein Fehlwurf. Reiß dich zusammen, du Idiot, beschimpfte Lucius sich innerlich selbst. Treffer. Treffer. Na also, ging doch! Treffer. Plötzlich hörte Lucius ein leichtes metallisches Schleifen. Es war das Geräusch, das ein Schwert machte, wenn es vorsichtig aus der Scheide gezogen wurde. Aus dem Augenwinkel sah er Pertinax auf sich zustürmen. Lucius hatte gerade einen Speer geschleudert und kämpfte noch mit dem Gleichgewicht. Er riss den Schild herum und fing den Hieb von Pertinax’ Schwert ab. Mühsam erkämpfte er sich das Gleichgewicht und versuchte, sein Schwert zu ziehen, aber Pertinax setzte ihm mit schnell aufeinander folgenden Schwertstößen. Lucius bekam nicht genug Spielraum, um sein eigenes Schwert zu ziehen. Das große Scutum schützte zwar seinen ganzen Körper, behinderte aber seine Armbewegungen. Ich brauche Platz, dachte Lucius und wich einen Schritt zurück. Pertinax drängte sofort nach. Er wechselte zwischen Stößen nach seinen Beinen und nach seinem Kopf. Lucius war dadurch gezwungen, den Schild dauernd auf und ab zu bewegen. Er treibt mich in Richtung Hecke, schoss es Lucius durch den Kopf, als er erneut seine Fußstellung korrigiert und wieder Raum verloren hatte. Ich muss mir was einfallen lassen; wenn Pertinax mich in die Hecke treibt, bin ich erledigt. Eben hatte Pertinax auf seinen Kopf gezielt, als Lucius eine Chance sah. Er fing den Stoß ab, sprang plötzlich vor und ließ den Schild nach unten sausen, um Pertinax’ vorgestelltes Bein zu treffen. Pertinax sprang zurück, da ihm sonst das Scutum das Knie zertrümmert hätte. Lucius drängte aber sofort nach und stieß Pertinax mit seinem Schild zurück. Der kam ins Stolpern und sprang dann zwei, drei Schritte zurück, um nicht überrannt zu werden.

Lucius nutzte die Gelegenheit, um seinen Gladius zu ziehen.

Nun belauerten sie einander. Pertinax begann ihn zu umkreisen. Lucius hatte den besseren Schutz, aber das kürzere Schwert. Außerdem würde er bei einem längeren Kampf das Gewicht des Scutums zu spüren bekommen. Das Scutum wog fünfmal mehr als der kleine Schild, den der Gladiator trug. Lucius spürte den letzten Marsch mit Saxum in den Beinen, und seine Schulter war von der Wurfübung verspannt. Er schüttelte sich, um die Anspannung zu lösen.

Sie tauschten einige Hiebe und Stöße aus. Pertinax versuchte ihn wieder Richtung Hecke zu drängen, aber Lucius begann, zum Haus zurückzuweichen. Sie standen sich einige Schritte voneinander entfernt gegenüber, als Lucius plötzlich seinen Schild nach den Beinen des anderen schleuderte. Pertinax konnte gerade noch ausweichen, kam aber trotzdem zu Fall. Da er mit Lucius’ Angriff rechnete, rollte er sich schnell aus dessen Reichweite.

Aber Lucius hatte nicht nachgesetzt, sondern war zum Haus gelaufen. Dort steckte er sein Schwert ein und ergriff die restlichen fünf Wurfspeere. Er drehte sich um, einen Speer in der rechten Hand wurfbereit erhoben, die anderen vier in seiner linken Hand. Pertinax sprang auf und versuchte ihm zu folgen, musste aber vor dem drohenden Speer zurückweichen.

Nun war Lucius im Vorteil. Das Parma war nur klein und kein so guter Schutz gegen die Wurfspeere wie ein Scutum. Er schleuderte den ersten Speer. Pertinax konnte ihn zur Seite abwehren, aber Lucius hielt schon den nächsten bereit. Er machte eine Finte und warf, wechselte sofort den nächsten Speer von der linken in die rechte Hand und schleuderte ihn und den nächsten direkt hinterher. Zwei dumpfe Schläge zeigten, dass er zwei Treffer gelandet hatte.

Dann stürmte Lucius wieder vor. Pertinax ließ den Schild fallen, da dieser durch die zwei darin steckenden Speere zu schwer und unhandlich geworden war. Lucius benutzte den letzten Speer als Hiebwaffe und zielte nach den Beinen seines Lehrers. Er traf den Gladiator am Knie, der mit einem Schrei zu Boden fiel. Ein zweiter Schlag mit dem Speerschaft auf den Arm und Pertinax ließ das Schwert fallen. Jetzt stand Lucius über ihm, riss den Gladius hoch und stieß ihn neben Pertinax’ Kopf in den Boden. Schwer atmend richtete er sich wieder auf und half Pertinax beim Aufstehen. Der stöhnte leicht und rieb sich sein Bein.

„Ungewöhnlich, aber erfolgreich, Lucius. Für die Arena geeignet, doch auf dem Schlachtfeld solltest du deinen Schild sicherheitshalber nicht wegwerfen. Aber du machst echte Fortschritte“, sagte der ehemalige Gladiator anerkennend.

Gewöhnlich war Pertinax bedeutend sparsamer mit lobenden Worten, stellte Lucius zufrieden fest. Er nickte und hob seinen Schild auf. Ihm reichte es für heute und er sehnte sich nach seinem Lager.

„So, und jetzt werden wir einige Schwertübungen machen.“

Lucius unterdrückte einen Fluch. Bei Plutos Arsch, beim nächsten Mal ramm ich dir das Schwert in die Gedärme, dachte er bei sich und nahm sein Schwert auf.

Wie ein Bettler stand er an der Küchentür und wartete darauf, seine Wochenration Essen zu bekommen. Er durfte nicht mit Sergius’ Familie speisen und bekam auch kein Essen von den Arbeitern. Nein, er musste sich seine Mahlzeiten selbst einteilen und zubereiten. Einmal die Woche erhielt er aus der Küche seine Rationen für die nächsten neun Tage.

Während er mit der Handmühle das Getreide für den Puls mahlte, einen einfachen, aber schmackhaften Getreidebrei, summte er vor sich hin. Man konnte bei dieser Tätigkeit wunderbar die Gedanken schweifen lassen und sich entspannen. Das Mehl schüttete er in den Topf, fügte Wasser hinzu und würzte die Pampe mit Salz und Pfeffer. Zufrieden betrachtete er das Ganze. Der Puls gelang ihm mit jedem Mal besser, er beherrschte die Zubereitung mittlerweile fast schon im Schlaf. Als Nächstes hackte er die Zwiebeln und den Knoblauch klein, die ebenfalls unter den Brei gemengt wurden. Zuletzt schnitt er den Speck und das Rindfleisch in Würfel und gab sie in den Topf. Er zündete das Feuer an und hängte den Bronzetopf an das Dreibein-Gestell darüber. Er entfachte ein kleineres Feuer, auf den er einen Topf mit Wasser stellte. Während sich das Wasser erwärmte, schrotete Lucius den Weizen, mischte ihn mit dem erwärmten Wasser und fügte Salz und Hefe hinzu. Den so entstandenen Teig knetete er und stellte ihn in einem zugedeckten Topf neben das Feuer. Er wartete und trank dabei einen Schluck Wein. Ich bereite mein eigenes Essen, dachte er. Wenn mich Quintus, Appius oder Titus sehen könnten, würden sie staunen und mich auslachen. Aber ich kann mich selbst versorgen und bin nicht auf Sklaven angewiesen.

Dieser Gedanke beflügelte ihn seltsamerweise, und er summte leise einen Marsch vor sich hin.

Nach einigen Minuten holte Lucius den Teig aus dem Topf und bearbeitete ihn nochmals. Schließlich legte er ihn auf einen Stein in der Glut des kleineren Feuers und backte ihn zu Brot.

Zwischendurch musste er immer wieder den Puls umrühren, um zu verhindern, dass er anbrannte. Er war mit dem Ergebnis seiner Kochkünste und mit seinen Fortschritten zufrieden. Auch sein Erbseneintopf konnte sich mittlerweile wirklich sehen lassen. Manchmal ertappte er sich bei dem Gedanken, dass das Leben hier draußen, das Kochen und das harte Training sogar anfingen, ihm ein wenig Spaß zu machen. Er trank einen Schluck Wein und besah sich dann die Schwielen an seinen Händen und die Hornhaut an seinen Füßen. Vor dem Schlafen würde er sie noch einmal einreiben müssen. Lucius blickte versonnen ins Feuer. Er würde seinem Vater und allen, die an ihm zweifelten, zeigen, dass er nicht der war, für den sie ihn offenbar hielten. „Ich werde nicht den Rest meines Lebens auf diesem Hof versauern!“, schwor er sich, wie schon so oft.