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Mitten im Winter tauchte Hektor zu einer Blitzinspektion auf. Sein Reisewagen hielt auf dem Weg und er sah verdutzt aus dem Fenster auf Lucius, der gerade mit Ausbesserungsarbeiten am Zelt beschäftigt war. Lucius warf ihm verstohlen einen Blick zu und freute sich über das ungläubige Gesicht des Freigelassenen. Nach einigen Augenblicken gab der den Befehl zum Weiterfahren und die Kutsche setzte sich wieder in Bewegung. Lucius bereitete sich auf seinen Besuch vor, aber es dauerte eine Weile, bis Hektor in Begleitung von Saxum auftauchte. Offensichtlich hatte er sich erst aufwärmen müssen. Hektor bestand auf einem Übungsmarsch. Selbst der hartgesottene Saxum schüttelte darüber entgeistert den Kopf.

„Wir sind im Winterlager und man kann es auch übertreiben. Ich werde nicht hinaus in die Kälte gehen!“, erklärte er störrisch.

„Gnaeus Marcellus hat es befohlen, also wird es geschehen!“, insistierte Hektor hochmütig.

Saxum sah den Freigelassenen einmal von oben bis unten an und sagte dann herausfordernd: „Und du bist derjenige, der mich zwingen will?“

„Dich nicht, aber ihn!“, sagte Hektor und zeigte auf Lucius.

Was blieb Lucius übrig? Er schulterte sein Gepäck und marschierte los. Hektor machte es sich auf einem Maultier bequem. Er war so dick in seinen Mantel eingewickelt, dass von seinem Gesicht nichts zu sehen war. Aus einer kleinen Öffnung sah man seinen Atem, der in der kalten Luft gefror.

Lucius führte Hektor kreuz und quer über das Land und suchte die windigsten, unangenehmsten Stellen auf. Nach zwei Stunden hatte der Freigelassene genug.

„Es reicht, lass uns zurückgehen!“, stöhnte er.

Lucius frohlockte innerlich. Mal sehen, wie lange dieser blasierte Hausangestellte wohl noch durchhielt! Er tat erstaunt: „Aber es ist doch erst Mittag! Wir haben noch ein paar Stunden vor uns.“

„Ein paar Stunden?“, schrie der Freigelassene entsetzt auf. „Bei der Hundekälte? Nein, wir kehren sofort um!“

„Aber ich habe noch ein Pensum zu erfüllen!“, log Lucius ohne mit der Wimper zu zucken. „Wir machen weiter!“

„Nein, nein, nein! Meine Finger frieren an den Zügeln fest, meine Füße sind Eisklumpen. Wir gehen zurück, das ist ein Befehl!“

„Ach so!“, sagte Lucius gedehnt. „Wenn es ein Befehl ist. Dann reite voraus!“

Hektor sah sich suchend um. Die verschneiten Felder sahen für ihn alle gleich aus. Schließlich brüllte er entnervt: „Ich kenne die Gegend nicht, du Idiot! Geh du voraus!“

Idiot also. Lucius grinste in sich hinein, ein wenig bösartig vielleicht, und schlug eine Richtung ein, die vom Hof wegführte. Nach einiger Zeit trafen sie plötzlich auf eine Spur im Schnee, die sich bei näherem Hinsehen ganz zufällig als ihre eigene herausstellte.

„Oh, falsche Richtung!“, sagte Lucius mit Unschuldsmiene und drehte um.

Hektor verlor völlig die Fassung. „Ich will zurück! Mit ist kalt und ich habe Hunger!“, jammerte er. „Beeile dich gefälligst. Bist du zu dumm, um den richtigen Weg zu finden?“

Noch eins auf die Rechnung, dachte sich Lucius und schlug die Richtung zum Hof ein. Jammernd und klagend ritt Hektor hinter ihm her, während Lucius ein Marschlied pfiff und leise vor sich hin summte: „Nie mehr auf dem Hof arbeiten, nie mehr auf dem Hof arbeiten!“ Zwischendurch trank er einen Schluck lauwarmen Posca aus der Feldflasche, der ihn zumindest ein wenig von innen wärmte.

Als sie zwei Stunden später das Hoftor erreicht hatten, Lucius musste mittlerweile das Maultier am Zügel führen, weinte Hektor vor Freude. „Oh, ihr Götter, Dank sei euch, Dank sei euch!“

Lucius fühlte seine Füße kaum noch und ihm war durch und durch kalt. Aber bevor er sich in seinem Zelt aufwärmen konnte, gab es noch eine wichtige Angelegenheit zu regeln. Er ließ die Sarcina auf den Boden fallen und löste den Tragestock. Er musterte das gegabelte Ende. Ja, das war breit genug für seine Zwecke.

„Was machst du da?“, fragte der Reiter harsch und ungeduldig. „Trödel hier nicht länger herum! Ich will ins Warme und du kannst wieder in dein Zelt zurückkehren, wo du hingehörst! Aaaahhhhhrg!“ Mit einem Schrei stürzte Hektor vom Maultier. Lucius hatte ihn am Fuß gepackt und zu Boden befördert. Hektor schrie wie am Spieß. „Was fällt dir ein?“

Er versuchte aufzustehen. Lucius beherrschte seine gärende Wut, und seine Stimme klang ruhig: „Bleib liegen und rühr dich nicht!“

Hektor sah ihn mit einer Mischung aus Entsetzen und Angst an. „Wage es nicht, mich anzufassen, dein Vater …!“

Weiter kam er nicht, Lucius hatte ihm den gegabelten Stock an den Hals gesetzt und ihn zu Boden gedrückt. „ICH BIN LUCIUS JUSTINIUS MARCELLUS!“, brüllte er den Ex-Sklaven an. „WIE KANNST DU ES WAGEN, MICH ZU BELEIDIGEN, DU WURM, DU KRÖTE! WIE KANNST DU ES WAGEN, MICH EINEN IDIOTEN ZU NENNEN! WIE KANNST DU ES WAGEN, MICH DUMM ZU NENNEN!“

Hektor geriet nun vollends in Panik und versuchte, sich zu befreien. Er schrie und bettelte um Gnade. Überall auf dem Hof wurde es lebendig. Das Geschrei und Gekreisch hatte die übrigen Bewohner alarmiert. Hektor wimmerte ängstlich, als er sah, wie Lucius seinen Dolch zog.

„Wenn du mir gegenüber noch einmal unverschämt wirst, schneide ich dir die Eier ab und verkaufe dich als Eunuch an den Partherkönig. Und da kann dir nicht einmal mein Vater helfen!“

Er spuckte aus und wandte sich ab. Er bückte sich, hob das Bündel auf und legte es auf den Rücken des Maultieres. Dabei traf sein Blick den von Sergius, der mit den anderen herbeigeeilt war und die Szene verfolgt hatte. In Sergius’ Augen spiegelte sich Anerkennung.

Lucius beachtete weder das Jammern hinter sich noch die erstaunten Fragen der Männer, die auf ihn zukamen. Er ließ das Maultier in den Stall bringen und ging ins Badehaus, um ein heißes Bad zu nehmen. Niemand hinderte ihn daran.

ARAUSIO

Ein Jahr Schinderei und Plackerei lag nun hinter ihm. Er hatte das Training geschafft, er hatte erneut bei der Weinernte geholfen, und er hatte den Winter im Zelt verbracht, egal wie kalt und windig es gewesen war. Sergius hatte ihm einen Platz im Schuppen angeboten, aber er hatte abgelehnt. Er wollte nichts mehr geschenkt haben und hatte niemandem die Genugtuung geben wollen, schwach zu werden.

Jetzt lag er in seinem Bett in Arausio und lauschte im Halbschlaf dem Hämmern und Klopfen, das von außen an sein Ohr drang. In weiten Teilen von Arausio wurde nach wie vor fieberhaft gebaut. Deshalb war fast Tag und Nacht Baulärm zu hören. Er dachte an die Ereignisse auf dem Hof zurück und wie immer erfüllten sie ihn mit einer tiefen Befriedigung.

Als ein Warnruf ertönte, stoppte der Baulärm draußen abrupt, dann folgte ein Quietschen und Ächzen. Wahrscheinlich war das Baugerüst wieder einmal schlampig errichtet worden und drohte nun einzustürzen. Das passierte fast jeden Tag, da die Bauunternehmer versuchten, an allen Ecken und Enden zu sparen und deshalb die Bauvorschriften großzügig auslegten. Ein zweiter Warnruf ertönte und direkt danach das Geräusch von splitterndem Holz. Ein fürchterliches Getöse ließ ihn zusammenzucken. Laute Rufe und Schmerzensschreie waren zu hören.

Lucius war kurz aufgeschreckt, als der Lärm anschwoll, aber jetzt fuhr er hellwach im Bett hoch. Jemand hämmerte heftig gegen die Tür.

„Lucius, aufstehen! Oder willst du den ganzen Tag verschlafen?“

Lucius erkannte Stephanos’ Stimme. „Wie spät ist es?“, fragte er zurück.

„Die zweite Stunde ist fast herum“, lautete die Antwort.

Aufstöhnend ließ sich Lucius zurückfallen. Stephanos öffnete die Tür. „Die Klienten waren schon da und dein Vater ist ausgegangen!“

Also wollte Vater ihn auch weiterhin nicht sehen. „Du sollst so schnell wie möglich nach Narbo weiterreisen!“