„Mit nüchternem Magen?“, protestierte Lucius.
„Ich habe dir dein Frühstück bereitstellen lassen“, beschwichtigte ihn Stephanos. „Dein Bruder ist noch im Haus.“
Als er sein Zimmer betrat, sah er dort auf dem Tisch sein Frühstück stehen: Brot, Moretum und Oliven. Er ließ sich auf einen Stuhl fallen und griff nach dem Becher. Er trank einen Schluck Milch. Dann tauchte er das Brot in das Moretum und begann zu essen. Dabei sah er sich in seinem Zimmer um. Es hatte sich nichts verändert. Lucius kaute eine Olive und spuckte den Kern in seine Hand. Er überlegte einen Moment. Dann schnippte er mit einem Lächeln den Kern in eine Amphore, die neben der Tür stand.
„Du kannst es immer noch!“ Gaius nickte anerkennend. Er war unbemerkt hereingekommen „Ich wollte dich nur noch schnell begrüßen, bevor ich zum Forum gehe.“ Er musterte seinen jüngeren Bruder genau. „Du siehst ganz verändert aus. Irgendwie erwachsener.“
„Nach diesem Jahr brauchst du dich nicht zu wundern!“, sagte Lucius. „Ich fühle mich um mehr als nur ein Jahr gealtert. Mir haben Muskeln geschmerzt, von denen ich nicht einmal wusste, dass ich sie habe. Ich habe beim Marschieren Staub geschluckt, im Dreck geschlafen, gelernt, wie man schanzt und kämpft.“ Er zeigte seine Hände. „Sieh dir die Schwielen an. Meine Füße will ich dir lieber nicht zeigen!“
„Willkommen in der Welt der Erwachsenen, Kleiner! Dachtest du, ich suche den Hof wegen der schönen Aussicht auf?“, sagte Gaius belustigt und zeigte ihm seine Handflächen. Die Schwielen und Risse von der körperlichen Arbeit, die Gaius verrichtet hatte, waren Lucius bisher nie aufgefallen.
„Früher hat mich der Ausdruck ‚Kleiner’ immer in Wut versetzt!“, erinnerte sich Lucius. „So, als ob ihr mich nicht ernst nehmt. Aber in den letzten zwei Jahren musste ich mich so abrackern und so viel über mich ergehen lassen, dass mich das nicht mehr stört!“
„Ach, und du meinst, jetzt nehmen wir dich ernst?“, zog Gaius seinen Bruder auf.
„Natürlich nicht!“ Lucius grinste jetzt auch. „Aber jetzt sage ich mir, hilf mir die Dinge und Menschen zu ertragen, Jupiter Optimus, die ich nicht ändern kann!“
„Genau die richtige Einstellung für einen Legionär!“, lobte Gaius seinen Bruder. „Und wo wir gerade beim Thema sind, Vater hat alle nötigen Papiere, die du in Narbo brauchst, am Hausaltar hinterlegt. Ein Pferd wartet vor dem Haus.“
Lucius sah seinen Bruder an „Ist es erst zwei Jahre her, dass Vater aus dem Osten zurückkehrte und mir verkündete, dass ich zur Legion soll? Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor!“
Gaius packte ihn an beiden Schultern. „Das war eine wichtige Zeit für dich, du musstest lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Was jetzt auf dich zukommt, wird nicht weniger hart! Aber wie ich Vater kenne, hat er alles getan, damit du gut vorbereitet bist!“
Lucius stöhnte auf. „Das will ich doch hoffen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es noch härter werden kann!“
„Und wenn doch?“ Gaius sah ihn halb ernst, halb belustigt an.
„Dann habe ich wenigstens kochen gelernt!“ Lachend wandten sich die Brüder dem Ausgang zu und gingen Arm in Arm durch das Atrium.
NARBO
„Lucius Justinius Marcellus, Sohn des Gnaeus Justinius Marcellus, römischer Bürger, geboren im Jahr der Konsuln Marcus Antonius und Scribonius Libo, Tribus Terentia, unverheiratet, Wohnort colonia Arausio“, ratterte Lucius herunter. Der Schreiber notierte hastig mit. „Das römische Bürgerrecht wurde beglaubigt durch die Duoviri von Arausio“, erklärte Lucius und legte die beiden Schriftstücke auf den Tisch. Der Schreiber erbrach die Siegel und begann, die Erklärungen zu überfliegen.
„Hier ist außerdem das Schreiben von meinem Vater, in dem er mir die Erlaubnis gibt, mich als Freiwilliger zu melden!“, führte Lucius weiter aus und legte eine weitere Schriftrolle auf den Tisch.
Der Schreiber runzelte unwillig die Stirn und wies dann stumm auf den Librarius, der schon ungeduldig auf den Fußballen wippte.
„Tunica ausziehen!“, schnarrte der, und Lucius streifte die Wolltunica ab. „Die andere auch, du Tropf!“ Der Stabsgefreite schüttelte den Kopf über so viel Begriffsstutzigkeit. Lucius zog die Leinentunica über den Kopf und warf sie zu Boden.
Der Librarius ging um ihn herum und musterte ihn wie ein Bauer, der eine Kuh kaufen will.
„Keine besonderen Kennzeichen!“, konstatierte er. „Mund auf!“
Lucius öffnete gehorsam den Mund. Der Soldat sah hinein und fasste nach den Zähnen. Zufrieden nickte er und wies dann zur Wand, wo eine Messlatte befestigt war.
„Sechs Fuß neunzehn!“, las er ab und befahl dann kurz: „Lendenschurz!“
Lucius ließ den Lendenschurz fallen und der Librarius betrachtete Lucius’ Gemächt.
„Definitiv männlich!“, sagte er schließlich anzüglich grinsend und wies ihn an, den Lendenschurz wieder anzuziehen.
„Kannst du lesen und schreiben?“, fragte der Schreiber, der jetzt das erste Mal den Mund aufmachte.
„Natürlich!“, sagte Lucius irritiert.
„Natürlich!“, äffte ihn der Schreiber nach und zeigte auf eine Buchrolle vor ihm auf dem Tisch. „Lies vor!“
Lucius zog die Rolle auseinander und begann zu lesen: „Kein Gebäude kann ohne Ebenmaß und gutes Verhältnis gut eingerichtet sein, wenn es sich nicht genau wie der Körper eines wohl gebildeten Menschen zu seinen Gliedern verhält.“
„Reicht!“, wurde er von dem Librarius unterbrochen. „Hast du das auch verstanden?“ „Irgendetwas aus der Architektur!“, sagte Lucius leichthin.
„Irgendetwas aus der Architektur!“, äffte ihn wieder der Librarius nach. „Hach, wie süß, ein Intellektueller. Hoffentlich haben wir eine Einheit für so ein schlaues Bürschchen!“
Mit diesen Worten schickte er Lucius in den Nebenraum. Arschloch, dachte sich Lucius, und bückte sich, um seine Tunicen aufzuheben. Er riss dem anderen dabei wie unabsichtlich die Wachstafel aus der Hand. Der war doch auch bloß ein Librarius, der wahrscheinlich seit der Grundausbildung kein Schwert mehr in der Hand gehabt hatte und sich jetzt hier als Mustersoldat aufspielte.
Als er den Nebenraum betrat, blieb er wie angewurzelt stehen und sah sich erstaunt um. Der Raum war schmal, aber fast dreißig Fuß lang, auf den Boden war ein dicker, zwanzig Fuß langer schwarzer Strich gemalt, der kurz vor einer weiteren Tür endete. Direkt vor Lucius lehnten ein Scutum und ein Speer an der Wand. Bis auf einen Tisch war der Raum leer. Neben dem Tisch stand ein älterer Mann in einer Militärtunica, der gerade einen Schluck aus einem Becher trank. Als er Lucius hereinkommen sah, stellte er den Becher mit einem Knall auf den Tisch zurück. Lucius sah fasziniert den Helm an, der auf dem Tisch lag. Der Federbusch wies den Träger als Optio aus, konstatierte Lucius, stolz, dass er sich das gemerkt hatte.
„Los, beeile dich und hör auf zu glotzen, du dummer Bauer! Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!“, schnauzte ihn der Optio an und riss ihm die Wachstafel aus der Hand. „Ohhh!“, sagte er. „Du bist gar kein Bauer, du bist ein Freigelassener!“
„Was?“, begehrte Lucius auf. „Ich bin freier römischer Bürger und meine Vorfahren auch!“ „Natürlich, junger Herr!“, sagte der Optio ironisch. „Da du die tria nomina führst, bist du von Adel und möchtest nur so zum Spaß als Miles anfangen. Tribun ist dir zu langweilig.“
„Dass meine Familie die tria nomina führt, ist eine lange Geschichte!“, begann Lucius eifrig zu erzählen. „Das geht zurück auf die punischen Kriege!“
„Wen interessiert das, du asinus?“, brüllte ihn der Optio an. „Nimm sofort den Schild und den Speer und lauf auf dem schwarzen Strich zur anderen Seite des Raumes! Dort machst du kehrt und kommst wieder zurück. Das Ganze sechs Mal. Und mach voran, sonst komme ich über dich wie Claudius Nero über Hasdrubal am Metaurus.“