Lucius ließ seine Sachen auf den Boden fallen und nahm Schild und Speer auf. Er rannte auf dem Strich auf die andere Seite des Raumes, dort machte er kehrt und lief wieder zurück. Nach dem sechsten Mal stellte er Schild und Speer wieder ab. Der Optio beobachtete intensiv Lucius’ Brust, offenbar, um seine Atmung zu kontrollieren. Da wird er nichts finden, dachte Lucius bei sich. Nach dem Training der letzten Monate ist das hier ein Kinderspiel.
Der Optio nickte zufrieden: „Du bist in guter Form! Jetzt nimm den Speer mit einer Hand und strecke den Arm aus!“
Lucius tat, wie ihm geheißen war, und hielt den Speer von sich gestreckt. Der Optio wartete einige Herzschläge lang und wies Lucius dann an, die Hand zu drehen, zuerst links herum und dann rechts herum und wieder links und wieder rechts. Lucius wirbelte den Speer von links nach rechts und wieder zurück und wieder hin und wieder zurück.
„Andere Hand!“, kam es kurz von dem Optio und Lucius wechselte zur linken Hand.
„Wozu dient das?“, fragte Lucius, während er die Hand drehte.
Der Optio beobachtete Lucius’ Bewegungen und musterte sein Gesicht. „Festzustellen, ob mit deinen Händen und Armen alles in Ordnung ist, ob du keine Verletzungen oder Beeinträchtigungen hast!“, erklärte der Optio in einem gelangweilten Ton, der erkennen ließ, dass er derartige Fragen nur ungern beantwortete.
„Jetzt stell den Speer beiseite und mach einen Weitsprung!“, kommandierte er.
Lucius versuchte, aus dem Stand so weit wie möglich zu springen.
„Jetzt hoch! Und wieder weit! Und wieder hoch!“
Lucius kam sich vor wie ein Hase, der durchs Feld gejagt wird. Endlich war der Optio zufrieden, machte einige Notizen auf der Wachstafel und reichte sie an Lucius zurück. Wortlos zeigte er auf die andere Tür. Lucius landete erneut in einem Wartezimmer, das allerdings leer war. Er nutzte die Zeit, um sich erst einmal wieder die Tunicen überzustreifen und zu gürten. Kaum war er damit fertig, ging die Tür auf und eine Stimme brüllte: „Der Nächste!“
Er trat durch die Tür und stand nicht in einem Zimmer, sondern in einem sonnigen Innenhof. Auf der einen Seite stand ein Tisch, hinter dem ein Schreiber kauerte. In der Mitte des Hofes befand sich eine merkwürdige Konstruktion: ein Stuhl mit einer Halterung, auf die ein Wagenrad montiert war. Ein weiterer Mann stand an einer Kurbel, die offenbar dazu diente, das Wagenrad zu drehen. Lucius betrachtete das Gestell voller Erstaunen. Ein kleiner Mann zerrte Lucius ungeduldig am Arm zu dieser Konstruktion und drückte ihn auf den Stuhl. Lucius wurde angewiesen, durch das Wagenrad zum Himmel schauen. Da das Wagenrad zur Sonne ausgerichtet war, war das nicht besonders angenehm. Lucius kniff die Augenlider angestrengt zusammen.
„Fertig?“, fragte der kleine Mann.
„Fertig wofür?“, fragte Lucius verwundert.
„Schau einfach durch das Rad!“, erwiderte der andere. Beim Kommando „Los!“ begann der Mann an der Kurbel, diese zu betätigen. Das Rad begann sich zu drehen und Lucius starrte wie hypnotisiert darauf. Es wurde immer schneller und schneller. Bald begann die Umgebung um Lucius herum zu verschwimmen. Was sollte das Ganze? Er fühlte sich ganz dumm im Kopf, starrte aber weiterhin unverwandt auf das Rad, wie ihm befohlen worden war. Der Mann hatte offenbar aufgehört, an der Kurbel zu drehen, denn das Rad verlor an Schwung und wurde langsamer.
„Nun?“, sprach ihn der Kleine an. „Wie heißt du? Woher kommst du? Und wie fühlst du dich?“
„Ich heiße Lucius Justinius Marcellus, komme aus der colonia Arausio und fühle mich wie jemand, der an den Floralien statt an den Saturnalien zum rex bibendi ernannt wird: verarscht!“
Der Kleine grinste breit und sagte dann zum Schreiber: „Kein Epileptiker und auch keine andere Störung. Voll tauglich! – Jetzt kehre zur Schreibstube zurück!“
Er musste in dem tristen Raum eine Weile warten, bis er wieder aufgerufen wurde.
„Marcellus, du erfüllst alle Anforderungen, die wir an einen Rekruten stellen!“, begann der Librarius, kaum, dass Lucius den Raum betreten hatte. „Du wirst dich spätestens an den Kalenden des April bei der XIX Augusta in Lugdunum melden. Das ist ausreichend Zeit, um dich zu Hause noch zu verabschieden, bevor du die Reise antrittst. Du musst hier unterschreiben und bestätigen, dass du in die Legion eintrittst, und hier, dass du die 75 Denare Reisegeld erhalten hast.“
Der Librarius zählte ihm die 148 Sesterzen in einem Beutel vor und Lucius quittierte den Erhalt. „Das wirst du dort abgeben!“ Der Schreiber reichte ihm eine versiegelte Schriftrolle.
Lucius war wie betäubt. Jetzt war er also Rekrut. „Und ich werde nie wieder auf dem Hof arbeiten!“, schwor er sich erneut, als er das Gebäude verließ.
Er überlegte, was er mit seinem Reisegeld anfangen könnte, während er in einer Taverne eine zumindest halbwegs vernünftige Pampe aß. Auch der Wein hätte schlechter sein können.
Bücher kaufen, das war sein erster Gedanke, aber da er noch einmal nach Hause musste, würde sein Vater diese Bücher höchstwahrscheinlich sowieso beschlagnahmen. Er musterte die Bedienungen und rief eine zu sich. Das Mädchen kam herüber. Er legte einige Sesterzen auf den Tisch. Sie blickte auf die Münzen, nickte kurz und strich das Geld ein. Sie drehte sich um und ging die Treppe hinauf zu den Schlafkammern. Er trank noch hastig einen Schluck Wein, bevor er ihr folgte.
ARAUSIO
Gaius erwartete ihn bereits in dem kleinen Raum neben der Bibliothek.
„In dieser Kammer hast du dein Arbeitszimmer eingerichtet?“, fragte Lucius erstaunt.
Gaius schaute trübselig drein. „Ja, aber nur vorübergehend! Vater hat sein Arbeitszimmer, sein Arbeitszimmer, das er selbst eigentlich noch nie benutzt hat, wieder in Beschlag genommen. Und ich brauche etwas Eigenes.“ Er stand auf. „Komm, lass uns in die Bibliothek gehen!“
Sie verließen den Raum und betraten das Atrium. Lucius betrachtete den Neptun und die Nixen, die auf den Boden des Wasserbeckens gemalt waren. Es würde eine Weile dauern, bis er sie wiedersehen würde.
„Vater hat vorgeschlagen, ich solle doch Julias Raum nehmen. Sie könnte ihren Webstuhl ja hier aufstellen, aber das kommt überhaupt nicht in Frage.“ Gaius schüttelte heftig den Kopf. „Julia hat es sowieso nicht leicht, seit Hektor und seine Domitia hier eingezogen sind.“
Hektor, dieser Schweinehund, nahm er sich etwa auch gegenüber Gaius zu viel heraus?
„Nein. Er ist mir gegenüber schleimig und schmierig.“ Gaius hatte erraten, was Lucius dachte. „Aber Vater betraut Domitia häufig mit Aufgaben, die eigentlich die Domina erledigen müsste. Ich habe schon mehrmals versucht, mit Vater darüber zu reden, aber er hört nicht richtig zu. Er ist so damit beschäftigt, Fäden zu ziehen und Entscheidungen zu beeinflussen, dass er für nichts anderes Zeit hat.“ Sie nahmen Platz. „Die Position der Familie festigen nennt er das. Julia soll sich um ihre Webereien kümmern und schwanger werden. Domitia soll sich um das Haus kümmern, da weiß er es in guten Händen.“ Gaius klang verbittert. „In guten Händen! Was haben wir die letzten Jahre gemacht? Alles vergammeln lassen?“
Lucius zuckte hilflos mit den Achseln. Gaius griff nach einer Schriftrolle. „Jedenfalls habe ich entschieden, mir eine eigene Wohnung zu suchen!“ Er winkte mit der Schriftrolle. „Das ist der Mietvertrag für eine kleine Wohnung. Vater war zunächst wenig begeistert, aber ich habe ihm gesagt, dass eine zweite Wohnung für informelle oder geheime Treffen doch nützlich wäre. Das hat ihn überzeugt.“
„Was für geheime Treffen?“, fragte Lucius begierig. Gab es da vielleicht irgendwelche verborgenen Aktivitäten, in die die Familie verstrickt war? Wie aufregend!