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„Was weiß ich!“, war Gaius’ ernüchternde Antwort. „Ich habe es nur so dahingesagt, weil es wichtig und politisch klang!“

„Ach so!“ Lucius war enttäuscht.

„Heute gibt es ein großes Abendessen“, sagte Gaius. „Ich soll dir ausrichten, dass du erscheinen darfst!“

„Dass ich erscheinen darf?“, fragte Lucius empört.

Gaius hob die Hände. „Ich habe die Botschaft wortwörtlich ausgerichtet. Wenn du mich fragst, hat der alte Herr die Festlichkeit nicht zufällig auf deinen letzten Abend gelegt. Tullius, Siculus, Ebulum und Maestus sind mit ihren Söhnen eingeladen. Es ist wahrscheinlich so etwas wie ein Abschiedsfest, ohne dass wir es so nennen dürfen. Außerdem kann er da noch ein paar Kontakte pflegen.“

Der Gedanke, dass seine Freunde da sein würden, besänftigte Lucius ein wenig. Warum musste Vater so eine Komödie aufführen? Fiel es ihm so schwer, sich angemessen von seinem Sohn zu verabschieden? Er hatte doch nun wirklich genug gebüßt für seinen Fehltritt!

„Ich habe etwas für dich!“, fuhr Gaius fort und unterbrach Lucius’ Gedankengänge. Er reichte ihm einen Buchbehälter. „Da Vater dir kein Buch aus der Bibliothek mitgeben will, dachte ich mir, ich schenke dir dieses hier!“

Lucius öffnete vorsichtig den Behälter und holte die Buchrolle heraus.

„Was ist es?“, fragte er neugierig und zog die Schriftrolle auseinander.

„Arma virumque cano Troiae qui primus ab oris!

Kampf und den Helden besing ich, den einst von den Ufern von Troja sein Los an Laviniums Küsten trieb,

der durch Länder und Meere gar viel vom Willen der Götter und von dem dauernden Zorn der erbitterten Juno geschleudert …“

Er brach ab und blickte freudig überrascht auf. „Die Aeneis? Die Aeneis von Vergil?“

„Ja“, sagte Gaius schlicht. „Vergil hat zehn Jahre daran gearbeitet. Angeblich soll er sie kurz vor seinem Tode Varius und Tucca übergeben haben. Um sie zu vernichten und nicht, um sie zu veröffentlichen.“

Lucius war gerührt über dieses Geschenk. Dieses Buch musste seinen Bruder eine ganz schöne Stange Geld gekostet haben. Er würde sich aus seiner Kriegsbeute revanchieren, schwor er sich. Fast feierlich steckte er die Buchrolle wieder in ihren Behälter zurück. Er würde Gaius vermissen, seinen großen, vernünftigen Bruder.

Er ging in sein Zimmer, um seine Ausrüstung zu packen. Einfache Leinentunicen und Wolltunicen, Tunicen für den Alltag, zwei gefärbte Tunicen für besondere Anlässe, zwei Kapuzenumhänge, Bade- und Rasiersachen, Schreibutensilien, Papyrii, Wachstafeln und Griffel. Lucius berührte jedes Stück mit der Hand und zählte im Kopf die Dinge noch einmal auf, die er brauchte.

Schon morgen würde er nach Lugdunum aufbrechen, um zu den Adlern zu gehen. Er konnte es sich gar nicht richtig vorstellen und hatte ein flaues Gefühl im Magen. Am besten würde er sich mit einem Buch ablenken. Nicht mit der Aeneis, nein, die würde er sich noch aufsparen. Er ging in die Bibliothek und zog aufs Geratewohl ein Buch heraus und begann zu lesen. Nach wenigen Zeilen stoppte er. Ein ungutes Gefühl hatte ihn beschlichen. Das Gefühl, beim Packen etwas vergessen zu haben, aber was? Er ließ das Buch sinken und überlegte. Am besten wäre es, sicherheitshalber noch einmal nachzuschauen. Er ging wieder hinauf in sein Zimmer und sah das Bündel durch. Jupiter sei Dank alles da! Erleichtert verschloss er das Bündel und ging wieder hinunter. Das mulmige Gefühl, etwas vergessen zu haben, verließ ihn jedoch immer noch nicht. Drei Mal ging er in sein Zimmer, um das Bündel wieder und wieder zu kontrollieren. Als er nach dem dritten Mal die Treppe herunterkam, sah er seinen Vater mit Hektor im Atrium stehen. Hektor zuckte erschrocken zusammen, als er Lucius auf der Treppe sah, und schaute betreten zu Boden.

Gnaeus Marcellus sah kurz zu ihm herüber. „Ah, Sohn, du bist wieder da. Komm mit ins Arbeitszimmer!“, wies er ihn wie selbstverständlich an. Als sei die Tatsache völlig unerheblich, dass mehr als ein Jahr vergangen war, seit er das letzte Mal mit seinem Sohn gesprochen hatte. Lucius beeilte sich, ihm zu folgen. Gnaeus Marcellus setzte sich hinter den Schreibtisch und fragte barsch, noch ehe Lucius Platz nehmen konnte: „Musterung bestanden?“

„Äh … ja!“

„Gut, gut!“, sagte der Vater gedehnt und sprang wieder auf, um zwei Becher Wein einzuschenken. Er schien nach Worten zu suchen und forderte Lucius erst einmal auf, sich zu setzen. Da es am Nachmittag bereits kühl war, rückte Lucius seinen Stuhl näher an das Kohlebecken und nahm dann einen der Becher entgegen.

„Mein Sohn!“, begann Gnaeus bedeutsam, nachdem er sich wieder gesetzt hatte. „Morgen beginnt für dich ein neues Leben! Ein Leben bei den Adlern!“ Er machte eine Pause.

Bei Mars, dachte Lucius, was für ein theatralischer Beginn.

„Du hast dich im vergangenen Jahr tapfer geschlagen und deine Aufgaben gemeistert. Das war bereits mehr, als ich erwartet hätte, und ich wage zu hoffen, dass du im Dienste der Legion deine dignitas und die unserer Familie vollends wiederherstellen wirst.

Du wirst mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen habe. Körperlich habe ich dich so gut es ging darauf vorbereiten lassen. Jetzt habe ich aber noch ein paar wichtige Ratschläge für dich. Du wirst dich gegenüber Centurionen und Soldaten durchsetzen müssen. Deine Untergebenen werden versuchen, deine Schwäche zu erkennen, und sie für sich ausnutzen wollen. Sei zu ihnen hart und streng, aber gerecht! Fordere nichts von ihnen, was du nicht selber bereit bist zu leisten! Zeige ihnen, dass du ihnen vertraust und dass sie dir vertrauen können! Und wenn deine Autorität und dein Rang alleine nicht weiterhelfen, nimm die Vitis, den Stock der Centurionen, zur Hilfe! Einige Hiebe bringen auch den lahmsten Soldaten auf Trab. Sei bereit, dich auch körperlich durchzusetzen! Du hast Boxen und Ringen gelernt, wende es an! Sei dir deines Platzes in der Hierarchie bewusst! Du bist der Jüngste und Unerfahrenste der Centurionen. Lerne von den anderen, ertrage ihre möglichen Schikanen, aber sei selbstbewusst und versuche dich durchzusetzen!“

Lucius hörte ihm aufmerksam zu und versuchte, sich seine Worte einzuprägen. Sein Vater machte wieder eine Pause und trank einen Schluck.

„Der Schlüssel zu deinem Erfolg ist, dass du es alleine schaffst, ohne Hilfe. Nur dann kannst du dich durchsetzen. Du kannst ab morgen nicht mehr mit meiner Hilfe rechnen. Alles, womit ich dir helfen konnte, habe ich getan. Meine Verbindungen, um dir den Weg zu deiner Centurionenstelle zu ebnen, meine Erfahrung für deine vormilitärische Ausbildung. Jetzt kommt es auf dich an. Du wirst es nur schaffen, wenn niemand da ist, zu dem du gehen kannst, wenn es nicht so läuft, wie du es gedacht hast. Den Respekt deiner Männer musst du dir ganz alleine verdienen.“

Lucius schluckte. Er hatte gar nicht darüber nachgedacht, ob sein Vater ihm bei der Legion weiterhelfen würde, und hatte es auch gar nicht erwartet, aber es so deutlich gesagt zu bekommen, war etwas anderes.

„Dies gilt ebenso für finanzielle Dinge!“, fuhr sein Vater fort. „Du bekommst Sold und Anteil aus der Kriegsbeute, das muss für dich reichen!“, sagte er mit Nachdruck. „Ich habe in meinem Testament verfügt, dass dein Erbe so lange von deinem Bruder verwaltet wird, bis du die Adler verlässt. Solange du unter den Adlern dienst, wirst du von mir kein Kupferas bekommen. Alles, was du zum Leben brauchst, wirst du dir selbst verdienen müssen. Du bist schließlich kein adliger Offizier, der gewohnt ist, in Luxus zu leben, sondern ein Centurio, das Rückgrat und Herzstück der römischen Armee. Ein Centurio bekommt nichts geschenkt, sondern verdient sich seinen Rang, seine Privilegien und sein Geld durch Einsatz und Leistung. Merke dir das, Lucius!“