Der breitschultrige Centurio, der sich vor ihnen aufbaute, ließ seinen Blick prüfend und streng über die Rekruten schweifen. Nach und nach erstarben die Gespräche und die Aufmerksamkeit der Rekruten wandte sich ihm zu. Er sah sie finster an und befahl knapp: „Ruhe!“ Sofort war es still.
„Mein Name ist Titus Valens. Für euch Centurio Valens. Dies sind eure Ausbilder Centurio Vitellius und Centurio Vulso.“
Die Rekruten musterten die beiden Ausbilder. Vitellius’ ohnehin schon finsteres Gesicht wirkte durch seine Narbe noch bedrohlicher. Vulso war schwer einzuschätzen. Seinen Gesichtsausdruck hätte man fast sanft, vielleicht sogar einfältig nennen können, wäre da nicht dieses Funkeln in seinem Blick gewesen, das zeigte, dass man ihn besser nicht unterschätzen sollte.
Valens fuhr fort: „Ihr habt euch entschieden, dem Imperium zu dienen!“ Und weiter mit sanfter Stimme: „Ich sehe hier eine bemerkenswerte Ansammlungen von Tagedieben, Bastarden und Schurken. Die meisten von euch haben nach ihren eigenen Regeln gelebt und sind es gewohnt, sich selbst zu helfen. Nicht wahr?“ Er grinste verschwörerisch, und Gelächter ging durch die Reihen, die Rekruten begannen zu tuscheln. „Nun, hier in der Legion gibt es auch Regeln, allerdings völlig andere Regeln. Es ist Zeit, dass ihr die erste Regel lernt! Wenn einer von uns ‚Ruhe’ sagt …“
Er machte eine Pause und brüllte plötzlich los: „… dann haltet ihr gefälligst die Schnauze, sonst reiße ich euch die Zungen raus! Ist das klar?“
Die Rekruten zuckten erschrocken zusammen. Es war so still, dass man die Schritte einer Maus hätte hören können.
„Auf die Frage ‚Ist das klar?’ antwortet ihr mit: ‚Jawohl, Centurio!’“, sagte Valens mit gefährlicher Ruhe. „Auf jeden Befehl auch. Klar?“
„Jawohl, Centurio!“, erklang es uneinheitlich von den Rekruten zurück.
„Wie war das? Ich kann euch nicht hören!“
„Jawohl, Centurio!“ Lucius brüllte aus vollem Halse mit. Beim zweiten Mal klang es fast schon wie mit einer Stimme.
„Und jetzt stellt euch in einer Reihe auf. Zwanzig Mann breit, sechs Mann tief. Vorwärts!“, bellte Valens.
Sofort setzte ein wildes Gedränge ein. Die Männer taten ihr Bestes, den Befehl umzusetzen. Lucius ordnete sich schnell in die dritte Reihe ein. Er entdeckte in der Reihe vor sich zwei Rekruten, die sich durch ihre offenbar teure Kleidung von den anderen deutlich abhoben. Bei ihnen hatten zwei Männer gestanden, bei denen Lucius einen As gegen einen Denar gewettet hätte, dass es sich um ihre Sklaven handelte. Die Sklaven betrachteten nun vom Rande des Forums interessiert das Treiben, als Valens sie plötzlich anschnauzte: „Braucht ihr eine Extra-Einladung oder sind euch unsere Reihen nicht gut genug?“
Die Sklaven fuhren erschrocken zusammen und begannen aufgeregt durcheinanderzureden. Einer der beiden gut gekleideten Rekruten sprach den Centurio beschwichtigend an: „Der eine ist mein Sklave! Er begleitet mich nur!“
Valens fuhr herum und nachdem er den Sprecher ausgemacht hatte, schoss er auf ihn zu. Lucius hätte lieber einem durchgehenden Ochsengespann im Wege gestanden, als diesem Fels von einem Mann zu trotzen, dessen Gesichtsausdruck einen gefährlichen Zug angenommen hatte.
„Und welcher hohe Gast bist du, dass du deinen Sklaven mitbringst und darüber hinaus auch noch ungefragt sprichst?“
„Ich bin Tiberius Silvanus Mellonius Minor, Sohn des Tiberius Silvanus Mellonius Maior, und ich bin hier, um Centurio zu werden!“
„Oh, wirklich?“ Valens’ Stimme sank zu einem Flüstern herab und sein Blick bekam ein mörderisches Funkeln. Mellonius sollte sich in Acht nehmen, dachte Lucius beunruhigt.
„Dann sind Carvus und Marcellus bestimmt auch nicht weit, oder?“
Lucius meldete sich. „Hier, Centurio!“, und fast zeitgleich erklang von rechts vor ihm die zweite Meldung.
„Gut. Tretet nach vorne und wartet dort!“
Lucius beeilte sich, dem Befehl Folge zu leisten. Plötzlich stieß ihm Valens seinen Stock vor die Brust.
„Hast du nicht etwas vergessen?“
„Nein!“, entgegnete Lucius reflexartig.
„Nein, was?“, fuhr ihn Valens an.
„Nein, Centurio!“, beeilte sich Lucius zu sagen.
„So, du hast nichts vergessen? Aber du hast doch einen Befehl bekommen?“
„Jawohl, Centurio!“
„Und was sagt man, wenn man einen Befehl bekommt?“
„Jawohl, Centurio!“
„Hast du es gesagt?“
„Nein, Centurio!“
„Also hast du doch etwas vergessen?“
„Jawohl, Centurio, ich habe vergessen ‚Jawohl, Centurio!’ zu sagen!“
Während dieses Wortwechsels war es Lucius heiß und kalt geworden. Gleichzeitig ließ Valens seinen Stock über Lucius’ Körper wandern. Von der Brust auf die Schulter, dann über den Kopf und bis an die Kehle.
„Dann vergiss es nicht wieder!“, erwiderte Valens plötzlich lächelnd und tippte ihm mit dem Stock an die Kehle.
„Nein, Centurio!“, versicherte ihm Lucius und eilte nach vorne, nachdem der Ausbilder den Stock gesenkt hatte.
Als Nächstes ließ Valens die übrigen Rekruten abzählen, immer eins und zwei.
„Alle, die ‚eins’ gezählt haben, gehören zur ersten Centurie des Hastatenmanipels der 4. Kohorte!“, erklärte Valens. „Alle anderen zur zweiten Centurie des Hastatenmanipels der 4. Kohorte! Wenn ihr euch meldet oder eure Einheit nennt, meldet ihr euch so: Ich bin Probatus in der ersten Centurie der Hastaten der 4. Kohorte der XIX Legion! Ist das klar?“
„Jawohl, Centurio!“, klang es zurück.
Dann rückten die Rekruten ab. Die erste Centurie folgte Vitellius, die zweite Centurie Vulso. Zunächst würden noch einmal alle vom Arzt untersucht werden, dann sollten sie ihre Unterkünfte beziehen und anschließend ausgerüstet werden.
Valens baute sich vor den drei wartenden Centurionen-Anwärtern auf. Er hielt Mellonius den Stock unter die Nase.
„Weißt du, was das ist?“
„Jawohl, Centurio!“, erwiderte Mellonius.
„Nun?“
„Das ist die Vitis. Das Zeichen unseres Ranges!“, antwortete Mellonius eifrig.
Valens trat neben ihn, legte ihm kameradschaftlich den linken Arm um die Schulter und hielt den Stock mit der rechten Hand hoch. „Genau! Das ist die Vitis“, sagte er mit liebenswürdiger Stimme. „Und wenn du oder einer von euch anderen es noch einmal wagt, sich als Centurio zu bezeichnen, schlage ich demjenigen hiermit seinen Schwachkopf ein. Ist das klar?“
„Jawohl, Centurio!“, stießen Lucius und Carvus hastig hervor. Mellonius’ Stimme war nur ein Krächzen. Lucius sah, wie Valens mit seiner Armbeuge Mellonius die Luft abschnürte. Der lief schon blau an, als ihn Valens endlich losließ. Mellonius schnappte verzweifelt nach Luft.
„Ihr seid erst einmal ein Nichts. Nach der ärztlichen Untersuchung dürft ihr euch wie alle anderen Probatus nennen, einen Anwärter nach der Musterung. Und wenn ihr die Grundausbildung übersteht, dann werdet ihr vielleicht ja einmal Centurio, wer weiß das schon?“ Valens machte eine drohende Pause, bevor er falsch lächelnd fortfuhr: „Ihr werdet jetzt zum Arzt gehen und euch danach bei Galarius, dem Lagerpräfekten, melden!“
Die Untersuchung beim Arzt war nur eine Formsache, da die Musterung ja schon vorher stattgefunden hatte. Anschließend machten sich Lucius, Mellonius und Carvus gemeinsam wieder auf den Weg zum Forum.
Sie betraten die Baracke. Ein Schreiber ließ sie im Vorraum warten und verschwand hinter einem Vorhang. Nach kurzer Zeit kam er wieder und wies die drei Centurionen-Anwärter mit einer Kopfbewegung an, einzutreten. Sie traten in ein schlicht eingerichtetes Büro: ein Schreibtisch, der mit Papieren übersät war, ein Beistelltisch, auf dem noch die Reste eines Essens standen, einige Klappstühle. Die Wand war vollständig von einem Regal verdeckt, das mit Rollen und Tafeln überladen war. Der Schriftverkehr einer Legion. Eine Reihe von Tapferkeitsauszeichnungen und Beutestücken zeigte, dass der Nutzer dieses Büros kein Verwaltungsmensch, sondern ein tapferer und kampferfahrener Soldat war. Der massige Mann hinter dem Schreibtisch sah nicht auf, als sie hereinkamen. Unbeirrt studierte er die Schriftrolle, die vor ihm lag. Sie warteten schweigend, bis er schließlich hochblickte.