Lucius setzte seine Übungen fort und bearbeitete den Pfahl. Plötzlich zischte Carvus und stieß Mellonius an. Lucius warf einen schnellen Blick über die Schulter und stellte zu seinem Erschrecken fest, dass Valens jetzt genau hinter ihnen stand und ihm zusah. Lucius wurde nervös und seine beiden nächsten Stöße gingen fehl. Ruhig Blut, mahnte er sich und glaubte, Pertinax’ Stimme zu hören, der ihm oft genug eingeschärft hatte, unter keinen Umständen die Ruhe zu verlieren. Er merkte, wie er sich verkrampft hatte, und schüttelte kurz den Arm, um ihn zu lockern. Dann setzte er seine Übungen fort. Die nächsten Hiebe und Stöße saßen wieder und das Aufatmen seiner beiden Kameraden verriet ihm, dass Valens weitergegangen war.
Im Lager wurde es leerer, da die Gallica abrückte und die Kohorten der XIX regelmäßig zu Übungen auszogen. Die Ausbildung der neuen Rekruten ging unverändert weiter.
„Das ist ein Pilum!“, erklärte Vulso und zeigte den schweren römischen Wurfspeer herum. „Das Pilum hat als schwerer Wurfspeer die Hasta, die Lanze, abgelöst. Legionäre eröffnen das Gefecht mit einer Pilumsalve auf eine Entfernung von ungefähr vierzehn Doppelschritten.“ Er machte eine Pause und schleuderte das Pilum auf die Zielscheibe. Die lange, schmale Metallspitze durchschlug das Brett und blieb zitternd stecken. Die Rekruten waren beeindruckt und nickten anerkennend.
„Das Pilum kann Schilde und Panzer glatt durchschlagen“, fuhr Vulso fort und zeigte auf das Brett. „Wenn der Barbar Pech hat, wird er mitsamt seinem Schild aufgespießt. Wenn er Glück hat, wird nur der Schild durchbohrt.“ Antinius ging zum Brett und zerrte an dem Pilum. „Bohrt sich ein Pilum in einen Schild, verbiegt sich die Spitze und kann nicht mehr herausgezogen werden. Der Barbar muss seinen Schild wegwerfen und kann von euch mit dem Gladius erledigt werden. Eine richtige Pilumsalve bringt jeden anstürmenden Feind zum Stoppen. Antreten!“
Die Rekruten stellten sich auf und nahmen ihre Pila auf. Antinius schritt ihre Reihen ab.
„Prüft, ob eure caligae richtig sitzen. Falls nicht, besteht die Gefahr, dass ihr stolpert und euren eigenen Fuß am Boden festnagelt – und das wäre ausgesprochen schlecht!“
Die Rekruten sahen verunsichert auf ihre Füße. Einige schüttelten ihre Füße, um den Sitz der Sandalen zu überprüfen, andere bückten sich und banden die Sandalen enger. Lucius konnte das Feixen auf den Gesichtern von Antinius und Vulso sehen. Ich darf mich von denen niemals einschüchtern oder verunsichern lassen, dachte er bei sich.
Die ersten Pilumwürfe der Rekruten landeten nahe beim Ziel, aber schon im dritten oder vierten Durchgang begann die Weite der Würfe und die Zielgenauigkeit abzunehmen.
„HALT!“ Vulsos Stimme übertönte die Rufe der Männer und das Training stoppte.
„Wem gehört dieses Pilum?“
Carvus meldete sich. „Mir, Centurio Vulso!“
„Dir?“, fragte Vulso gedehnt. „Was hast du gemacht? Ihn geworfen oder ihm einen kleinen Schubs versetzt? Meine alte Mutter, Iuno beschütze sie, ist in der Lage, weiter zu werfen als du, deswegen hoffe ich für dich, du hast dein Pilum geschubst! Los, noch einmal!“
Carvus nahm Anlauf und schleuderte das Pilum. Er verfehlte das Ziel deutlich. Viel zu kurz und viel zu weit links.
„Noch einmal!“, war Vulsos einziger Kommentar. Viel zu kurz und viel zu weit rechts.
„Aufhören!“, brüllte Vulso. „Mit deinen Würfen versetzt du unsere eigenen Reihen in Angst und Schrecken, Bella!“
„Bella?“, fragte Carvus verunsichert.
„Ja, Bella! Da du wie ein Mädchen wirfst, werde ich dich ab jetzt wie ein Mädchen anreden!“ Vulso grinste ihn hämisch an. „Da müssen wir ein wenig Krafttraining mit unserem kleinen cinaedus machen. Los, Optio, nimm ihn dir vor!“
Carvus verschwand mit Antinius.
Das nächste Training mit dem Pilum verlief nicht viel besser für Carvus. Erneut versagte er beim Werfen. Vulso setzte wieder sein hämisches Grinsen auf. „Aber Bella, tut dein Wurfarm dir noch aua? Oder bist du einfach weibisch?“ Er machte eine Pause und drehte sich zu den anderen Rekruten um. „Er und die sieben schlechtesten Werfer werden ein neues Contubernium bilden, unser Contubernium der Bona Dea, nur für Frauen. Los, Legionär Flora, Legionär Tertia, Legionär Valeria! …“ Er zeigte auf sieben weitere Legionäre, gab ihnen Mädchennamen und schickte sie ans Ende der Reihe. Die Blicke, die sie Carvus zuwarfen, verhießen nichts Gutes.
„Pass auf dich auf!“, sagte Lucius abends, als Carvus seine Sachen packte, um sein neues Quartier zu beziehen. „Wenn du nicht aufpasst, ernennen sie dich zum rex bibendi.“
Carvus sah irritiert auf. „Zum Trinkerkönig? Was haben die Saturnalien damit zu tun?“
„Jemanden in der Legion zum rex bibendi zu ernennen ist eine Umschreibung für eine Abreibung. Wenn jemand durch schlechte Leistungen, Versäumnisse oder Ähnliches einem Contubernium Schaden zufügt, zeigen die anderen ihm ihren Unwillen, indem sie ihn zum rex bibendi ernennen!“
„Du meinst, sie verprügeln ihn?“, warf Mellonius entsetzt ein.
„Das kommt darauf an!“ Lucius dachte an die Geschichten, die Saxum ihm mit Genuss und Schadenfreude erzählt hatte. „Sie können ihm den Hintern versohlen, oder jeder gibt einen Streich auf die nackten Fußsohlen. Sie können ihn auch in die Latrine werfen oder ins nächste Schlammloch.“
Carvus sah verunsichert aus. Während er seine Sachen packte, bemerkte er dennoch trotzig: „Es gehört mehr dazu als ein paar Hirten und Bauern, um einen Marcus Flavius Carvus zu ängstigen!“ Er rieb sich stöhnend die Schulter und hielt Lucius einen Napf mit Fett hin. „Kannst du mal?“ Lucius nickte und Carvus zog die Tunica aus. „Ich kann meinen Arm kaum noch bewegen, und dann grinst mich dieses Stück Scheiße auch noch hämisch an und verkündet, dass ich morgen meine Wurfkünste wieder zeigen soll!“ Er stöhnte. „Verflucht, soll ihn doch der Blitz treffen! Und wenn ich wieder versage, sagt Vulso mit einer Miene, als ob ich ein Saturnaliengeschenk bekäme, wird das Krafttraining zu meiner Lieblingsbeschäftigung werden!“
Mellonius schüttelte den Kopf und trank einen Schluck Wein. „Das ist reine Schikane und hat nichts mit Ausbildung zu tun. Die wollen uns fertigmachen.“
„Das habe ich so auch zu Canidius gesagt!“
Lucius stoppte die Massage. „DU HAST WAS GESAGT?“ Lucius’ Magen fühlte sich an, als wäre flüssige Lava hineingeschüttet worden. „Du hast mit dem Primipilus darüber gesprochen?“
„Ja, natürlich!“ Carvus wirkte beinahe stolz. „Meine Familie und seine sind miteinander bekannt!“ – „War das klug?“, ließ sich Mellonius zaghaft vernehmen.
„Nein, war es nicht, es war dumm, saudumm!“ Lucius war aufgesprungen und schrie fast.
„Spiel dich nicht so auf, Marcellus!“ Carvus stand ihm Auge in Auge gegenüber. „Nur weil dein Vater Centurio war, weißt du auch nicht alles. Von Verbindungen hast du keine Ahnung!“ Mellonius versuchte zu vermitteln und fragte, um abzulenken: „Was hat Canidius gesagt? Wird er etwas unternehmen?“
„Ja und nein! Er kann natürlich nicht offiziell eingreifen, da der primi ordinis Valens mit der Ausbildung betraut ist, also hat er mich zu ihm geschickt!“
„Und ausgerechnet Valens hast du die Geschichte auch brühwarm erzählt!“ Lucius Stimme troff vor Hohn.
„Allerdings, du kleiner Wichtigtuer!“
„Sehr schlau, Carvus!“, ätzte Lucius. „Dich ausgerechnet bei Valens zu beschweren!“ Er schwang sich auf sein Bett und drehte sich zur Wand. Es herrschte Schweigen.
„Warum sagst du ‚ausgerechnet’?“, fragte Mellonius vorsichtig nach.