Vulso sah genervt auf die beiden Rekruten, Vitellius ließ ein meckerndes Lachen hören. „Das ist der Grund, warum ihr das Lager weckt? Weil ihr beiden Zuckerpüppchen angeblich überfallen worden seid?“
Vitellius grinste höhnisch. „Angeblich!“
„ANGEBLICH?“, fuhr Mellonius auf, der mittlerweile aufgestanden war. Sein Gesicht hatte rote Flecken und sein Blick wanderte unstet umher. „Man wollte uns ermorden!“
„Hast du irgendwelche Waffen gesehen?“, fragte Vulso mit spöttisch verzogenen Mundwinkeln.
„NEIN! Ich lag auch mit dem Gesicht nach unten und konnte nichts sehen!“
„Und du?“
Lucius schluckte. „Nein, keine Waffen!“, sagte er und schilderte kurz das, was er mitbekommen hatte.
„Das hört sich nach einem lustigen, kleinen Streich an!“, sagte Vulso. „Die Männer sind abgekämpft und müde und lassen ihren Frust raus!“
„Und jetzt?“, fragte Antinius. „Was machen wir jetzt?“
„Habt ihr Gesichter erkannt?“
Beide schüttelten den Kopf.
„Sollen wir jetzt alle befragen und noch mehr Aufruhr verursachen?“, fragte Vitellius.
„Nein!“ Vulso schüttelte den Kopf. „Eine solche Kleinigkeit sollte man nicht unnötig aufbauschen! Wenn die Männer nicht zu erkennen waren, können wir auch nichts machen. Das ist dann Pech!“
Sein offensichtliches Desinteresse verleitete Lucius zu einer Dummheit. „Der eine hat eine dicke Nase und ein anderer müsste krumm gehen!“, platzte er heraus und schilderte, wie er die beiden Angreifer abgewehrt hatte.
Vulsos Blick hätte einer Medusa zur Ehre gereicht. „Finde die beiden und setzt sie auf Gerste!“, sagte er zu Antinius gewandt und ging zur Tür. „Ach, und sag ihnen auch, warum sie auf Gerste sind!“, fügte er mit einem Blick auf Lucius hinzu.
Das hätte ich besser für mich behalten, dachte Lucius. Das war ein dummer Fehler.
„Sie wollen uns töten!“, sagte Mellonius mit dumpfer Stimme, und es hörte sich verdächtig danach an, als müsste er seine Tränen unterdrücken.
Mellonius machte Lucius zunehmende Sorgen. Er war nervös und unsicher und zuckte beim kleinsten Geräusch zusammen. Natürlich mussten sie weiter den Hohn der Ausbilder über sich ergehen lassen.
„Was denn, heute Morgen keinen Mordanschlag zu melden?“ Vulso riss ungläubig die Augen auf, als sie am darauf folgenden Morgen „Keine besonderen Vorkommnisse!“ meldeten. Die anderen Rekruten sparten ebenfalls nicht mit Spott.
„Vielleicht waren das ein paar Schwuchteln aus der Vorstadt auf der Suche nach einem hübschen Arsch!“, höhnte jemand auf dem Weg zum Waffentraining.
Nicht besonders hilfreich war es, dass Antinius zwei Tage nach dem Vorfall, mitten in der Nacht, laut ins Zimmer polterte. Lucius fuhr nur erschrocken im Bett hoch, aber Mellonius war am Rande einer Panik. Fast wäre er aus dem Hochbett gefallen, in das er nach dem Überfall umgezogen war.
„’schuldigung!“, brummte der Optio. „Hab mich in der Tür geirrt!“
„Sie werden uns töten!“, murmelte Mellonius, nachdem die Tür sich hinter dem unerwünschten Besucher geschlossen hatte. Am nächsten Morgen sah er übernächtigt aus, weil er nach dem Vorfall nicht mehr geschlafen hatte. In den folgenden Nächten fuhr Mellonius beim geringsten Geräusch mit einem Schrei im Bett hoch und weckte Lucius jedes Mal gleich mit. Im Gegensatz zu Mellonius konnte Lucius jedoch schnell wieder einschlafen. Die Angst hielt seinen Kameraden wach, so dass er mit seinen Aufgaben immer weniger zurechtkam.
Wenn morgens zum Wecken geblasen wurde, fühlte sich auch Lucius, als ob eine Kohorte über ihn hinweggetrampelt wäre. Er musste sich immer mehr anstrengen, um seine Aufgaben zu bewältigen. Mellonius war bald kaum noch in der Lage, seine zu erledigen. Er schlief bei jeder Gelegenheit ein, sogar beim Reinigen seiner Waffen. Beinahe bei jedem Waffen- und Ausrüstungsappell wurden Vulso und Antinius fündig. Mal fehlten Nägel in den Sandalen, mal waren die Waffen dreckig, Ausrüstungsgegenstände fehlten und das Kettenhemd wies Roststellen auf. Jeder Fehltritt brachte Mellonius Strafdienste ein und zum Schluss musste er einen halben Tag mit einem Ferkel auf dem Arm neben einem Pfahl auf dem Forum stehen. An dem Pfahl stand ein Schild mit dem Hinweis: „Wir beide hausen wie die Schweine“.
Mellonius tat Lucius leid, aber was sollte er machen? Mellonius verwandelte sich vor seinen Augen in ein Nervenbündel mit Verfolgungswahn. Als ihm ein Rekrut nach einem Übungsmarsch seine Feldflasche anbot, zuckte er zurück. „Vielleicht will er mich vergiften!“, murmelte er Lucius zu und sein Blick irrte hektisch durch die Umgebung.
Die Situation eskalierte schließlich vollends. Während einer Nachtwache schlug Mellonius plötzlich Alarm und versetzte das ganze Lager in Aufruhr. Zur Rede gestellt, schwor er Stein und Bein, dass sich jemand an ihn herangeschlichen hätte. Vulso ordnete an, dass Mellonius einen weiteren Tag am Schandpfahl stehen musste. Doch damit war die Sache nicht ausgestanden. Eine ganze Legion war aus dem Schlaf geschreckt worden, weil ein Rekrut hysterisch um Hilfe geschrien hatte. Und nicht nur das: Der Alarm hatte sich ausgebreitet und sogar für Unruhe in Lugdunum gesorgt.
Legat Varus wurde zu Augustus bestellt und zitierte nach seiner Rückkehr den Primipilus Canidius zu sich, um den erteilten Verweis umgehend weiterzugeben. Canidius wiederum machte Vulso verantwortlich, der die ganze Centurie antreten ließ: „Ein einzelner verblödeter Rekrut hat unsere Centurie und unsere ganze Legion in Verruf gebracht und zum Gespött gemacht!“
Alle Augen wanderten bösen Blickes zu Mellonius. Lucius schluckte schwer, als er feststellte, dass man ihn nicht weniger unfreundlich ansah. Würde er für Mellonius’ Fehler mitbezahlen müssen?
Vulsos Strafpredigt hatte sich gewaschen. Lucius dachte schon, er würde gar nicht mehr aufhören, Mellonius und den Rest der Centurie anzuschreien. Mellonius stand wie betäubt da und schien nicht mehr viel um sich herum wahrzunehmen. Wie lange würde er noch durchhalten? Lucius ertappte sich bei dem Gedanken, dass er wünschte, Mellonius würde einfach freiwillig aufgeben. Seine Tage in der Legion waren sowieso gezählt.
Bei seiner nächsten Wache wurde Mellonius schlafend erwischt und von Vulso umgehend zu Valens geschleift. Valens tobte und brüllte, dass man es auf dem ganzen Forum hörte. Das wiederum rief Quirinius, den ranghöchsten Tribun, auf den Plan. Als er die Ursache des erneuten Aufruhrs erfuhr, fackelte er nicht lange. „Werft ihn raus!“, war sein kurzer Kommentar und man nahm den Befehl beinahe wörtlich. Mellonius wurde so schnell wie möglich aus dem Lager entfernt. Lucius war allein.
Lucius hatte Wache auf dem Lagerwall. Er schritt den Wehrgang entlang und warf von Zeit zu Zeit einen Blick in die dunkle Nacht. Als er den Turm erreichte, vergewisserte er sich, dass er vorschriftsmäßig besetzt war, und machte dann kehrt. Im Lager war alles ruhig und auch vor dem Lager rührte sich nichts. Er blieb einen Moment stehen, stellte den schweren Schild ab und reckte sich. Oh Jupiter, bin ich müde, dachte er ‚bevor er seinen Rundgang wieder aufnahm.
Er war nun der letzte der drei Centurionen-Anwärter und ganz auf sich gestellt. Dank Saxum und Pertinax war es ihm leichter gefallen, den Anforderungen gerecht zu werden und sich die alltäglichen Dinge des Soldatenhandwerkes anzueignen. Das hatte Carvus und Mellonius zu den bevorzugten Zielen der Ausbilder und ihrer Schikanen gemacht. Lucius hatte einfach weniger Angriffsfläche geboten. Nun, da die beiden weg waren, ruhte das Augenmerk der primi ordines auf ihm. Und er hatte ja bereits verstanden, dass er den erfahrenen Centurionen immer ein Dorn im Auge sein würde.
Ich muss nur noch einen Monat durchhalten, dann habe ich die Grundausbildung überstanden, sagte er sich im Stillen. Besser, als auf dem Hof zu arbeiten! Angriff ist die beste Verteidigung, ich werde nicht warten, bis jemand zu mir kommt, sondern ich werde mir die Leute greifen! Ich muss mir irgendwie Respekt verschaffen.