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Zwei der Angreifer, die ihn und Mellonius überfallen hatten, kannte er. Einen hatten seine geschwollene Nase und sein blaues Auge verraten. Ein zweiter aus demselben Contubernium hatte sich krankgemeldet, weil er angeblich gestürzt war und sich das Bein vertreten hatte. Er lag im Lazarett. Ob sie wirklich auf Gerste waren? Er wusste es nicht. Aber es war an der Zeit, etwas zu unternehmen.

LUGDUNUM

Als sie das nächste Mal Ausgang hatten, folgte Lucius dem Rekruten mit der immer noch arg geschwollenen Nase nach Lugdunum zu einem Bordell und wartete geduldig darauf, dass er wieder herauskam. Lucius hatte keinen genauen Plan, was er unternehmen wollte. Zuerst würde er nur mit ihm reden. Alles Weitere würde sich schon finden.

Nach einer ganzen Weile verließ der andere endlich das Haus. Lucius packte ihn und zog ihn in den Hof. Dort pickten einige Hühner auf dem Lehmboden herum, ein wenig Feuerholz war an der Wand aufgestapelt. Ansonsten war der Hof leer.

„Hallo, Quintus Servanus!“, sagte Lucius forsch.

„Hallo, Marcellus!“, entgegnete der andere kühl und seine Hand wanderte zu seinem Pugio.

Lucius schüttelte den Kopf. „Du brauchst keine Angst zu haben. Ich will nicht gegen dich kämpfen, ich will dich nur warnen und dir von weiteren nächtlichen Besuchen bei mir abraten!“

Servanus begann zu kichern. „Angst? Vor dir, du lächerliche Figur? Du wirkst wie der glorreiche Centurio von Plautus, wie jemand, der gerne Centurio spielen möchte.“ Lucius schluckte.

„Selbst wenn du nicht der letzte Dreck der Centurie wärest und dir jeder von uns ungestraft die Eingeweide aus dem Leib prügeln dürfte, hätte ich keine Angst vor dir. Ich bin im Hafen von Massilia aufgewachsen und habe da ganz andere Typen als dich kennengelernt. Typen, die respekt- und angsteinflößender waren, als du es jemals sein wirst!“

Bei der Erwähnung des Hafens von Massilia spürte Lucius wieder die Schmerzen im Unterleib und die Scham über den Überfall in sich aufsteigen. Das Geräusch des Dolches, der gezogen wurde, brachte ihn in die Wirklichkeit zurück.

„Am besten, ich befreie die Legion von dir, du Missgeburt!“, sagte Servanus und kam mit dem gezogenen Dolch auf ihn zu.

„Du willst mich ermorden?“, fragte Lucius mit erzwungener Ruhe. Er hatte gedacht, dass es einfacher wäre, Servanus einzuschüchtern, aber er war bereit, zu Ende zu bringen, was er angefangen hatte.

„Wieso ermorden? Du hast mir doch aufgelauert und mich in den Hof gezerrt. Vor Angst irre geworden, wie dein Freund Mellonius.“

Er ging zur Seite und stellte sich zwischen Lucius und den Hofeingang. Lucius wich zurück. Es wäre Wahnsinn, sich unbewaffnet gegen einen Messerstecher zu stellen. Selbst wenn er ihn mit seinen Ring- und Boxfähigkeiten ausschalten würde, könnte dieser ihm noch schwere Verletzungen zufügen. Er machte eine Finte nach rechts und sprang dann auf den Ausgang zu. Servanus stach zu und verfehlte ihn. Lucius hob ein Bündel Brennholz auf und schleuderte es nach dem Angreifer. Dieser stolperte und Lucius trat ihm gegen den Arm. Der Dolch prallte mit lautem Klirren gegen die Wand. Die Hühner flogen aufgeregt und laut gackernd auf. Über ihnen ertönten laute Stimmen und eine erboste Frauenstimme schrie in den Hof herunter: „Verschwindet, ihr besoffenen Soldaten, und tragt euren Streit woanders aus!“ Ein Ladung Urin und Kot landete vor ihren Füßen und bespritzte sie beide. Die Frau hatte ihren Nachttopf in den Hof gekippt. „Gib´s ihnen!“, kreischte eine zweite Stimme und kurz darauf folgte eine zweite Ladung. Lucius und Servanus flohen fluchend Hals über Kopf aus dem Hof und rannten die Straße entlang zum Fluss.

Dort ließen sie sich schwer atmend auf die Böschung fallen. Dann sahen sich die beiden an und mussten lachen.

„Oh, heilige Scheiße!“, lachte Lucius. „Besser hätte es Plautus auch nicht schreiben können!“ Servanus sah an sich herunter.

„Scheiße trifft es ganz gut! Wir sollten uns waschen; wenn Antinius oder Vulso uns so sehen, blüht uns was!“ Er ging zum Fluss und wusch sich die Fäkalienspritzer von den Beinen. Lucius folgte seinem Beispiel.

„Du solltest den Matronen ein Opfer bringen!“, sagte Servanus plötzlich. „Wenn die Weiber nicht dazwischengekommen wären, hätte ich dich in Streifen geschnitten, Marcellus!“

„Das glaube ich nicht!“, erwiderte Lucius ernst.

„Oh doch! Und auch hier könnte ich dich ersäufen wie eine Katze!“, sagte Servanus und griff plötzlich nach seinem Arm. Aber Lucius war auf den Angriff gefasst und packte Servanus’ Arm. Mit einem geübten Ringergriff schleuderte er den anderen herum und mit lautem Platschen landete Servanus im Wasser. Ehe er sich von der Überraschung erholt hatte, packte ihn Lucius, verschränkte seine Hände im Nacken des anderen und drückte ihn unter Wasser. Nach einigen kurzen Herzschlägen zog er Servanus wieder nach oben, der lauthals nach Luft röchelte. Lucius ließ ihn los und stieß ihn an den Uferrand, wo der andere um Atem rang.

„Warum hast du mich losgelassen?“, fragte Servanus und rieb sich den Nacken. „Hast du Angst vor dem Töten?“

„Zu viele Zeugen!“, entgegnete Lucius lässig und deutete auf die Menge, die sich versammelt hatte, um dem Kampf zuzusehen. Servanus sah sich um.

„Lugdunum ist der falsche Ort, um eine private munera zu veranstalten!“

Lucius war aus dem Wasser gestiegen und wrang nun seine Tunica aus. „Ich will keine munera mit dir veranstalten und überhaupt nicht gegen dich kämpfen. Ich wollte dich nur warnen, mich besser in Ruhe zu lassen.“

„Angst!“ Das war eine Feststellung, keine Frage. „Du bist und bleibst eben ein weich gekochtes Muttersöhnchen!“

„Red doch keinen Schwachsinn!“, fauchte Lucius ihn an, und in ihm kochte die abgekühlte Wut wieder hoch. „Du glaubst, nur der Abschaum vom Hafen ist hart im Nehmen. Mein Vater war Primipilus unter Agrippa, was meinst du, was ich für eine harte Jugend gehabt habe?“ In den letzten drei Jahren, fügte er still hinzu. „Und ein Schwertkampf? Gegen dich?“, lachte er und hoffte, dass es überlegen klang. „Da du aus Massilia kommst, sollte dir Pertinax etwas sagen!“ Sie waren die Uferböschung hinaufgeklettert und hatten sich durch die Menge gedrängt. „Pertinax war mein Schwertkampflehrer, und in einem Kampf gegen dich würde ich Hackfleisch aus dir machen, schneller als du ‚Imperium Romanum’ sagen könntest!“

„Dein Vater war Primipilus?“, fragte Servanus verwirrt. „Und du hattest Pertinax, DEN Pertinax, als Schwertkampftrainer?“

Lucius nickte. In dem Torbogen klangen ihre Stimmen hohl.

„Pertinax hat also freiwillig ein verweichlichtes Muttersöhnchen trainiert? Na ja, er kann ja nicht so falsch liegen. Ein bisschen was musst du ja draufhaben.“ Servanus grinste. Lucius hielt an. „Hast du mich in den letzten Wochen schwächeln oder ausfallen sehen?“, fuhr er Servanus an.

„Nein! Aber man hat uns ständig erzählt, was für ein Weichei du bist!“, entgegnete der ohne jedes Schuldbewusstsein. Lucius konnte sich gut vorstellen, wie Antinius und Vulso die anderen Rekruten mit beiläufigen Bemerkungen aufgehetzt hatten. Und dass Männer wie Servanus in ihrer Dummheit und auf der Suche nach ein bisschen Spaß alles glaubten, was man ihnen erzählte. Als sie die Baracken erreichten, blieb Servanus plötzlich stehen. „Mein Dolch!“, sagte er und griff nach der leeren Scheide. „Ich habe meinen Dolch in dem Hof liegenlassen.“

„Willst du zurück und ihn holen? Den haben sich schon längst die Bewohner der Insula geholt!“ Servanus sah ihn ratlos an. „Du hast recht. Scheiße! Das wird ein Fest beim nächsten Appell!“, sagte er frustriert. „Sie werden mich auf kleiner Flamme rösten und ich darf einen neuen Dolch kaufen!“