„Warte einen Moment!“, sagte Lucius und trat in seine Unterkunft. Er kramte im Regal herum und zog Mellonius’ Pugio hervor. Er ging wieder hinaus. „Hier!“, sagte er und warf Servanus den Dolch zu. „Sie hatten es so eilig, ihn rauszuwerfen, dass sie vergessen haben, alle Dinge von ihm wieder einzusammeln!“
Servanus dankte verblüfft und erleichtert. Dann grüßte er noch einmal und ging zu seiner Unterkunft hinüber. Lucius sah ihm nach. Das Wecksignal riss ihn wieder einmal viel zu früh aus dem Schlaf. Er kroch aus dem Bett und schleppte sich zur Waschschüssel hinüber. Ein Blick aus dem Fenster verhieß nichts Gutes. Der Himmel war wieder wolkenverhangen. Da es immer noch schwül war, brauchte man kein Augur zu sein, um ein Gewitter vorherzusagen. Die schwarzen Wolken bedeuteten viel Regen, und Regen bedeutete viel Schlamm und Schmutz. Aber – und er pries Jupiter in den höchsten Tönen – es waren nur noch wenige Tage bis zur Vereidigung.
Lucius aß ein kaltes Frühstück: getrocknetes Fleisch, Käse, Brot und Oliven. Nachdem ihm Vulso bereits so zugesetzt hatte, konnte es kaum noch schlimmer werden. Er hatte Lucius eine Reihe von Sonderaufgaben aufgehalst: Latrinen graben, schanzen und Einzelmärsche mit Gepäck – alles Dinge, die normalerweise als Strafaktionen gedacht waren. Bei ihm schienen sie zur Standardausbildung zu gehören. Er hatte alles über sich ergehen lassen und fühlte sich müde und erschöpft wie noch nie in seinem Leben, aber er hatte noch genug Kraft, um die letzten Tage durchzustehen. Immerhin ließen die anderen Rekruten ihn seit seiner Begegnung mit Servanus weitgehend in Ruhe. Offenbar hatte Servanus dafür gesorgt, dass ihn keiner mehr belästigte. Mit einem lauten Krachen polterte Vulso herein.
„Marcellus!“, schnaubte er und sah ihn ausdruckslos an. „Lege deine komplette Ausrüstung an! Ich erwarte dich in einer halben Stunde vor der Porta Principalis Dextra. Und wenn ich sage ‚komplett’, dann meine ich das auch so, also auch Mantel, Strümpfe und Beinschienen!“ Und er rauschte wieder hinaus.
Lucius stand zur angegeben Zeit vor dem Tor, wo Vulso ihn bereits ungeduldig erwartete. Er beschied ihm stumm, zu folgen. Sie marschierten nach Westen. Damit wusste Lucius, wohin es ging, nämlich zu dem kleinen Hügel, der schon oft das Ziel von Ausbildungsmärschen gewesen war. Unterwegs fing es an zu regnen.
Als sie den Hügel erreichten, musste Lucius zunächst einmal seine ganze Ausrüstung wieder ablegen. Nur mit einer Leinentunica und den Sandalen bekleidet stand er im Regen. So erklommen sie die Hügelkuppe. Oben angekommen wies Vulso mit seiner Vitis auf einen Baum auf der anderen Seite des Hügels.
„Du läufst den Hügel hinunter, um den Baum und wieder zu deiner Ausrüstung. Dort legst du das Teil an, welches ich dir nenne, und läufst wieder über den Hügel. Bereit? Los!“
Lucius lief und schlitterte den Hügel hinab, auf den Baum zu und den Hügel hinauf.
„Tibialia! Strümpfe!“, sagte Vulso knapp.
Unten zog Lucius seine Sandalen aus und zog die Strümpfe über, dann zog er die Sandalen wieder an. Unterdessen beschimpfte ihn Vulso als lahme Schnecke und forderte ihn brüllend auf, sich gefälligst zu beeilen. Lucius kletterte wieder den Hügel hinauf. Oben hieb ihm Vulso mit der Vitis auf den Rücken. „Los, schneller!“
Lucius kletterte den Hügel wieder hinunter, umrundete den Baum und lief wieder hinauf.
„Tunica!“
Unten angekommen hob er die Wolltunica auf, die vom Regen schwer geworden war, und zog sie sich über. Das Wasser rann ihm kalt den Rücken herunter. Ihn schauderte es. „Du bist hier nicht zum Urlaub in Baiae“, brüllte Vulso vom Hügel herunter.
Er lief den Hügel hinauf und hinunter, um den Baum herum, wieder hinauf.
„Beinschienen!“
Wieder eilte er den Hügel hinab, legte die Beinschienen an. Wieder hinauf auf den Hügel, hinunter, Baum umrunden und erneuter Aufstieg.
„Kettenhemd!“
Während Lucius das Kettenhemd überzog, bedachte Vulso ihn wieder mit Flüchen. Er schlug ihm mit dem Rebstock auf die Waden, als Lucius nach dem Aufstieg an ihm vorbeikam.
„Los, du Bastard, schneller!“
Lucius keuchte den Hügel hinunter. Mittlerweile war er vollständig durchnässt. Er umrundete den Baum und begann den Rückweg. Mit beiden Händen versuchte er in dem matschigen Untergrund Halt zu bekommen.
„Cassis! Helm!“
Der Helm war über und über mit Schlamm bedeckt. Lucius wischte den Dreck so gut es ging weg und setzte ihn auf. Kaltes Wasser rann seinen Nacken herunter. Erneuter Aufstieg, diesmal kein Schlag von Vulso. Er brachte ihn zur Abwechslung mit seinem Stock zum Straucheln. Lucius stolperte, überschlug sich und rutschte ein Stück bergab. Er rappelte sich auf und kletterte weiter den Hügel hinunter. Im Stillen verfluchte er Vulso. Er biss die Zähne zusammen. Er würde durchhalten, und wenn es das Letzte wäre, was er täte!
Um den Baum herum, erneuter Aufstieg.
„Gladius und pugio! Schwert und Dolch!“
Er hängte sich das Schwert und den Dolch um. Wieder den Hügel aufwärts. Vulso stand oben auf der Kuppe und ignorierte den Regen. Er hatte noch nicht einmal seinen Mantel übergeworfen. Anscheinend genoss er die Situation. Unerbittlich sah er auf Lucius nieder. Wieder hieb er ihm auf die Waden. „Schneller!“
Das Schwert geriet Lucius zwischen die Beine und beinahe wäre er wieder gestürzt. Da war der Baum. Er stolperte auf ihn zu. Der Regen wurde stärker und beim erneuten Aufstieg sank Lucius knöcheltief ein.
„Sagum! Mantel!“
Der Mantel, vollgesogen mit Regenwasser, legte sich mit bleierner Schwere um seine Schultern. Erneuter Aufstieg, wieder den Hohn von Vulso ertragen.
„Brauchst du eine Amme, die dich über den Hügel trägt? Du bist so lahm, meine alte Mutter ist schneller als du!“
Ignoriere ihn, dachte Lucius, und konzentriere dich auf deine Aufgabe! Um den Baum herum, erneuter Aufstieg. Herkules, gib mir Kraft! Schild, Speer und Gepäck lagen noch unten. Die schwersten und unhandlichsten Stücke der Ausrüstung. Seine Beine waren schwer wie Blei.
„Scutum! Schild!“
Er stolperte mehr den Hügel hinunter, als dass er lief. Unten kam er rutschend zum Stehen und versuchte seinen Schild aufzuheben. Jupiter, war der schwer. Auch er hatte sich so mit Wasser vollgesogen, dass er doppelt so viel wog wie sonst. Nun hatte Lucius nur noch eine Hand frei, mit der er sich beim Klettern abstützen konnte.
„Was ist los, Kleiner? Ist dir der Schild zu schwer? Sind deine Sklaven nicht zur Stelle? Sollen wir dir einen Träger rufen? Oder willst du etwa aufgeben?“
Niemals. Nie wieder auf dem Hof arbeiten, nie wieder auf dem Hof arbeiten.
Herkules, war der Schild groß und schwer! Sein Knie schlug schmerzhaft gegen den Schildrand. Um den Baum und wieder den Hügel hinauf. Wieder prallte sein Bein mit Wucht gegen den Schild, den er kaum noch hochhalten konnte.
„Pilum! Speer!“
Jetzt also noch der lange Wurfspeer. Er hatte nun keine Hand mehr frei, um sich abzustützen. Er rutschte aus und fiel der Länge nach hin. Vulso stand plötzlich über ihm und stellte seinen Fuß auf seine Schulter. Langsam drückte er Lucius nach unten.
„Na, ruhst du dich aus?“ Er machte eine Pause. „Willst du nicht lieber aufgeben?“
Niemals. Lucius schüttelte den Kopf.
„Dann steh auf, du Versager, du Schandfleck, du Bastard. Gib lieber auf, bevor du unserem Stand weiter Schande machst!“
Die Wut auf seinen Peiniger gab Lucius Kraft. Wortlos stemmte er sich in die Höhe und taumelte weiter hoch. Abstieg, Baum, erneuter Aufstieg.
„Sarcina! Bündel!“
Jetzt musste er sich noch das schwere Bündel auf die Schulter legen. Gleichzeitig musste er Schild und Speer irgendwie halten und auch noch klettern. Er stapfte den Hügel hinauf. Diesmal blieb Vulso nicht auf dem Hügel stehen, sondern begleitete ihn wieder hinunter. Er trieb ihn an, stieß ihm den Rebstock in die Rippen und verhöhnte ihn.