Wieder um den Baum und den Hügel hinauf. Vulso stieß ihm den Stock zwischen die Beine. Lucius stolperte und verhinderte mit letzter Kraft einen Sturz. Über die Kuppe, abwärts. Er keuchte schwer, seine Lunge war dem Bersten nahe und seine Muskeln zitterten. Aber er erreichte den Ausgangspunkt.
„Los, wieder hoch! Du bist hier nicht zur Erholung in den Albanerbergen.“
Kehrt, nicht auf den schmerzenden Arm achten oder auf die schweren Beine, irgendwie ruhig atmen und weiter laufen. Nicht denken.
Wieder stieß sein Knie gegen den Schildrand. Der Schmerz ließ ihn stolpern und er fiel kopfüber in den Schlamm. Vulso kniete neben ihm. „Du möchtest doch bestimmt ein heißes Bad und ein gemütliches Bett? Warum tust du dir das an? Gib auf, und in einer halben Stunde wird dich eine hübsche Nubierin massieren!“
Lucius biss die Zähne zusammen, rappelte sich auf und torkelte weiter den Hügel hinab.
Nie wieder auf dem Hof arbeiten, nie wieder auf dem Hof arbeiten, hämmerte es in seinem Schädel. Um den Baum, den Hügel wieder hinauf. Ignoriere einfach diesen Schweinehund neben dir. Beachte ihn einfach nicht.
Weiter, einen Schritt, noch einen Schritt, da war die Hügelkuppe. Abstieg. Er glaubte, ersticken zu müssen. Aber er erstickte nicht. Er taumelte und stolperte den Hügel abwärts. Um den Baum, wieder zum Hügel, Aufstieg, Hügelkuppe, Abstieg. Er rutschte aus, hielt sich aber aufrecht. Er kam unten an, kehrt, Aufstieg. Die Beschimpfungen und Verhöhnungen von Vulso nahm er nicht mehr wahr. Abstieg, Kampf ums Gleichgewicht, da war der Baum, er rang nach Luft, ihm wurde schwarz vor Augen, aber er stolperte weiter.
Wieder Abstieg, da war der Ausgangspunkt, kehrt, wieder Aufstieg. Er rutschte aus und fiel erneut hin. Er rang verzweifelt nach Luft und röchelte.
Vulso kniete sich wieder neben ihn: „Gib auf, Marcellus, du kannst kein Centurio werden. Vielleicht wirst du ein brauchbarer Soldat, aber niemals ein Centurio. Also, gib auf!“
„Wie viel?“, stöhnte Lucius mit erstickter Stimme.
„Was heißt ‚Wie viel’?“, fragte Vulso erstaunt.
Lucius stemmte sich hoch.
„Wie viele Male soll ich diesen beschissenen Hügel noch rauf und runter laufen?“
„Fünf Mal noch. Aber Marcellus, du schaffst es sowieso nicht. Also gib lieber gleich auf!“
Lucius wandte sich dem Hügel zu. „Du kannst mich mal!“
Er lief weiter, Hügelkuppe, Abstieg, um den Baum. Denk immer nur an den nächsten Schritt, denk immer nur an den nächsten Schritt. Aufstieg, quälend langsam. Er quälte sich weiter, lüftete kurz den Schal und spuckte aus. Dabei erwartete er Blut zu sehen, weil seine Lunge wie Feuer brannte und er das Gefühl hatte, gleich seine Eingeweide auszuspucken. Der Auswurf sah aber normal aus, also weiter. Hügelkuppe und Abstieg.
Er stolperte, fiel hin und rollte ein Stück den Hügel hinab. Er stemmte sich hoch und griff nach Speer und Schild, die er hatte fallen lassen. Weiter. Nie wieder auf dem Hof arbeiten.
Hügelkuppe, Abstieg, kehrt, Aufstieg, Hügelkuppe, Abstieg, Baum. Sein rechter Arm? Der fiel gleich ab. Seine Beine? Welche Beine, er hatte keine Beine mehr, er schwebte über dem Boden dahin, den Hügel hinauf über die Kuppe, abwärts, kehrt, kehrt, kehrt. Was war das? Alles drehte sich um ihn. Die Landschaft raste an ihm vorbei. Jetzt erst merkte er, dass er auf dem Boden lag. Er hob den Kopf. Vulso grinste ihn höhnisch an und sagte etwas. Was, konnte Lucius nicht verstehen, da das Brausen in seinen Ohren alle Geräusche übertönte. Er konzentrierte sich auf die Lippen des anderen.
„Giiiibbbb aaauuufff, Maarrrccceelllus.“
Wie aus weiter Ferne drangen die Worte an sein Ohr. Langsam zog er sich in die Höhe. Hand über Hand zog er sich den Hügel hinauf.
„Gut, du willst es so haben. Dann steh auf. Steh auf! Steh auf, habe ich gesagt!“
Bei jedem „Steh auf!“ schlug ihm Vulso mit der Vitis auf die Beine. Lucius knirschte mit den Zähnen und kroch weiter. Er stand schließlich, schwankend. Wie ein Ertrinkender rang er nach Luft. Rauf auf die Hügelkuppe, abwärts. Du schaffst es, du schaffst es. Um den Baum. Der letzte Aufstieg. Über die Kuppe. Abstieg. Er taumelte den Hügel hinab und erreichte den Ausgangspunkt. Er ließ das Schwert und die Sarcina fallen und warf den Speer fort. Dann fiel er auf die Knie und übergab sich.
Vulso sah ihn hasserfüllt an. „Du taugst nicht zum Centurio, aber du bist fast krepiert. Warum gibst du nicht auf?“
Lucius spülte sich den Mund mit Posca aus und brüllte, außer sich vor Schmerz und Wut: „Weil ich nie wieder auf dem Hof arbeiten will, du verdammtes Arschloch!“
Nach diesem Ausbruch wandte er sich um und machte sich taumelnd auf den Rückweg. Centurio Vulso blieb sprachlos zurück.
Später vermochte Lucius nicht mehr zu sagen, wie er zu seinem Zimmer gelangt war. Er hatte keine Erinnerung an den Rückweg und keine daran, wie er das Lager betreten hatte. Das Erste, woran er sich wieder erinnerte, war, dass er der Länge nach in seinem Zimmer auf dem Boden lag, um sich herum eine Lache aus Wasser und Schlamm. Wie lange er so da lag, wusste er nicht, aber plötzlich wurde ihm bewusst, dass es an die Tür hämmerte. Er rief, nein, röchelte die Aufforderung einzutreten. Da er aber die Worte selbst kaum hörte, konnte der Klopfer sie erst recht nicht hören. Mühsam stemmte sich Lucius hoch und torkelte zur Tür.
Es war Valens, der ihn mit dem gleichen Widerwillen betrachtete, mit dem man ein giftiges Getier betrachtet. Er ließ seinen Blick voller Ekel über Lucius’ ramponiertes Äußeres gleiten und brüllte mit Stentorstimme: „Beim Jupiter, wie siehst du denn aus? In welchem Schweinekoben hast du dich gewälzt?“
Er stieß Lucius zur Seite und stürmte ins Zimmer.
„Ein Saustall ist das!“, brüllte er weiter, wobei er die Tür zudonnerte. Seine eisgrauen Augen flogen von rechts nach links und nahmen jede Kleinigkeit auf. Zuletzt blieb sein Blick an der Drecklache auf dem Boden haften.
„Vulso wird sich freuen, wenn er gleich zur Zimmerinspektion kommt“, sagte er mit wölfischem Grinsen. „Und erst der Waffenappell, das wird ein Fest werden.“
Lucius fühlte sich, als ob ihm ein Priester mit dem Hammer vor die Stirn geschlagen hätte. „Waffen- und Zimmerappell? Heute Abend noch?“
Valens verzog das Gesicht, als ob er Zahnschmerzen hätte. „Dachtest du, heute wäre Ausgang? Ein bisschen mit Mädchen bummeln und Wein trinken? Natürlich wird er heute noch eine Kontrolle machen.“ Unter höhnischem Gelächter verließ Valens das Zimmer.
Lucius wäre am liebsten aufs Bett gefallen und den Rest der Woche nicht mehr aufgestanden. Aber die Genugtuung wollte er Vulso nicht geben, auch wenn er am Ende seiner Kräfte war. Er machte sich an die Arbeit, obwohl jede Bewegung eine Qual war. Er rieb das Kettenhemd sauber, bis es blinkte, wusch die Tunicen aus und hängte sie über der Feuerstelle zum Trocknen auf. Der Gladius sah so frisch gereinigt aus, als käme er gerade aus der Waffenkammer. Auf dem Boden war keine Dreckspur mehr zu erkennen. Lucius lag auf einem der unteren Betten wie tot. Einfach weiteratmen, sagte er sich. Ich bin so unglaublich müde. Aber heute wollen die Rekruten das Ende der Grundausbildung feiern, und ich darf nicht fehlen. Ich muss es allen zeigen. Ich bin nicht schwach, ich bin kein Weichling. Er zog sich langsam hoch. Schließlich stand er schwankend. Mars, flehte er stumm, nach dir bin ich benannt, du bist der Schutzgott meiner Familie, steh mir bei und gib mir Kraft! Sehnsüchtig sah er auf die Klappe im Boden, unter der seine Vorräte und auch der Weinvorrat lagerten. Wie gerne hätte er ein paar Schlucke getrunken, aber das würde ihm auch den Rest seiner Kraft rauben. Langsam, leicht wankend und mit staksenden Schritten ging er zur Tür und trat in den Vorraum. Er hielt sich am Regal fest und schwankte dann zum Fenster.