Augustus lächelte. „Nein! Ich meine eine richtige Pause. Du weißt, so etwas mit Zerstreuung, vielleicht ein kleines Fest, ein Besuch im Theater.“
„Ach so, eine richtige Pause meinst du!“ Tiberius tat so, als ob ihm eine Erleuchtung gekommen wäre. „Lass mich mal überlegen! Wer ist gerade Konsul?“ Sie lachten, dann reckte sich Tiberius. „Ich kann mich kaum erinnern, wann ich das letzte Mal ausgeschlafen habe. Dieses Jahr jedenfalls nicht, das muss letztes Jahr gewesen sein!“ Er wurde wieder ernst. „Im Moment wird die Gallica von ihrem obersten Tribun Gaius Asinius Gallus kommandiert. Ich erwarte mit Ungeduld den neuen Legaten der Augusta und seinen Stellvertreter. Sobald Publius Quintilicius Varus und Publius Sulpicius Quirinius eingetroffen sind, kann ich mich um andere Dinge kümmern. Derzeit habe ich zwei Legionen, für die ich verantwortlich bin, und zu wenige Tribune, an die ich die Arbeit delegieren kann.“
„Wie kommst du mit der Umwandlung der foederati in reguläre Einheiten voran? Hast du schon bei allen Einheiten damit angefangen?“
„Nur bei einigen Reitereinheiten. Da dies die altbekannte Schwachstelle der Legion ist, haben wir diese zuerst in Angriff genommen. Die Fußtruppen sind nach wie vor angeworbene Verbündete. Wir hatten noch keine Zeit, uns damit zu befassen!“
„Gibt es Probleme?“
„Nur die üblichen: Häuptlinge, die in ihrer Stammesehre gekränkt sind, weil sie Befehle von Römern erhalten, Centurionen, die in ihrer Standesehre gekränkt sind, weil sie Auxiliareinheiten kommandieren, Soldaten, die sich an die Disziplin nicht gewöhnen können. Zu alledem findet man kaum einen Römer, der sich mit Reitereinheiten oder zumindest mit Pferden auskennt.“
Er nahm einen Schluck aus dem Becher, der vor ihm stand. Augustus lächelte nachsichtig.
„Das ist so, als ob man griechischen Seeleuten einen römischen Admiral vorsetzt!“
Augustus musterte ihn mit seinen durchdringenden Augen. Der Junge machte sich gut. Er war zwar durch und durch ein schwerblütiger Claudier und republikanisch angehaucht, aber ein harter, unermüdlicher Arbeiter und patriotisch bis ins Mark. Er würde jede ihm anvertraute Aufgabe bis zum bitteren Ende ausführen.
„Hast du schon Pläne für den Feldzug gemacht?“, fragte er ihn.
Tiberius rollte eine Karte aus und beschwerte ihre Ränder, damit sie liegen blieb.
„Nur einige grobe!“ Er zeigte mit dem Finger auf zwei Punkte. „Die Gallica wird von Basilia operieren und die Augusta wird Vindonissa als Basis nehmen. Zuerst werden wir die letzten helvetischen Stämme, die Caluconen und Suaneten, unterwerfen. Danach werden wir uns die Briganten vornehmen. Sobald Varus eintrifft, werde ich mich zur Gallica begeben und mich verstärkt um die Vorbereitung kümmern. Ich werde mit den Tigurinen, Verbigenen und Toygenen Kontakt aufnehmen. Sie haben schon Verträge mit Rom unterschrieben, aber ihre endgültige Unterwerfung würde den Weg nach Osten erleichtern. Außerdem werde ich mit den Latobrigen nördlich des Rhenus sprechen. Sie sollen uns nächstes Jahr mit Vorräten, Getreide, Speck und Erbsen, versorgen.“
Augustus nickte zustimmend.
„Dein Bruder Drusus wird mit der XXI Rapax und der XIII Gemenina in zwei Abteilungen über die Alpen ziehen, die sich bei Bratanium wieder vereinigen.“ Tiberius zeichnete die genannten Routen auf der Karte ein.
„Wo hast du die Winterquartiere eingeplant?“, fragte Augustus.
„Basilia für die Augusta! Dort kreuzen sich drei Versorgungsrouten und es gibt gutes Weideland für die Pferde. Das Wetter wird scheußlich sein, aber es kann ihnen nicht schaden. Da die Gallica das ganze Jahr hart gearbeitet hat, hole ich sie nach Lugdunum!“
„Es wäre vielleicht besser, auch die Gallica in Basilia überwintern zu lassen“, wandte Augustus ein. „Halte sie möglichst weit weg von Lugdunum. Ich hole die XVII und XVIII aus Aquitanien hierher. Die Stadt wird von Weinverkäufern und Huren nur so wimmeln. Wenn du deine Legionäre auch nur in die Nähe der Stadt ließest, wäre die ganze Ausbildung umsonst gewesen.“
„Willst du sie auch gegen die Vindelicer einsetzen?“ Tiberius fand den Aufwand übertrieben. Sechs Legionen mit Hilfstruppen gegen ein paar Bauern?
Doch Augustus schüttelte den Kopf: „Nein. Ich hole mir den Adler der fünften Legion zurück. Dazu werde ich mit diesen beiden und den beiden Legionen der Belgica sowie einigen foederati der Remer, der Treverer und der Ubier zum Rhenus ziehen und die Unterwerfung der Sugambrer verlangen.“
Tiberius pfiff durch die Zähne. Natürlich konnte Augustus den Adler nicht bei den Germanen lassen. Schon allein deshalb nicht, weil er mit großem Pomp die Adler von den Parthern zurückgeholt hatte und bei der Gelegenheit auch noch einmal daran erinnert hatte, dass einige dieser Adler von Marcus Antonius verloren worden waren.
Wenn aber Augustus nun persönlich die Armee anführte, bedeutete das zweierlei: Erstens war die Rückgabe auf diplomatischem Wege bereits eingefädelt, und zweitens gedachte sich Augustus gegenüber dem Senat in Szene zu setzen.
Seine nächsten Worte bestätigten diese Annahme: „Ich werde im Übrigen nicht alleine gehen, sondern mich von einer Reihe honoriger Männer begleiten lassen. Marcus Livius Drusus als Konsul und Marcus Lollius als Statthalter werden mich ebenso begleiten wie der designierte Konsul Marcus Licinius Crassus. Den Crassi stünde ein bisschen Ruhm wieder gut zu Gesicht. Du siehst, vor so viel dignitas und autocratias müssen die Germanen einfach weichen.“
Tiberius’ Gesicht hatte sich, während Augustus sprach, verdüstert: „Lollius. Jetzt haben wir gerade die Adler von den Parthern zurückerhalten, da verliert dieser Narr einen an die Germanen.“
„Militärisch ist diese Niederlage zu verschmerzen. Aber der Verlust des Adlers und der Centurionen, die zuvor gefangen und gekreuzigt wurden, haben die Moral der Alaudae angeschlagen.“ Augustus machte eine Pause. „Das ist weniger ein Feldzug als eine Demonstration für die Moral der Truppen. Merke dir eines: Die Moral deiner Männer ist das Wichtigste! Achte auf ihre Stimmungen und tu alles, um eine schlechte Stimmung zu vermeiden.“ Tiberius verzog sein Gesicht zu einem schiefen Lächeln.
IN • DER • XIX • AUGUSTA
Die Schikanen hatten aufgehört. Anscheinend hatte Vulso seinen ganzen Erfahrungs- und Einfallsreichtum zum Schikanieren der Rekruten ausgeschöpft und aufgegeben. Er ließ Lucius nun in Ruhe. Nur die Blicke, mit denen er ihn bedachte, waren immer noch voller Hass und Verachtung.
Während der letzten Tage der Grundausbildung lernte Lucius die Aufgaben der immunes und principales kennen.
Die immunes waren vom normalen Routinedienst befreite Soldaten, die eine spezielle Aufgabe bekamen. Sie waren keine Vorgesetzten und erhielten den gleichen Sold wie die anderen. Lucius arbeitete für Vulso als Schreiber und ging dem Waffenmeister zur Hand.
Dabei musste er sich die Vorträge der principales anhören. Die principales hatten Befehlsgewalt und bekamen höheren Sold. Zu ihnen gehörten der Signifer, der Feldzeichenträger, der außerdem die Kasse der Einheit verwaltete, und der Tesserarius, der die Parole ausgab und den Centurio bei Wach- und Innendiensten unterstützte.
„Eine letzte Nacht als Probatus!“, dachte Lucius, als er sorgfältig den Fensterladen schloss und die Tür verriegelte. Nach dem Überfall auf Mellonius und nachdem er nachts immer wieder „versehentlich“ geweckt worden war, hatte er die Tür mit Keilen gesichert. Antinius hatte sicherlich erneut versucht nachts einzudringen. Lucius hatte ihn dabei ertappt, wie er eines Morgens die Tür kritisch musterte, als versuchte er, Spuren eines Schlosses oder eines Riegels zu entdecken. Lucius grinste innerlich über den vergeblich suchenden Blick des Optios.