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Er verstaute das Essgeschirr im Regal und kletterte auf das Hochbett. Dort besah er sich ein letztes Mal die Graffiti an der Wand.

„Tja, Spurius, alter Freund“, brummte er zufrieden und pustete die Lampe aus, „ab morgen gehen wir getrennte Wege!“

Die XIX Augusta war zur Vereidigung auf dem Forum angetreten. Die Rekruten würden das signaculum, ihre Erkennungsmarke aus Blei, überreicht bekommen, sie würden den Eid nachsprechen und dadurch zu Legionären werden. Außerdem würden einige der Centurionen-Anwärter, die optiones ad spem, zu Centurionen ernannt werden.

Auf einem Podest saßen die höchsten Offiziere der Legion: der Legat, der Lagerpräfekt und der Primipilus. Vor dem Podest standen der Aquilifer mit dem Legionsadler, ein Signifer mit dem Signum des Augustus, ein Signifer mit einem Signum, das die Disciplina darstellte, und die dreißig Signifer der Manipel. Die Tribune, die adligen Offiziere, hatten links neben dem Podest Aufstellung genommen. Rechts standen die optiones ad spem in einer Reihe.

Lucius stand zunächst bei den einfachen Rekruten. Vulso hatte ihm den Ablauf und seine Rolle in der Zeremonie erklärt. Der Blick, den der Centurio ihm zuwarf, war mörderisch. Wenn Blicke töten könnten, dachte Lucius, würde ich die Vereidigung nicht überleben.

Die Priester opferten eine Taube und deuteten die Zeichen. Nachdem sie sicher waren, dass die Zeremonie den Beifall der Götter fand, nickten sie dem Legaten zu. Dieser gab das Zeichen, dass die Vereidigung beginnen konnte. Nacheinander marschierten die Centurien nach vorn und nahmen vor dem Podest Aufstellung. Lucius versuchte, sich keinen Augenblick dieser Zeremonie entgehen zu lassen. Die Rekruten, mit denen er in den letzten vier Monaten Tag für Tag zusammen geschliffen worden war, hatten angespannte und feierliche Gesichter. Für jeden Legionär war dies ein heiliger Moment. In Vorbereitung auf diesen großen Augenblick seiner Vereidigung hatte auch Lucius gestern noch dem Capitolischen Trias geopfert und um Stärke für diesen Tag gebetet.

Der Lagerpräfekt ging die Reihen entlang und reichte die Erkennungsmarken an die Centurionen weiter, die sie wiederum ihren Männern aushändigten. Dann trat aus jeder Centurie ein Legionär vor und leistete im Angesicht seiner Einheit das sacramentum, den Fahneneid. Er sprach die Eidesformel vor und die ganze Centurie antwortete: „Idem in me! Ich auch!“

Lucius spürte ein wildes Triumphgefühl, als er sich den Lederbeutel mit seiner Erkennungsmarke umhängte. Er hatte es geschafft, er hatte es allen gezeigt, seinem Vater, den Ausbildern, einfach allen. Er war trotzdem nervös, als er seinen Platz unter den Rekruten nun verließ und sich unter die Centurionen-Anwärter einreihte, die alle zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre älter waren als er und ihn ungnädig musterten. Sie hätten ihn jetzt überall lieber gesehen als mitten unter ihnen, wo sie gleich die Vitis, den Rebstock, als Zeichen ihres Ranges überreicht bekommen würden. Lucius versuchte sich nicht von ihren feindseligen Blicken einschüchtern zu lassen. Er starrte stur nach vorn auf den Adler. Er fühlte sich sehr allein, trotz der vielen Menschen um ihn herum, war aber nach wie vor fest entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Wie hatte es Ovid ausgedrückt: „Die Götter sind mit den Tapferen.“

Der Legat verließ das Podium und ging die Reihe entlang. Der Präfekt und der Primipilus folgten ihm. Als der Legat plötzlich vor ihm stand und ihm die Vitis hinhielt, sah Lucius ihn wie durch einen Nebel. Dann griff er zu. Seine Rechte umschloss den Griff des Stockes, er sah, dass der Legat irgendetwas sagte, aber er war viel zu aufgeregt, um Einzelheiten aufzunehmen. Dann war dieser Moment vorbei, der Legat ging weiter und das Einzige, was Lucius denken konnte, war: Ich bin Centurio. Die Eidesformel nahm er kaum wahr, erst der Ruf „Idem in me!“, in den er feierlich und benommen einstimmte, brachte ihn in die Wirklichkeit zurück.

Einige Tage waren seit der Vereidigung vergangen. Die neuen Legionäre waren auf die Centurien verteilt worden, einige waren mit neu ernannten Centurionen zur Gallica abmarschiert und das Lager war zur alten Routine zurückgekehrt.

Das ganze Lager? Nein, Lucius nicht! Er hatte den Befehl bekommen, sich bereitzuhalten und auf weitere Befehle zu warten. So hielt er sich die meiste Zeit in der Nähe seines Quartiers auf. Seine Versuche, mit den anderen Centurionen ins Gespräch zu kommen, waren kläglich gescheitert. Sie beantworteten seine Fragen nur, wenn sie mussten. Ansonsten fuhren sie in ihren Tätigkeiten fort, als ob er sie gar nicht angesprochen hätte. So nahm er seine Cena immer allein ein. Wenn er gedacht hatte, mit der Vereidigung wären alle Widerstände überwunden, so musste er feststellen, dass er sich getäuscht hatte.

Lucius gab sich keinen Illusionen mehr hin. Die altgedienten Offiziere würden ihn nie als einen der Ihren akzeptieren. Er war ohne Einheit, ohne Kommando, ohne Freunde – der einsamste Mensch unter den Tausenden im Lager. Während der Ausbildung war es sein Ziel gewesen, die vier Monate bis zur Vereidigung zu überstehen. Und jetzt? Das Triumphgefühl, das ihn auf der Vereidigung erfüllt hatte, war verflogen. Stattdessen fragte er sich wieder einmaclass="underline" Habe ich die richtige Entscheidung getroffen?

Dennoch zwang er sich jeden Abend dazu, sein Essen vor dem Quartier einzunehmen. Jeder, der vorbeikam, sollte sehen, dass sich Lucius Marcellus nicht unterkriegen ließ.

Ein Legionär näherte sich, blieb vor ihm stehen und grüßte. Lucius grüßte zurück.

„Centurio Marcellus?“

Lucius nickte wortlos. Wie sollte er mit dem Mund voller Erbsenbrei und Speck auch antworten? „Du sollst mich zum Primipilus begleiten.“

Lucius seufzte, stellte sein Essen beiseite und erhob sich. Obwohl sein Herz raste, tat er nach außen gleichgültig, als ob er jeden Tag zum Ersten Speer befohlen wurde.

„Woran hast du mich erkannt?“, fragte Lucius, als sie durch das Lager gingen.

Der Legionär sah ihn von der Seite an und lächelte schief: „Ich sollte einfach nach dem jüngsten Centurio Ausschau halten, den ich finden konnte.“

Sie erreichten das Forum und Lucius wollte sich automatisch nach links wenden, zur Baracke der ersten Centurie, aber der Legionär hielt ihn am Arm fest und zeigte auf das Haus des Feldherrn.

Zum Haus des Feldherrn? Lucius sah an sich herunter. Wenn er das gewusst hätte, hätte er noch schnell eine saubere Tunica und sein sagum, seinen Soldatenmantel, angelegt. Der Feldherr war schließlich kein Geringerer als Tiberius Claudius Nero, der Stiefsohn des Augustus und Schwiegersohn des Agrippa.

Der Legionär, der ihn begleitete, teilte den Wachen an der Tür mit, dass Centurio Marcellus zum Primipilus befohlen worden sei, der sich gerade beim Legaten aufhielt, zeigte dann schweigend auf die Tür und verschwand. Lucius klopfte zaghaft an und trat ein. Direkt neben der Tür stand eine weitere Wache und sah ihn finster an.

„Centurio Marcellus soll sich beim Primipilus melden!“, hauchte Lucius leise.

Die Wache nickte und wies ihn stumm an zu warten. Lucius’ Vater hatte Tiberius in den Osten begleitet und sein Bruder Marcus kannte Vipsania, dessen Frau, schon seit sie ein kleines Kind war. Bei einem gesellschaftlichen Treffen hätte Tiberius ihn als Sohn eines Klienten von Marcus Agrippa begrüßt und seine Anwesenheit zur Kenntnis genommen. Auch wenn Lucius als Plebejer und Sohn eines frisch ernannten Ritters gesellschaftlich nicht auf einer Stufe mit einem patrizischen Claudier stand, hätten die Sitten und Gepflogenheiten der Ahnen es verlangt, dass Tiberius mit ihm ein paar Worte gewechselt hätte.

Als Feldherr jedoch warf er dem gerade eingetretenen Centurio einen nichtssagenden Blick zu. Dann vertiefte er sich wieder in das Gespräch mit dem Mann neben ihm. Lucius blieb neben der Tür stehen und nutzte die Gelegenheit, dass keiner Notiz von ihm nahm, um sich umzusehen.