Der Raum war spartanisch eingerichtet: ein Schreibtisch, ein Regal mit Schriftrollen. Ein Feldbett war hinter die Tür geschoben und es gab einige schlichte Stühle. Kein Pomp und Prunk, keine kostbaren Möbel oder Clinen. An der Wand hing eine Landkarte. Der große blaue Klecks in der Mitte muss der Lacus Venetus sein, dachte Lucius bei sich. Rund um den See waren mit Kreuzen einige Punkte markiert und zahlreiche Pfeile zeigten Richtungen an.
In der Mitte stand ein großer Tisch, der mit Schriftrollen, Tafeln und Karten überladen war.
Alle hohen Offiziere der Legion waren anwesend. Marcus Canidius, der Primipilus, und Quintus Galarius, der Lagerpräfekt, stachen hervor, weil sie als Einzige in Uniform waren und sich durch ihr fortgeschrittenes Alter abhoben. Die Militärtribune dagegen wirkten sehr jung, frisch rasiert und waren in farbige, modisch geschnittene Tunicen gekleidet. Lucius hätte sie so eher auf dem Forum erwartet als hier im Legionslager.
Der Mann, mit dem Tiberius sprach, hatte einen Purpurstreifen an seiner Tunica, was ihn als Senator auswies. Dies konnte nur Varus, der erwartete Legat der Augusta, sein. Lucius musterte den Mann, der seine Legion befehligen würde, genauer. Varus war klein und leicht untersetzt. Er sah aus, als sei er durchaus an den Genüssen des Lebens interessiert, ein echter Epikureer eben. Mal sehen, wie er sich auf dem Feldzug macht, dachte Lucius geringschätzig.
Jetzt drehte Canidius den Kopf, sah Lucius kurz an und folgte dann wieder den Ausführungen. Nichts deutete darauf hin, dass er Lucius hierher bestellt hatte. Genauso gut hätte er gerade auch den Wandanstrich begutachten können. Lucius hämmerte das Herz bis zum Halse – was wollte Canidius in dieser Umgebung von ihm?
Wie lange er neben der Tür gestanden hatte, vermochte Lucius später nicht mehr zu sagen. Es kam ihm vor wie eine ganze Wache. Endlich löste sich Canidius von der Gruppe, nahm eine Schriftrolle vom Tisch und kam auf Lucius zu.
„Centurio Marcellus!“ Er blickte erstaunt auf die Schriftrolle. „Du bist jetzt Centurio.“
Eine Tatsache, die Canidius offensichtlich nicht glauben konnte, denn seine Augen blieben weiter an der Schriftrolle hängen. „Damit können wir dir das Kommando über eine Centurie übertragen. Wir haben dieses und letztes Jahr neue Kohorten aufgestellt. Du wirst das Kommando über eine dieser neuen Centurien übernehmen, und zwar über die zweite Centurie des Hastatenmanipels der 8. Kohorte.“
Jede Kohorte bestand aus sechs Centurien, verteilt auf drei Manipel, die Hastaten, die Principes und die Triarier. Die Bezeichnungen gingen auf die alte Schlachtformation der Manipeltaktik zurück. Das Manipel war längst durch die Kohorte als taktische Einheit abgelöst, aber die Manipelbezeichnungen hatten sich gehalten. Immer noch standen die beiden Centurionen des Triariermanipels, der Pilus prior und der Pilus posterior, über den anderen. Ihnen unterstanden der Princeps prior und der Princeps posterior. Als Letztes folgten der Hastatus prior und der Hastatus posterior. Lucius würde künftig also als Hastatus posterior in der untersten Rangfolge der Centurionen dienen. Jeder fängt mal klein an, auch Rom wurde nicht an einem Tag erbaut, dachte Lucius amüsiert.
„Was ist so komisch an dem, was ich sage?“, fuhr ihn Canidius eine Spur zu laut an.
Lucius nahm Haltung an und starrte geradeaus an die Wand: „Nichts, Herr!“
Das Stimmengemurmel am Tisch war verstummt. Lucius fühlte einen Stich in der Magengrube und spürte, wie ihm der Schweiß den Rücken herunterrann, als ihm klar wurde: Das Schweigen konnte nur bedeuten, dass ihn jetzt alle anstarrten. Er wagte kaum zu atmen, geschweige denn, zum Tisch zu blicken.
„Dann hör auf, so dumm zu grinsen!“ Canidius demonstrierte nun meisterhaft, wie man als Befehlshaber einen Soldaten flüsternd anschreien konnte. Lucius starrte den Primipilus fasziniert an. Das will ich eines Tages auch mal können, dachte er bewundernd.
Canidius stockte und sah sichtlich irritiert aus, offensichtlich konnte er Lucius’ Blick nicht deuten. Er schluckte und fuhr dann ruhig fort: „Geh sofort zu deiner Einheit! Der Optio, Aulus Drusillus, weiß, dass du kommst. Bereite den Abmarsch vor, morgen bricht die Legion auf!“
Lucius atmete tief ein, grüßte, fuhr zackig herum und marschierte hinaus. Erst als er zwei Speerlängen entfernt war, wagte er wieder zu atmen.
In der Nacht lag er wach und konnte kein Auge zutun. Die Rufe der Wachen, das Schnarchen der Männer, die Lagergeräusche, an die er sich schon gewöhnt hatte, kamen ihm auf einmal fremd vor. Er versuchte sich einzureden, dass das die Aufregung war oder dass er nervös war, aber er wusste in seinem Innersten, dass er schlicht und einfach Angst hatte. Angst zu versagen, Angst vor der Aufgabe, die ihm so riesig erschien wie die Alpen, die man in der Ferne sah. Viel zu früh bliesen die Hörner zum Wecken. Entsprechend schlecht war seine Laune. Als sich die Tür öffnete und durch den Türspalt ein ängstliches Gesicht sichtbar wurde, nutzte er die Gelegenheit, um Druck abzulassen. Das magere dreizehnjährige Bürschchen, das ins Zimmer lugte, hieß Ajax und war ihm als Mulio und Dienstbote zugeteilt worden. Lucius hatte ihn nach seiner Rückkehr vor seinem Quartier vorgefunden. Galarius hatte ihn offenbar dort hinbefohlen. Auf dem bevorstehenden Marsch würde er sich um Lucius’ Gepäck kümmern und hier im Lager …
„Wo ist mein Frühstück?“, brüllte Lucius ihn an. „Wenn es nicht sofort serviert wird, hol ich meinen Stock, dann kannst du aber was erleben!“
Ajax zuckte erschrocken zurück und stieß gleich darauf die Tür auf und brachte ihm etwas zu essen. Lucius würgte ein paar Bissen herunter und sah dabei noch einmal in die Personalrolle seiner Centurie. Sein Stab bestand aus dem Signifer Mallius, dem Optio Drusillus, dem Tesserarius Celsonius, dem Cornicen Secundus und dem Waffenmeister Maximus. Dazu noch ein Schreiber namens Pullio. Hm, ein Huhn als Schreiber. Er grinste. Hoffentlich gackerte der nicht zu viel!
Die Legionäre kamen aus Italia, Gallia Cisalpina und Transalpina. Der Tross bestand aus fünfzehn Maultieren und ihren Treibern. Lucius warf das angebissene Brot auf den Tisch und sprang dann auf.
„Ich muss nach den Männern sehen, bereite alles zum Abmarsch vor! Wehe, du bist nicht mit Packen und Aufräumen fertig, wenn ich zurückkomme!“, schnauzte er Ajax noch einmal an.
Er griff nach seinem Helm und nach dem Stock. So, nach diesem Ausbruch fühlte er sich besser.
Es war schön, nicht mehr das letzte Glied in der Kette zu sein und zur Abwechslung einmal selbst jemanden anschreien zu können. Er trat hinaus auf die Lagerstraße und eilte zu seiner neuen Einheit.
Er hatte sich gestern Abend bereits mit dem Optio Drusillus bekannt gemacht. Lucius hatte ihm mitgeteilt, dass sie an diesem Morgen aufbrechen würden und dass die Einheit eine Stunde nach dem Wecken abmarschbereit sein müsse. Für diese eine Nacht in das Centurionen-Quartier seiner neuen Einheit umzuziehen, war ihm zu aufwendig gewesen und er ging davon aus, dass Drusillus unmittelbar nach dem Wecken die nötigen Befehle erteilt hatte.
Er eilte durch das Lager und sah überall deutliche Zeichen des Aufbruchs. Einige Legionäre standen vor ihren Unterkünften und aßen noch schnell eine Kleinigkeit, andere brachten ihre Waffen und ihr Gepäck nach draußen, wo sie auf die Maultiere warteten, denen gerade das Tragegeschirr von den Mulios angelegt wurde. Hier und dort bedachten ihn die Männer mit einem merkwürdigen Blick. Er sah einen Legionär, der seinen Nebenmann mit dem Ellbogen anstieß und mit dem Kopf zu Lucius hinüberdeutete. Sie starrten ihm eine Weile hinterher, erst eine gebrüllte Zurechtweisung ihres Optios brachte sie wieder zurück an ihre Arbeit.