Lucius bog in die Gasse seiner Centurie ein und erstarrte. Auf der linken Seite, wo die erste Hastatencenturie ihre Unterkünfte hatte, herrschte geschäftiges Treiben. Auf der rechten Seite, bei seiner Centurie, herrschte hingegen gelassene Ruhe. Seine Männer saßen unter den Vordächern ihrer Baracken und sahen den Männern auf der Gegenseite beim Arbeiten zu – einige gelangweilt, andere unruhig oder besorgt, aber keiner schien bereit, gleich aufzubrechen. Lucius verschlug es für einen Moment den Atem. Er sah hektisch von links nach rechts. Die Männer sahen ihn an und einige erhoben sich zögernd.
„Los, aufstehen!“, rief Lucius mit schriller Stimme. „Macht euch zum Abmarsch bereit, wir brechen in Kürze auf!“
Seine Stimme überschlug sich und die Männer sahen sich belustigt an. Wenigstens erwachte die Einheit zum Leben: Die Männer erhoben sich und eilten in ihre Räume, um ihre Sachen zu packen. Lucius sah Drusillus am Ende der Baracke stehen und stürmte auf ihn zu. Wut kochte in ihm hoch. Er würde den Optio in der Luft zerreißen. Drusillus und ein anderer Mann, offensichtlich der Signifer, standen mit dem Rücken zu ihm und unterhielten sich mit einem dritten Mann, den Lucius nicht erkennen konnte.
„Drusillus!“, rief Lucius und der Optio drehte sich zu ihm um. Dadurch gab er den Blick auf den anderen Mann frei und Lucius stand das Herz still. Titus Valens starrte ihm wütend entgegen. „Schön, dass du uns auch schon mit deinem Besuch beehrst, CENTURIO Marcellus!“, höhnte er. „Hattest du nicht gestern vom Primipilus persönlich die Mitteilung bekommen, dass heute Abmarsch ist? Wann gedachtest du deine Einheit marschbereit zu machen?“
„Aber, aber …!“, stammelte Lucius „Ich hab doch gestern Abend noch diese Mitteilung an Drusillus weitergeleitet. Und …!“
„Und was?“, fuhr ihm Valens über den Mund und an Drusillus gewandt. „Was hat er dir für Befehle erteilt, Optio?“
„Gar keine! Er hat mir nur gesagt, dass wir heute aufbrechen, und ist dann über Nacht verschwunden!“
„Befehle erteilen? Es war doch klar, was zu tun ist, ich meine, du bist ein erfahrener Optio!“, stammelte Lucius panisch.
„Du bist der Centurio dieser Einheit!“, unterbrach ihn Drusillus bestimmt. „Und …!“
Valens hob die Hand und Drusillus verstummte. „Macht die Einheit so schnell wie möglich marschbereit!“ Er drehte sich zum Signifer um, der dem ganzen Wortwechsel angewidert gefolgt war. „Und geht ihm zur Hand, die Legion kann nicht auf euch warten!“
Der Signifer salutierte, drehte sich auf dem Absatz um und ging auf die Quartiere zu.
„Los, Beeilung!“, rief er durch die geöffneten Türen in die Räume hinein. „Das letzte Contubernium macht einen Monat Strafdienst!“
„Worauf wartet ihr?“, fragte Valens, drehte sich um und ging davon.
Lucius warf Drusillus einen wütenden Blick zu und eilte dann dem Signifer hinterher. Er schrie, fluchte und schimpfte, um die Männer anzutreiben. Überrascht musste er feststellen, dass gerade die älteren Legionäre ihre Habseligkeiten bereits gepackt hatten und auf den Abmarsch vorbereitet waren. Nur die jüngeren mussten angetrieben werden, damit alle rechtzeitig fertig waren. In dieser Hektik fiel Lucius sein eigenes Gepäck ein und er schickte den Schreiber los, um Ajax zu holen. Schließlich war alles bereit und die Männer hatten Aufstellung genommen, gerade rechtzeitig, bevor das Signal zum Aufbruch ertönte. Sie verließen hinter der 7. Kohorte das Lager durch die Porta Decumana. Während die 7. Kohorte links herum schwenkte und der 9. Kohorte folgte, schwenkte die 8. Kohorte nach rechts und folgte der 10. Kohorte. Vor der Porta Praetoria vereinigten sich die zwei Kolonnen wieder und marschierten gemeinsam Richtung Osten.
Der Marsch mit der ganzen Legion war etwas ganz anderes als die Ausbildungsmärsche im Kohortenverband. Fünftausend Legionäre plus Tross im unübersichtlichen Gelände zu führen kam für Lucius einer Sisyphosarbeit gleich. Als die Straße über einen Hügel führte, konnte Lucius die scheinbar endlose Kolonne der Legion sehen, die sich von Horizont bis Horizont zog. Jeden Abend wurde ein Marschlager errichtet und wenn am Morgen die letzte Kohorte das Lager verließ, war die erste Kohorte schon lange unterwegs und näherte sich bereits dem nächsten Lagerplatz. Die Legionäre waren guter Dinge und bester Laune, da dieser Marsch im Vergleich zu einem Feldzug der reinste Ausflug war. Dies änderte sich jedoch nach dem vierten Tag. Im Nachtlager lief der Befehl um, dass fortan in Waffen zu marschieren sei. Hektische Betriebsamkeit brach aus. Die Anspannung und Nervosität stiegen spürbar an. Vitellius, der Pilus prior der 8. Kohorte, teilte mit, dass es zwar keine Anzeichen für Feindaktivitäten gab, aber sie näherten sich dem Gebiet der cottischen Alpen und den pagi der Helveter.
Das Gelände stieg an und die Berge wuchsen vor ihnen in die Höhe. Am nächsten Tag schwenkte die Legion nach Norden ab und folgte dem Lauf des Rhodanus, der sie nach einigen Tagen nach Geneva führte.
Dieses Oppidum kannte Lucius dem Namen nach aus Caesars Kommentaren. Hier hatte vor vierzig Jahren der gallische Krieg seinen Anfang genommen.
Heute waren keine Feindseligkeiten zu erwarten, im Gegenteil, König Cottius selbst wurde erwartet. Er kontrollierte die wichtigen Alpenpässe zwischen Gallien und Italien. Nach der Vernichtung der Salasser hatte er sich an Augustus gewandt und ihm ein Bündnis angetragen. Augustus hatte ihn vom Senat zum Freund und Verbündeten des römischen Volkes ernennen lassen. Cottius und seine Häuptlinge wurden vor der großen Versammlungshalle des ansässigen Häuptlings von Tiberius und Varus empfangen.
Bereits abends wussten die altgedienten Legionäre, was da besprochen worden war.
„Es geht um Druiden“, sagten sie am Feuer mit Grabesstimme und warfen ihren Kameraden bedeutungsvolle Blicke zu. Den jungen Rekruten lief ein Schauder über den Rücken. Druiden, das bedeutete Menschenopfer und wer weiß was noch alles.
„Cottius wird Tiberius Druiden zur Verfügung stellen, um die Geister der Berge zu bannen.“
Die Zuhörer spreizten die Finger oder küssten hastig ihre Amulette, um das Unheil abzuwehren. Promptus, ein Veteran aus dem dritten Contubernium, hatte aber noch eine andere Erklärung.
„Dort in den Alpen wächst eine selten Pflanze, die auf keinem Feldzug fehlen darf!“ Seine Stimme sank zum Flüstern herab.
Lucius, der ausgestreckt in seinem Zelt lag, konnte sich vorstellen, wie sie da am Feuer saßen, ihr Abendessen bereiteten und die Köpfe reckten, um besser verstehen zu können.
„Promptus, sei lieber still!“, unterbrach ihn Ripanus, ein Veteran aus dem ersten Contubernium. „Du weißt, die jungen Männer sollen von Inprocerus nichts wissen!“
Es herrschte einen Moment lang Schweigen. Lucius wartete gespannt, wie die Geschichte weiterging. Er hatte so eine Ahnung, um was es gehen würde. Hatten Vater und dann später Saxum nicht davon erzählt?
„Wovon redet ihr?“ „Was ist Inprocerus?“, wurden die beiden Veteranen mit Fragen bestürmt. „Nun!“, sagte Promptus gedehnt und Lucius stellte sich vor, wie er Ripanus einen Blick zuwarf. „Inprocerus ist ein Pulver, welches aus einer Pflanze gewonnen und in unsere Getreiderationen gemischt wird.“
„Wozu?“
„Damit euer Schwanz schlapp wird!“, sagte Ripanus grob.
Für einen Augenblick herrschte, wahrscheinlich entsetztes, Schweigen, dann brach ein Stimmengewirr los, das von Promptus’ Stimme übertönt wurde: „Auf einem Feldzug sind natürlich keine Frauen im Lager und da haben die hohen Herren Angst, dass wir es bei langer Enthaltsamkeit wie die Griechen treiben, na ja, oder Schlimmeres mit uns passiert!“ „Schlimmeres?“ Eine junge Stimme überschlug sich beinahe vor Panik.
„Promptus, jetzt reicht es!“, unterbrach Ripanus den Vortrag.
„Du weißt genau, dass dies Geheimnisse sind, die nicht weitererzählt werden dürfen.“