„Schade, dass wir gerade keine unbezahlten Weinlieferungen haben!“, feixte Hilarius. „Die hätte der Trottel auch blind unterschrieben!“
Sie übergaben ihn wieder seinen Sklaven, die ihn ins Lager zurückbrachten. Die Legionäre selbst machten sich an die Arbeit und entluden das Schiff. Die Arbeit war jetzt so eingespielt, dass sie trotz des Zeitverlustes das Schiff bis zur Dunkelheit ent- und die Wagen beladen hatten. So blieben am nächsten Morgen nur noch zwei Centurien zurück und warteten auf das letzte Schiff.
Hilarius konnte es kaum erwarten, Julia Equestris endlich zu verlassen. Deshalb wartete er auch nicht, bis die Claudia ganz entladen war, sondern machte sich sofort auf den Weg, als seine vierunddreißig Gespanne bereit waren.
„Hundesohn!“, schimpfte Lucius innerlich. Aber es war nicht zu ändern. Sie entluden den Rest des Schiffes allein und brachten das, was nicht mehr auf die Karren passte, in die Magazine.
Am Abend besprach er sich mit Mallius und Drusillus. Lucius fühlte sich, als wäre eine Horde Barbaren über ihn hinweggestürmt. Sein erster selbstständiger Auftrag begann. Fast selbstständig, den nominellen Oberbefehl würde Scapula haben.
„Hier ist alles so weit erledigt!“, sagte er zu den beiden. „Wir brechen morgen auf!“
Drusillus brummte etwas von der Betreuung zweier Kinder. Mallius wandte sich direkt der praktischen Seite zu: „Wir müssen die eisernen Rationen überprüfen und bei Bedarf auffüllen! Wenn du mir deinen Schreiber zur Verfügung stellst, werde ich direkt Inventur machen, Centurio.“ „PULLIO!“, brüllte Lucius so laut, als ob der Gerufene am anderen Ende des Lagers wäre und nicht ein paar Schritte entfernt. Wenn Lucius in den ersten zwei Monaten etwas gelernt hatte, dann, dass man seine Autorität am besten bekräftigte, indem man Untergebene nach Möglichkeit anbrüllte. Nachdem Mallius und Pullio sich auf den Weg gemacht hatten, wandte sich Lucius an Drusillus.
„Nun, Optio, weitere Vorschläge?“ Drusillus zuckte nur mit den Schultern.
Filius meretix, dachte sich Lucius. Der reißt sich auch kein Bein aus! Laut sagte er: „Dann sieh hier nach dem Rechten, ich suche den Tribun auf und frage nach seinen Befehlen!“
Die Befehle des Tribuns vor dem Aufbruch am nächsten Morgen waren einfach: Sorge dafür, dass alles reibungslos klappt und die Wagen gut vorankommen. Die Marschordnung hatten sie zusammen mit Induomix, dem Decurio, festgelegt.
Die acht Häduer bildeten die Vorhut und erkundeten das vor ihnen liegende Gelände, dann kamen vierzig Legionäre, die von Lucius angeführt wurden, dann die Wagen und am Ende folgte Drusillus mit den restlichen vierzig Legionären. Lucius war angespannt, unruhig und nervös. Scapula war häufig mit Induomix und den Reitern unterwegs, so dass Lucius für die ganze Kolonne allein verantwortlich war.
Als es Zeit für das erste Nachtlager wurde, erlebte er eine unangenehme Überraschung. Er hatte gedacht, dass sie einfach das Lager der anderen benutzen könnten und sich so Arbeit sparen würden. Aber als sie den Platz erreichten, wusste er sofort: Hier konnten sie nicht lagern. Die Erde war umgewühlt, zertrampelt und voller Unrat. Es wimmelte von Ungeziefer und roch nach Scheiße. Sie marschierten noch eine halbe Stunde vom See weg, bevor sie eine andere geeignete Stelle zum Lagern fanden. Sorgfältig überwachte Lucius die Arbeiten. Zuerst wurde ein Graben ausgehoben, mannstief und eine Speerlänge breit. Die ausgehobene Erde bildete den Wall, in den dann die pila muralia, die Schanzpfähle, gerammt wurden. Die pila muralia wurden untereinander mit Stricken verbunden. Die Palisade war durch die Lücken zwischen den Pfählen kein besonders guter Schutz gegen Pfeil- oder Speerbeschuss, aber dafür hatten die Soldaten ihre großen Schilde. Für einen anstürmenden Feind bedeutete der Wall zusammen mit dem Graben ein fast unüberwindliches Hindernis: Beim Versuch, den Graben zu überspringen, rutschte der Angreifer vom Wall in den Graben ab. Von dort unten musste er versuchen, die über ihm aufragende Palisade zu überwinden. Selbst wenn der Graben mit Steinen, Reisig oder Erde aufgefüllt wurde, konnte man die Palisade nicht einfach einreißen oder eindrücken, da die Pfähle fast zur Hälfte im Wall verankert waren und durch die Stricke zusammengehalten wurden. Dazu wurden die Angreifer durch die Verteidiger des Walls mit Speeren oder Pfeilhagel empfangen. Die Anlage der Marschlager hatte einiges zum Erfolg der römischen Legion beigetragen.
Nachdem das Lager derart gesichert war, hätte Lucius ruhig schlafen können, aber weit gefehlt. Trotz der Anstrengung des Tages bekam er kein Auge zu. Er stand immer wieder auf und durchstreifte das Lager. Er kontrollierte die Wachtposten und horchte in die Dunkelheit, ob sich da etwas rührte.
Der nächste Tag hielt noch weitere unangenehme Überraschungen bereit. Nach dem Zustand der Straße zu urteilen, mussten die Ochsen vor ihnen samt und sonders an Durchfall gelitten haben. Man konnte kaum einen Schritt tun, ohne in die Hinterlassenschaften der Ochsen zu treten. Dazu wurden sie den ganzen Tag von Fliegen umschwärmt. Am Abend gestaltete sich die Suche nach einem geeigneten Lagerplatz wiederum als schwierig. Deshalb beschloss Lucius, am nächsten Morgen drei Stunden später aufzubrechen und nur einen kürzeren Tagesmarsch zu absolvieren, so dass sie abends nicht mehr lange nach einem geeigneten Lagerplatz suchen mussten. Gegen die verdreckte Straße ließ sich bis zum nächsten Regen nichts tun, doch der würde, jetzt, da der September zu Ende ging, nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Entlang des Lacus Lemanus war die Straße recht belebt. Bauern, Jäger und Händler kamen ihnen entgegen, und so entstanden es immer wieder Verzögerungen, bis die Händler ihre Karren von der Straße gelenkt hatten. Dabei sparten sie nicht mit Verwünschungen in Richtung der römischen Legionäre. Einer der keltischen Händler war besonders hartnäckig. Er weigerte sich schlichtweg, die Straße zu verlassen. Lucius versuchte es erst mit gutem Zureden, aber der Händler fluchte und schimpfte in bestem Latein und fuchtelte mit seinem Stock in der Luft herum. Wie er da auf seinem Wagen stand, die Sonne genau hinter sich, leuchteten seine roten Haare, als ob sein Kopf in Flammen stünde.
Wie Helios persönlich, dachte sich Lucius zuerst amüsiert, aber dann riss ihm der Geduldsfaden. Jetzt war nicht die Zeit für poetische Anwandlungen. Er drehte sich zu Promptus um, der mit seinem Contubernium an der Spitze marschierte.
„Los, vier holen diesen Idioten vom Wagen runter und die anderen schaffen den Wagen von der Straße!“, befahl er.
Die Legionäre des Contuberniums stellten ihre Waffen zusammen und kreisten den Wagen ein. Der Händler hieb mit seinem Stock nach ihnen.
„Los, packt ihn!“, rief Promptus. „Und passt auf, dass er keine versteckten Messer hat!“
Sie zerrten ihn grob vom Wagen und schleppten ihn zur Seite. Dann führten sie sein Maultiergespann von der Straße.
„Achtet drauf, dass es nicht umfällt!“, ermahnte Lucius die Legionäre, die mit einem ungehaltenen Knurren antworteten. Am liebsten hätten sie den ganzen Wagen in den Graben geworfen und den Kelten hinterher. Dieser hatte nun die Sprache gewechselt und beschimpfte und verfluchte sie in einem keltischen Dialekt. In Vocontii, wie Lucius erstaunt feststellte. Er beachtete den Kelten nicht weiter, sondern wartete, bis die Straße frei war. Dann winkte er die Legionäre zurück. Sie ließen den Kelten einfach fallen, kamen zurück zur Kolonne und nahmen ihre Waffen wieder auf. Lucius zuckte erschrocken zusammen, als ihn etwas an der Schulter traf. Er sah an sich herunter und musste feststellen, dass der Voconter ihn mit Schlamm beworfen hatte. Scapula, der den ganzen Vorgang von seinem Pferd aus beobachtet hatte, kicherte leise. Lucius fuhr zu dem Voconter herum, seine Hand fuhr ans Schwert. Der Kelte grinste höhnisch und winkte Lucius mit seinem Stock zu. Angesichts von vierzig Legionären war er entweder sehr mutig oder sehr verrückt, wahrscheinlich beides. Lucius hatte keine Lust, ihm durch den Matsch nachzulaufen. Promptus schien seine Gedanken zu erraten.