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„Auf die Entfernung ein Kinderspiel!“, sagte er und hielt Lucius sein Pilum hin.

Lucius nahm den schweren Wurfspeer und wog ihn in der Hand, ohne den Händler aus den Augen zu lassen. Der war plötzlich verstummt und sicher war er auch bleich geworden, aber das sah man durch den Dreck nicht. Ihm war wohl gerade aufgegangen, dass es unklug gewesen war, den Befehlshaber von über vierzig schwer bewaffneten und schlecht gelaunten Männern zu reizen.

„Das wird nicht nötig sein!“, bemerkte Lucius leichthin und reichte den Speer zurück. Dann brüllte er den Voconter an: „Halt endlich dein dummes Maul und verpiss dich, sonst stecken wir dich in die Kuhscheiße, du mutterloser Abschaum!“

Dem Händler fiel die Kinnlade herunter und die Augen quollen ihm aus den Höhlen, als ihn der Centurio in seiner Muttersprache beschimpfte. Lucius stieß noch einen deftigen keltischen Fluch aus, dann drehte er sich zu seinen Männern um und befahl den Weitermarsch.

Mit dem Kommando „Auf links!“ setzte sich die Kolonne wieder wie ein Mann in Bewegung.

Bei Lousonna, einem kleinen Oppidum der Sequaner, schlugen sie erneut ihr Nachtlager auf. Lucius und Mallius besprachen gerade die Wacheinteilung, als sich Scapula vor Lucius aufbaute und unbedingt mit ihm reden wollte. So banale Dinge wie eine Wacheinteilung interessierten ihn offenbar wenig, er wollte unbedingt sein Anliegen loswerden.

„Centurio, in diesem Schneckentempo dauert es ewig. Kaum, dass wir losmarschiert sind, müssen wir schon wieder halten, um ein Lager aufzubauen. Die Wagen sind so langsam, dass wir die Lager beinahe in Sichtweite voneinander aufbauen!“, schnaubte er entrüstet durch die Nase. „Bei allen Göttern, wir haben in drei Tagen nur zwanzig Meilen zurückgelegt! Das sind noch nicht einmal sieben Meilen pro Tag. Ich bin jetzt im dritten Jahr Tribun und wollte mich nächstes Jahr in Rom für ein öffentliches Amt bewerben. Wenn wir aber weiter so schleichen, werde ich nächstes Jahr nicht mal in Lugdunum sein, geschweige denn in Rom!“

Auch Lucius hatte den Meilenstein vor dem Ort gesehen. „Verzeih Tribun, aber Ochsenkarren bewegen sich nun einmal nicht so schnell wie eine Legion oder Kohorte!“, entgegnete Lucius.

„Das weiß ich selber!“, fauchte der Tribun, „Hältst du mich für einen ahnungslosen Trottel?“

Ja, dachte Lucius im Stillen. Bisher hast du auch durch nichts bewiesen, dass ich mich irre. Laut sagte er: „Nein, Herr!“, und nahm unwillkürlich Haltung an.

Mallius’ Lippen umspielte ein hämisches Lächeln, das er immer dann zeigte, wenn Lucius auf Grund seiner mangelnden Erfahrung eine unnötige Frage stellen musste oder einen Fehler beging. Offensichtlich passte ihm nicht, dass Lucius vor diesem schnöseligen Tribun Haltung annahm.

Ach, leck mich doch, dachte Lucius.

Unterdessen war Scapula mit seiner Ansprache fortgefahren: „Dein Eifer ist zu loben, aber unnötig. Hier gibt es weit und breit keinen Barbaren, der es wagen würde, uns anzugreifen. Also werden wir von heute an das Lager nicht befestigen, das gibt uns zwei oder drei Marschstunden mehr!“ „Verzeih, Herr“, wagte Lucius zu entgegnen, „aber ich habe den Befehl bekommen, jeden Abend ein befestigtes Lager zu errichten.“

„Und ich, Quintus Ostorius Scapula, gebe dir jetzt einen neuen Befehl!“, säuselte der Tribun. „Ich bin jetzt im dritten Jahr Tribun und du“, er machte eine Pause und sah Lucius abfällig an, „bist meines Wissens nach auf deinem ersten Feldzug! Also kein befestigtes Lager!“

„Verzeih, wenn ich erneut widerspreche!“ Lucius’ Stimme klang jetzt bestimmter. Scheißegal, ob erster Feldzug oder nicht, dieser eitle Geck brauchte nicht auf ihn herabzusehen. „Meine Befehle stammen von Galarius und Valens. Ich habe auf die disciplina geschworen, die Befehle meiner Vorgesetzten zu befolgen!“

„Jupiter!“, stieß Scapula hervor. „Soldaten! Und ich als dein Vorgesetzter gebe dir einen neuen Befehl und den wirst du befolgen!“

Er war offenbar einer dieser törichten Befehlshaber, von denen in den römischen Geschichten immer wieder die Rede war. Sie hatten durch ihren Stand und dank ihrer Vorfahren die Befehlsgewalt, aber im Grunde keine Ahnung.

„Es wäre aber doch ärgerlich, wenn nächstes Jahr auf dem Forum jemand herumerzählen würde, dass dir bei einem kleinen Versorgungsunternehmen drei Sack Getreide gestohlen wurden, weil du die grundlegenden Maßnahmen zur Sicherung eines Lagers nicht befolgt hast!“

Scapula musterte Lucius finster.

„Wie sagt der Princeps immer?“, fuhr dieser fort. „ ‚Eile mit Weile!’“

Scapula starrte ihn einen Augenblick entrüstet an, dann verzog sich sein Mund zu einem Grinsen und mit einer ausladenden Geste gab er sich geschlagen. „Eine gute Antwort, Centurio. Na gut, aber was können wir tun, um schneller voranzukommen?“

Lucius zuckte mit den Schultern: „Nichts, da egal, was wir machen, die Tagesleistung der Ochsen begrenzt ist. Sie können nicht schneller laufen!“

„Können wir dann nicht wenigstens die abendliche Suche nach einem geeigneten Lagerplatz auf diesem vollgeschissenen Weg abkürzen?“ Mallius hatte den Wortwechsel verfolgt. „Wir könnten zwei Contubernia der Vorhut zuteilen. Die können dann den Lagerplatz abstecken und mit Wall und Graben markieren. Das spart Zeit.“

„Gute Idee!“, begeisterte sich Scapula.

„Wer soll das Kommando übernehmen?“, fragte Lucius.

„Celsonius, der Tesserarius!“, entgegnete der Signifer.

„Gut!“, stimmte Lucius zu.

„Wäre das nicht eine Aufgabe für deinen Stellvertreter?“, fragte Scapula.

Mallius wirkte entnervt und Lucius wehrte eilig ab: „Der Signifer verlässt nie die Einheit. Wenn das Signum verloren ginge …!“ Er machte eine Pause.

Scapula wirkte verwirrt. „Ich meinte den Optio!“

Lucius war erleichtert. „Ach so. Der Optio ist aber erst der dritte Mann in der Centurie. Der Signifer ist ranghöher!“ Scapula blickte noch verwirrter. „Es sei denn“, fuhr Lucius fort, „er ist Optio ad spem, ein Optio vor seiner Beförderung zum Centurio, dann ist er ranghöher als der Signifer. Allerdings ist im Feld der Optio der zweite Mann, weil der Signifer durch seine Ausrüstung behindert ist, nur, wenn …!“

„Schon gut, schon gut!“ Scapula hob die Hände. „Ich habe verstanden! Schickt doch, wen ihr wollt!“ Er drehte sich um und legte mit wehendem Mantel einen bühnenreifen Abgang hin. „Zeitsoldaten!“, sagte Lucius mit einem Grinsen zu Mallius gewandt. Der erwiderte das Grinsen nicht, sondern drehte sich wortlos um und ging ebenfalls weg. Obwohl Scapula sich mit den Angaben zur Tagesleistung der Ochsen zufriedengegeben hatte, machte Lucius sich Sorgen. Das Marschtempo war selbst für Ochsen zu langsam. Sie mussten keine nennenswerten Hindernisse bewältigen und schafften trotzdem nur sechs Meilen pro Tag. Acht Meilen wären gut gewesen, zehn Meilen noch besser, aber sechs?

Mit wem konnte er sich beraten, wie man die Leistung der Centurie steigern konnte? Mallius, der ihn permanent belehrte? Drusillus oder Celsonius? Die waren nicht erpicht darauf gewesen, unter Lucius’ Kommando zu stehen, und legten größten Wert auf Distanz. Lucius beschloss also zunächst, Nachsicht gegenüber den Männern zu zeigen, aber Drusillus war anscheinend anderer Meinung. Der Optio schlug zwei Männer so heftig mit seinem Stock, dass sie zwei Tage nicht gehen konnten und in einem Wagen gefahren werden mussten. Lucius schwieg dazu, da Drusillus über zwanzig Jahre Diensterfahrung hatte; er würde schon wissen, wie man die Männer antrieb. Lucius ließ den principales weitestgehend freie Hand, um ihnen zu zeigen, dass er ihrer Erfahrung vertraute.