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Der Signifer schnaubte. „Du bist ein Idiot. Wenn du einen Befehl gibst, musst du aufpassen, dass er so ausgeführt wird, wie du es willst. Sonst könnte jeder Schafskopf eine Armee führen.“ Das Lächeln war verschwunden. „Ist dir außerdem nicht aufgefallen, dass der Tesserarius, und nur er, dir jeden Morgen Soldaten zur Bestrafung wegen Wachvergehen meldet? Bist du einmal nachts aufgestanden, um zu überprüfen, was er treibt? Nein.“ Der Signifer hatte sich in Rage geredet, sprach aber immer noch mit gedämpfter Stimme. „Du lässt deinen Offizieren in allen Dingen freie Hand. Und deswegen hassen dich die Leute. Egal, wie viel Diensterfahrung wir haben, du bist verantwortlich für uns alle. Gute Nacht.“ Er trank den Becher leer und stand auf, um seine Wache wieder aufzunehmen.

Lucius starrte ihm nach. Hatte Mallius recht? Hatte er sich zu sehr auf seine principales und immunes verlassen? Aber dafür waren sie doch da, oder etwa nicht?

„Minerva, erleuchte mich!“, flehte er und stand auf. Der Signifer hatte heute die erste Wache. Danach folgten der Tesserarius mit der zweiten und der Optio mit der dritten. Er warf einen Blick auf die Wasseruhr, die mitten auf dem Forum stand.

„Ungefähr die Hälfte der ersten Wache ist herum“, sagte er halblaut zu sich selbst. „Also habe ich noch Zeit, bis Celsonius seine Wache antritt.“

Er schickte Ajax schlafen, zog sich in sein Zelt zurück, legte sich auf sein Lager, löschte das Licht und wartete.

Die zweite Stunde der zweiten Wache war vorüber, als er das Zelt verließ. Er grüßte die Wache auf dem Forum und fragte nach Celsonius. Die Wache zeigte wortlos zum Nordwall.

Lucius ging in diese Richtung durchs Lager. Als er sich dem Ende der Zeltreihen näherte, sah er zwei Wachen an der Nordwestecke des Lagers. Sie standen mit dem Rücken zueinander und starrten schweigend in die Dunkelheit. Lucius blieb im Schatten eines Zeltes stehen und sah sich um. Der Tesserarius war nicht zu sehen. Sollte er warten, bis er vorbeikam? Eine der Wachen reckte sich, drehte sich zu ihrem Kameraden um und brummte ihm etwas zu. Dieser antwortete, dann hoben beide ihre Schilde auf und wollten ihre Runde wieder aufnehmen, als sie plötzlich angerufen wurden: „WACHE!“

Die beiden Männer schraken zusammen und fuhren herum. Zwei Gestalten traten auf sie zu. Lucius hörte jetzt die Stimme des Tesserarius: „Wache zu haben bedeutet nicht, dass man herumsteht und ein gemütliches Schwätzchen halten kann. Ihr habt eure Runden zu drehen und das Gelände außerhalb zu beobachten!“

Eine der Wachen protestierte, Lucius erkannte Promptus an der Stimme: „Wir haben uns nicht unterhalten und die ganze Zeit den Bereich außerhalb des Lagers beobachtet.“

Celsonius trat ganz nahe an Promptus heran. „Nennst du mich etwa ein Lügner, du Sohn einer Hündin?“

Der zog es vor zu schweigen.

„Wie sind eure Namen?“

„Gaius Julius Tertinius, drittes Contubernium!“, beeilte sich der andere Legionär ängstlich zu melden. Tertinius war einer der neuen Rekruten, erinnerte sich Lucius.

„Gnaeus Promptus!“ Promptus’ Stimme klang ausdruckslos.

„Natürlich drittes Contubernium. Glaubst du, ich bin als Wachhabender zu dumm, um zu wissen, welche Einheit heute Wache hat?“, blaffte Celsonius den jungen Legionär an. „Ist bei den beiden was zu holen?“, fragte der Tesserarius seine Begleiter.

„Oh, ja!“, lachte dieser. „Das dritte Contubernium ist heute zum ersten Mal in unserer Wache.“

Lucius schloss vor Scham die Augen, als er die Stimme hörte. Dies war Pullio, sein Schreiber. Mallius hatte recht gehabt: Er war blind und taub gewesen. Er hatte sich nie etwas dabei gedacht, dass der Tesserarius und der Schreiber so vertraut miteinander taten.

„Umso besser. Mach es ihnen klar.“

Pullio wandte sich an die beiden Wachen. „Hört zu, ihr mutterloser Abschaum! Entweder ihr macht hier euer Zeichen und erklärt euch damit einverstanden, dass ihr uns am nächsten Zahltag eine Kleinigkeit von eurem Sold abgebt, dann werden wir großmütig über euer Wachvergehen hinwegsehen. Oder aber ihr werdet morgen früh gemeldet und bestraft.“

Lucius hatte genug gehört. Bei Jupiter, war er einfältig gewesen! Celsionus war Wachoffizier und Pullio hatte Einblick in die Wachlisten. Pullio war als immunis von den Routinediensten befreit, aber er bezog den gleichen Sold wie ein Legionär, den er auf Kosten der Männer aufbesserte. Die Rekruten waren zu unerfahren, um aufzubegehren, und die wenigen Legionäre mit mehr Erfahrung, wie Promptus, hielten die Klappe. An wen sollten sie sich auch wenden? Etwa an ihn? Lucius Marcellus, den Centurio, der offensichtlich mit Taub- und Blindheit geschlagen war? Lucius geißelte sich mit Selbstvorwürfen und musste sich zähneknirschend eingestehen, dass er tatsächlich nichts getan hatte, um das Vertrauen der Männer zu verdienen.

Der Tesserarius hörte ihn näher kommen und fuhr herum. „Wer da?“

Lucius antwortete nicht und da er keinen Helm trug, war er im Dunkeln nicht so leicht zu erkennen. Celsionus stieß Pullio an. Dieser ließ die Wachstafel sinken, die er den Wachen hingehalten hatte, und ging auf Lucius zu.

„Verschwinde auf deinen Posten! Sonst werde ich dir Beine machen! Du … AHHHRG!“

Mit einem Schmerzensschrei brach er zusammen, denn Lucius hatte ihm die Vitis mit voller Wucht auf die Schulter geschlagen. Es kümmerte ihn nicht, ob Pullio schwer verletzt wurde, denn er war außer sich vor Scham und Wut. Als der Schreiber vor Schmerzen gekrümmt am Boden lag, zog Lucius ihm noch einen Schlag über den Rücken. Celsionus sprang herbei und packte Lucius am rechten Arm. „Was erlaubst du dir …“ ‚fing er an, aber Lucius stieß ihm die Faust so heftig ins Gesicht, dass er zu Boden ging.

„WACHE!“, donnerte Lucius in die Dunkelheit.

Im Lager wurde es auf einmal lebendig, da die Schmerzensschreie und Lucius’ lauter Ruf die Männer alarmiert hatten. Schon sah er zwischen den Zelten die Männer der übrigen Wache herbeistürmen. Sie trugen Fackeln und verliehen der Szene so einen geradezu gespenstischen Charakter. Ein vor Schmerzen stöhnender Pullio lag am Boden. Der Tesserarius rappelte sich mit blutender Lippe auf. Zwischen den beiden stand Lucius, vor Wut bebend, dahinter Promptus und Tertinius mit ausdruckslosen Gesichtern. Lucius wies mit der Vitis auf die beiden Übeltäter.

„Diese beiden Männer stehen unter Arrest. Sie werden gefesselt und kommen mit Wache in das Zelt des Tesserarius. Über ihre Strafe entscheide ich morgen.“

Lucius wandte sich zum Gehen. Celsonius stieß einen Schrei aus und packte ihn von hinten an die Schulter, um ihn herumzureißen. „Einsperren und fesseln? Was glaubst du Grünschnabel eigentlich, wer du bist?“

Lucius wirbelte herum, packte den Arm des anderen und schleuderte ihn über die Hüfte in den Schlamm. Ehe er sich besinnen konnte, packte Lucius seinen Kopf und drückte ihm das Gesicht in den Schlamm. Celsonius zappelte und versuchte sich loszureißen, aber Lucius hielt ihn fest.

„Ich weiß, wer ich bin. Aber offenbar hast du es vergessen. ICH BIN DEIN CENTURIO!“, brüllte Lucius. Und dann, mit leiser, schneidender Stimme: „Wage es nie wieder, mich anzufassen oder meine Befehle in Frage zu stellen.“ Er riss Celsonius hoch und stieß ihn zur Wache hinüber. „Nehmt ihn mit!“

Lucius stapfte in Richtung Forum davon. Er kam an Drusillus vorbei, der missbilligend den Kopf schüttelte. „Tolle Leistung. Ein Centurio und ein principalis wälzen sich vor den Legionären im Schlamm wie Schweine. Ein feiner Centurio bist …!“

„Halt den Mund!“, zischte ihn Lucius an. „Und übernimm den Rest seiner Wache!“

„Was!?“, fuhr der Optio auf. „Ich denke gar nicht daran! Ich habe danach noch drei Stunden Wache.“

„Das ist keine Bitte, Principalis. Das ist ein Befehl!“, donnerte Lucius ihn an. Er ließ ihn stehen und ging zu seinem Zelt. Ajax war durch den Lärm wach geworden und reichte ihm einen Becher Wein.