„Hast du eine Aufgabe für mich, Centurio?“, fragte er gelangweilt, als Lucius vor ihm stand.
Den drohenden Blick, der auf ihm ruhte, sah er nicht, oder er war ihm gleichgültig. Lucius hob den Fuß und trat damit dem Waffenmeister gegen die Schulter, so dass er rückwärts vom Stuhl stürzte.
Der stieß einen Schreckensruf aus und wollte aufspringen, aber Lucius setzte ihm die Vitis an die Kehle. „Hab ich dir nicht befohlen, bei der Instandsetzung der Waffen zu helfen?“
„Ja, Centurio. Was meinst du, warum ich hier sitze und warte? Bisher hat sich noch keiner bei mir gemeldet!“
Lucius hieb ihm links und rechts auf die Oberarme und trat dann einen Schritt zurück. „Steh auf, du faules Schwein! Beweg deinen Arsch durchs Lager und frag nach, wo du helfen kannst!“
Der Waffenmeister sprang wutentbrannt auf. Für einen Moment sah es so aus, als ob er sich auf Lucius stürzen wollte.
„Mach, dass du wegkommst!“, sagte Lucius drohend. „Oder du bist schneller wieder Miles, als du ‚Imperium Romanum’ sagen kannst.“
Der Waffenmeister zog es vor, sich wortlos auf den Weg zu machen, nicht ohne Lucius wütende Blicke zuzuwerfen.
Lucius wandte sich dem Optio zu, der die Szene beobachtet hatte.
„Folge mir zu meinem Zelt!“, forderte er ihn auf. Lucius stürmte voran. Ajax stand noch unter dem Vordach, das Essen in der Hand, und sah ihm angsterfüllt entgegen. Lucius riss ihm das Essen aus der Hand. „Hau ab und mach dich irgendwo nützlich!“, fuhr er ihn an.
Er warf die Vitis auf den Tisch und fing an, im Stehen zu essen. Drusillus war ihm langsam gefolgt.
„Was ist? Willst du mich auch treten und schlagen?“, fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen und hob unmerklich den kleinen Finger seiner rechten Hand. Sieh her, der hier nimmt es mit dir auf! Lucius tat so, als hätte er die unverschämte Geste nicht gesehen, und begann, auf und ab zu gehen.
„Ich habe mir bei einer Reihe von Soldaten die Ausrüstung angesehen. Statt eiserner Rationen für drei Tage haben viele nur Rationen für zwei, einige haben sogar nur Rationen für einen Tag, und die Feldflaschen sind fast leer.“
Sein Gegenüber machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das machen Legionäre immer, um nicht so viel Gewicht schleppen zu müssen.“
Lucius ging auf und ab. „Mag sein. Da wir es aber wissen, könnten wir es kontrollieren und verhindern. Außerdem fehlen weitere wichtige Ausrüstungsgegenstände: Schanzzeug und Mühlen. Dazu noch Fett, um die wunden Füße einzureiben. Wenn ich die Stichproben hochrechne, fehlt nach nur sechzehn Tagen einer von zehn Ausrüstungsgegenständen. Wenn das so weitergeht, kommen wir als eine halbverhungerte, schlecht ausgerüstete und fußkranke Einheit an.“
Der andere zuckte mit den Schultern. „Es sind halt dumme Rekruten. Da kannst du nichts anderes erwarten. Außerdem“, fügte er hinterhältig lächelnd hinzu, „lieferst du eine solche Einheit ab, nicht wir.“
Lucius blieb stehen und drehte sich zu ihm um. „Damit wären wir beim Thema. Ich werde diese Rekruten ans Ziel bringen, so gut ich es vermag. Mit oder ohne deine Hilfe. Ich habe mit dem Sanitäter gesprochen und mir die Leute angesehen. Einige hast du so misshandelt, dass sie nicht mehr gehen können. Du hast den Tesserarius gewähren lassen, obwohl du über seine Schweinereien Bescheid wusstest, und dem Waffenmeister hast du seine Herumlungerei durchgehen lassen.“
Der Optio blies die Wangen auf. „Das sind deine Aufgaben, nicht meine. Du hast das Kommando. Wenn du dem nicht gewachsen bist, gib es ab! Du willst führen? Wie viele Feinde hast du getötet? In wie vielen Schlachten gekämpft? Erwirb dir erst einmal Ruhm und Erfahrung, bevor du Männern befehlen willst!“
Lucius lachte höhnisch. „Männern? Du benimmst dich wie ein Kind, dem man sein Spielzeug gestohlen hat.“ Er trat dicht an den anderen heran und starrte ihm in die Augen. „Du hoffst, dass ich scheitere, weil du selbst das Kommando willst. Du verweigerst mir deine Unterstützung, die du als mein Stellvertreter geben müsstest, weil du mich für zu jung und unerfahren hältst. Vielleicht hast du ja recht. Wahrscheinlich werde ich in Turicum meines Kommandos enthoben und darf Straßen bauen oder Sümpfe trockenlegen. Dann kann ich aber sagen, ich habe mein Bestes gegeben. Und du? Du kannst sagen, ich habe mit Absicht versagt.“
Das letzte Wort knallte wie ein Peitschenhieb durch die Luft. Drusillus wollte aufbegehren. Aber Lucius fuhr unbeirrt fort: „Du glaubst doch nicht etwa, dass du ordinis bleibst. Du wirst mit Sicherheit neben mir arbeiten, denn man wird sagen: Dass der grüne Junge gescheitert ist, war zu erwarten, aber sein Stellvertreter war nicht in der Lage, die Katastrophe zu verhindern, so einen können wir als Centurio nicht brauchen.“ Lucius machte eine Pause. „Damit haben sie recht. Wir Centurionen versuchen unser Möglichstes, um die uns anvertrauten Männer heil und sicher durch die Feldzüge zu bekommen. Nur Politikern, die Offizier spielen und nach Macht und Beförderung streben, ist das Leben und die Gesundheit ihrer Männer egal. Sie versuchen über die Leichen ihrer Soldaten ihre Ziele zu erreichen. Geh wieder auf deinen Posten, Politiker!“
Das letzte Wort sprach er mit aller Verachtung aus, der er fähig war, und spuckte aus. „Weggetreten!“
Als die Centurie am nächsten Morgen aufbrach, hatte sich die Stimmung gebessert. Die Bestrafung des Tesserarius und des Schreibers und das Verbrennen der Schuldscheine hatten wesentlich dazu beigetragen. Auch der Ruhetag hatte allen gutgetan. Das trockene Wetter hob zusätzlich die Stimmung der Männer. Schneller, als Lucius gedacht hatte, brachten sie die Wagen auf die andere Seite des Flusses und legten noch ein gutes Stück Wegs zurück.
„Mars invictus, unbesiegter Mars, ich werde dir eine kleine Taube opfern, wenn es sich nicht nur um eine vorübergehende Erscheinung handelt, sondern wenn die Leistung der Männer so bleibt!“, schwor Lucius im Stillen.
Es sah so aus, als würde eine Taube für Lucius’ Versprechen ihr Leben lassen müssen, denn obwohl das Gelände unverändert schwierig blieb, es mehrere Flüsse zu durchqueren galt und das Wetter wieder schlechter wurde, hatte sich die Marschleistung deutlich gesteigert. Bei dem Tempo hoffte Lucius, Vindonissa in zwei oder drei Tagen zu erreichen. Er schlief kaum noch eine Nacht durch, sondern kontrollierte mehrmals pro Nacht nicht nur die Wachen, sondern auch die Wachhabenden.
Mal offen, mal heimlich, aber ihm fiel nichts auf, auch Wachvergehen wurden keine mehr gemeldet. Alles in allem hätte er zufrieden sein können, aber sein Versagen den Männern gegenüber lastete schwer auf seiner Seele.
Der Weg erreichte das Ufer der Arura und zwei Tage lang marschierten sie den Fluss entlang. Am Mittag des zweiten Tages konnten sie ein Legionslager erkennen und daneben noch ein zweites, kleineres Kastell. Mallius erklärte Lucius, dass es sich dabei um das Magazin handelte.
Der Optio, der am Tor des Magazins Dienst tat, sah ihnen gelangweilt entgegen. Warum sollte ihn auch die Ankunft eines erwarteten, überfälligen Versorgungstrupps in Aufregung versetzen? Scapula hielt sein Pferd neben ihm an und begann mit langen, weitschweifigen Erklärungen, die den Optio offensichtlich nicht interessierten. Erst als sein Blick auf Lucius fiel, zuckte er plötzlich zusammen und stand gerade.
Aha, dachte Lucius amüsiert, jetzt denkt er gerade: Bei Plutos Arsch, dieser Kerl da trägt alle Insignien eines Centurios, die Vitis und den Helm mit dem quergestellten Helmbusch, aber er ist doch noch nicht mal zwanzig Jahre alt. Ob sich da jemand einen Scherz mit mir erlaubt?
Der Optio musterte jetzt verwirrt die Wachstafel, die ihm Scapula gereicht hatte.
„Optio, ich versichere dir, dass wir kein trojanisches Pferd sind. Du darfst uns ruhig passieren lassen.“
Die Worte des Tribuns rissen den Optio aus seinen Gedanken. „Natürlich. Tribun …“, er warf einen Blick auf den Befehl, bevor er ihn zurückgab, „… Scapula. Bring die Wagen zum Forum und übergib sie dort dem Präfekten!“