Das geschäftige Treiben um sie herum kam für einen Moment zum Erliegen, als die Legionäre der ersten Centurie neugierig aufblickten und versuchten, den Grund für die Heiterkeit herauszufinden. Sie konnten nichts entdecken und nach einigen Herzschlägen setzte die Betriebsamkeit wieder ein. Canidius wischte sich die Tränen aus den Augen. „Du hast komödiantisches Talent! Es ist doch schön zu wissen, dass du, wenn es mit der militärischen Karriere nicht klappt, deinen Lebensunterhalt als Komödiant verdienen kannst!“ Und nach einer Pause fügte er boshaft hinzu: „Nein, mein junger Freund, Titus Valens wird die Ausbildung leiten, und du wirst ihn unterstützen!“
Valens hatte mit wenig Begeisterung aufgenommen, dass er ausgerechnet Lucius zur Seite gestellt bekommen hatte.
„Wir werden Unterstützung von Schmieden und Schreinern brauchen!“, erklärte er Lucius. „Wir nehmen dafür Männer aus deiner Einheit. Während deiner Abwesenheit werden dein Optio und dein Signifer deine Centurie leiten. Wenn es Probleme gibt, können sie sich an Hilarius wenden. Du solltest als zweiten Mann Celsonius, deinen Tesserarius, mitnehmen!“
Lucius kam es merkwürdig vor, dass Titus Valens den Namen des Tesserarius kannte, aber nicht den des Optio oder des Signifers. Vielleicht ein alter Kamerad?
Lucius und drei seiner Contubernia begleiteten Titus Valens zum Lager der Allobroger.
Es war deutlich kleiner als ein Legionslager, höchstens ein halbes Stadium breit und etwa hundert Doppelschritte lang. Außerdem wirkte es gegenüber einem Legionslager schlampig und unaufgeräumt. Valens verzog angewidert das Gesicht, als sie durch das Lager gingen. Seine Augen musterten scharf die Umgebung und er schien nur darauf zu lauern, etwas zu entdecken, das nicht in Ordnung war. Auf dem Forum wurden sie von den Häuptlingen erwartet. Lucius musterte die vier Gestalten. Sie alle waren relativ groß und hatten helles Haar und helle Augen. Sie trugen Hosen, ein für Römer ungewohnter Anblick, und eine Art Tunica. Überrascht bemerkte Lucius, dass sie alle sehr jung waren. Der Jüngste war vielleicht Ende zwanzig und der Älteste gerade mal Anfang dreißig.
Lucius sollte sich insbesondere um die Hundertschaft des Häuptlings Ambiorix kümmern. Ambiorix schien direkt einer Dichtung Homers zu entstammen. So hatte man sich Achill vorzustellen: groß und kräftig, jederzeit bereit, zu feiern, zu scherzen oder zu töten. Die langen Haare, die bei einem Römer irritierend gewesen wären, passten perfekt zu seinem Erscheinungsbild. Nur der Schnurrbart beeinträchtigte das Bild eines Achill ein wenig.
Valens erklärte den Häuptlingen mit wenigen Worten, was sie erwartete. Sie und ihre Männer waren in römische Dienste getreten. Diese Verpflichtung galt fünfundzwanzig Jahre lang.
Danach würden sie Geld und Land bekommen und das römische Bürgerrecht, welches sie an ihre Kinder weitergeben würden. Sie würden sich der römischen Disziplin unterwerfen. Sie würden nach römischem Vorbild ausgebildet und ihre Einheiten nach römischem Vorbild gegliedert werden. Auf dem kommenden Feldzug würden sie unter dem Kommando eines Präfekten stehen, der aber noch nicht eingetroffen war. Jetzt im Winter würden sie von ihm, Titus Valens, primi ordinis der XIX Augusta, trainiert werden.
„Centurio Marcellus wird mir dabei zur Hand gehen!“, ergänzte Valens und machte dabei eine Handbewegung in Lucius’ Richtung. „Als Erstes müssen wir euer Lager in Ordnung bringen. Daher haben wir einige Legionäre mitgebracht, die handwerklich besonders begabt sind! Wir beginnen mit einem Rundgang durch das Lager!“
Während des Rundgangs blieb er immer wieder stehen, um sich Kleinigkeiten anzusehen: bei den Hütten, bei den Wällen, am Zaun, an den Kochstellen, ja, sogar an der Latrine. Ab und zu ließ er ein Schnauben hören, wenn er eine Unregelmäßigkeit entdeckt hatte. Jedes Mal, wenn er stehen blieb und entrüstet schnaubte, tauschten die Häuptlinge belustigte Blicke aus.
Lucius bemühte sich, ebenfalls Unregelmäßigkeiten zu entdecken, konnte aber kaum welche sehen. Nun gut, das Lager machte nicht so einen gepflegten Eindruck wie das Hauptlager, und die Haltung der Kelten war etwas lax, aber Hilfstruppen waren eben keine Legionäre und Lucius wusste nicht, wo Valens das Problem sah. Vielleicht lag es einfach daran, dass Valens wie alle Römer Vorurteile gegen Barbaren hatte und deshalb besonders erpicht darauf war, Verfehlungen zu entdecken.
Lucius musterte die Krieger sorgfältig. Die meisten waren junge Männer, die nicht viel älter als er selbst sein konnten. Ihre Kleidung und Bewaffnung waren typisch für Kelten. Lucius dachte bei sich, dass man sich kaum einen größeren Gegensatz als zwischen den groß gewachsenen, hellhaarigen, bunt gekleideten Kelten und den kleineren, dunkelhaarigen und einfarbig gekleideten Römern vorstellen konnte.
Valens beendete schließlich den Rundgang und versammelte die Häuptlinge wieder um sich.
Er musterte sie mit stechendem Blick und polterte dann los: „Dieses Lager ist der reinste Schweinekoben! Es wird sofort gründlich sauber gemacht! Die Pferche der Tiere werden ausgemistet! Die Latrinen werden vergrößert und die Abflussgräben gesäubert, sonst versinken wir hier in unserer eigenen Scheiße!“
Die Häuptlinge blickten missmutig drein, aber Valens war noch nicht fertig: „Außerdem gefällt mir die Befestigung des Lagers nicht. Die Gräben werden vertieft und es werden noch mehr Palisaden eingerammt! Zusätzlich wird ein zweiter Graben rund um das Lager gezogen!“
Jetzt sahen die Häuptlinge nicht mehr missmutig, sondern ablehnend aus. Lucius schüttelte innerlich den Kopf. Wozu ein zweiter Graben? Es drohte keine Gefahr. Das war doch eine reine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Valens stieß die Häuptlinge mit solchen Anordnungen nur vor den Kopf.
Der primi ordinis war aber immer noch nicht fertig: „Und zuletzt werden die Hütten überholt, einige sind so löchrig wie ein Käse. Da pfeift der Wind durch und die Männer werden im Winter an Lungenentzündung sterben. Also los! Teilt Arbeitskommandos ein und legt los! In drei Tagen will ich das Lager sauber und die Hütten dicht haben. Morgen werden der neue Graben und der Wall fertig und die Palisaden verstärkt sein!“ Jetzt wandte er sich an Lucius: „Jedem Arbeitskommando werden Legionäre zugeteilt, die ihnen zur Hand gehen werden! – FANGT AN!“
Die letzten Worte brüllte Valens den Häuptlingen entgegen, da diese noch keine Anstalten machten, sich zu rühren. Widerwillig machten sie sich auf den Weg, um Arbeitskommandos einzuteilen.
Lucius wurde plötzlich bewusst, dass ihn der Centurio anstarrte.
„Centurio Marcellus“, begann Valens, „wenn ich es noch einmal erlebe, dass du meine Anweisungen offen missbilligst, kannst du etwas erleben!“
Er sprach leise, aber eindringlich. Lucius fuhr schuldbewusst zusammen. Sah man ihm seine Gedanken so deutlich an?
„Glaube mir, deine Schwertkünste oder deine Boxausbildung nützen dir gar nichts mehr, wenn du dich meinen Befehlen entgegenstellst. Hast du mich verstanden?“
Der Umstand, dass er seine Stimme nicht erhob, verlieh seinen Worten mehr Nachdruck als jedes Gebrüll. Lucius lief es kalt den Rücken herunter. Er schluckte und beeilte sich zuzustimmen: „Natürlich, Centurio Valens. Es würde mir nie in den Sinn kommen, deine Anweisungen anzuzweifeln.“
Valens nickte. „Gut. Wirklich gut. Ich freue mich, dass wir uns verstehen. Und damit du das nicht vergisst, wirst du das Arbeitskommando leiten, das die Abflussgräben säubert und die Latrinen verbessert. Und du wirst natürlich dabei helfen. Ein guter Kommandant befiehlt nichts, was er nicht selber tun würde. Nicht wahr, Marcellus? Das hast du doch bestimmt irgendwo gelesen?“
Valens brach in leises Gelächter aus, drehte sich um und ging weg. Lucius fühlte, wie er rot wurde und Wut in ihm aufstieg. Wut auf diesen Bastard Valens, der es immer wieder schaffte, ihn zu demütigen.