Die Arbeitskommandos machten sich ans Werk. Zuerst wurden ein zweiter Graben und ein zweiter Wall um das Lager gezogen. Dann wurde der eigentliche Lagerwall verstärkt. Als man damit fertig war, wurden die Hütten ausgebessert, das Lager gesäubert und die Latrinen vergrößert. Als nach drei Tagen ununterbrochener Arbeit alles fertig war, ließ Valens die Häuptlinge zusammenkommen.
Er habe etwas Wichtiges vergessen. Eine unverzeihliche Nachlässigkeit. Das Lager habe gar keine Türme. Die Tore müssten unverzüglich durch einen Turm gesichert werden.
Am nächsten Tag mussten die Männer also erneut losziehen, um Holz zu schlagen. Es wurde bearbeitet, und zwei Tage später war jedes Tor mit einem Turm gesichert. Valens freute sich, dass das alles so schnell gegangen war. Da man ja noch Zeit habe, bevor er mit der Ausbildung beginne, könne man doch an jedem Tor noch einen zweiten Turm errichten.
Die Häuptlinge schäumten vor Wut und die Männer fluchten. Auch Lucius war erbost, und es gelang ihm nur schwer, es sich nicht anmerken zu lassen. Das war reine Schikane. Wozu sollte ein Winterlager weitab vom Feind so gesichert werden?
Diesmal brauchten die Männer drei Tage, um die Türme zu errichten. Ihr Einsatz hatte um einiges nachgelassen. Alle waren fassungslos, als Valens ihnen mitteilte, dass außerdem noch an jeder Lagerecke ein Turm errichtet werden sollte. Diese vier Türme sollten idealerweise bis zum übernächsten Tag stehen. Je eher, desto besser, da es nur noch drei Tage bis zum Beginn der Übungsmärsche waren. Die Zeit zwischen Fertigstellung und Marschbeginn war frei; je schneller die Männer die Türme errichteten, desto mehr Freizeit für sie.
In den Augen der Männer war Feindseligkeit zu lesen. Dennoch schufteten sie unermüdlich, um so schnell wie möglich fertig zu werden. Tatsächlich schafften sie es dieses Mal in eineinhalb Tagen.
Doch das war erst der Anfang. Wenn Lucius gehofft hatte, jetzt Zeit zu finden, um endlich in der Aeneis zu lesen, wurde er eines Besseren belehrt.
Ohne Pause wurden die Kelten gedrillt. Sie mussten lernen, auf Hornsignale zu reagieren, Reihen aufzulösen und wieder zu schließen, in geschlossener Formation vorzurücken und sich wieder zurückzuziehen. Es ging weniger darum, sie in römischer Kriegführung auszubilden, als darum, ihre guten Kampfeigenschaften mit der römischen Kampfweise und vor allem der römischen Disziplin zu verbinden.
Lucius pendelte den ganzen Winter zwischen dem Legionslager und dem Lager der Auxilia hin und her, da er zwischendurch auch noch bei seiner Centurie nach dem Rechten sehen musste. Drusillus und Mallius versicherten ihm, dass sie ohne ihn bestens zurechtkämen und alles prima laufe. Lucius entging die Doppelbedeutung dieser Aussage nicht. Ich bin früher wieder da, als euch lieb ist, dachte er bei sich. Und dann mache ich euch Feuer unterm Arsch!
Celsonius war keine große Hilfe, er tat nicht mehr als nötig, auch musste jeder Befehl präzise formuliert werden, wenn Lucius sicher sein wollte, dass er ihn richtig ausführen würde. Der Tesserarius benahm sich, als hätte er seinen Dienst in der Legion erst am Vortag angetreten.
Die Hilfstruppen, die Auxilia, die aus den Bewohnern der Provinzen zusammengesetzt wurden, ergänzten die schwere römische Infanterie durch Einheiten von Bogenschützen, durch Kavallerie, Plänkler und leichte Infanterie. Nur bei Bedarf wurden sie angemietet oder dienstverpflichtet. Reiter aus Hispanien oder Gallien, Bogenschützen aus Kreta oder Syrien, Schleuderer von den Balearen oder, wie im Falle der Verstärkung für die Augusta und Gallica, Kelten aus den Bergen. Die Hilfstruppen behielten ihre Kampfweise im Großen und Ganzen bei, aber gerade Völker wie die Kelten aus Hispania oder Gallien mussten lernen, ihr Temperament zu zügeln. Ein römischer Feldherr konnte es sich nicht leisten, dass ein zum Flankenschutz eingeteilter Kavallerieverband seine eigentliche Aufgabe vergaß, weil seine Reiter ihre Leidenschaften nicht unter Kontrolle hatten.
Lucius hatte von der Kampfweise der Gallier gelesen, in diesem Winter lernte er die Kampfweise der Kelten aus nächster Nähe kennen. Die Legionäre trugen das Scutum, den großen Legionärsschild, der an einem Handgriff getragen wurde. Die Kelten trugen kleinere Schilde, bei denen der Arm durch eine Schlaufe geführt wurde. Dadurch konnten sie fünf bis sechs Wurfspeere in der Schildhand tragen. Im Falle eines Kampfes würden die Kelten die feindliche Schlachtreihe mit Speeren überschütten und so versuchen, die Angreifer zu verunsichern und zu übereilten Handlungen zu verleiten. Außerdem gehörte es zu ihren Aufgabe, in unwegsamem Gelände voranzugehen und feindliche Stellungen auszukundschaften oder Hinterhalte aufzuspüren.
Valens behandelt Lucius den Winter über herablassend und ließ ihn die ganze Arroganz eines langgedienten Centurios spüren. Lucius versuchte, das Beste aus der Situation zu machen.
Es war ausgerechnet Valens, der, wenn auch unfreiwillig, dafür sorgte, dass Lucius zumindest mit den keltischen Kriegern und Häuptlingen keine Schwierigkeiten hatte.
„Nachtmarsch? Morgen?“, fragte Ambiorix erschrocken. Wenn Lucius ihn nicht seit dem ersten Tag als ausgeglichenen und mutigen Menschen kennengelernt hätte, hätte er die Reaktion des Häuptlings für Angst gehalten. „Das geht nicht!“ Ambiorix schüttelte energisch den Kopf. Die anderen Häuptlinge waren genauso erschrocken. Die Krieger, die ein wenig Latein konnten, zischten und wichen zurück. Es begann ein ängstliches Gemurmel und eine Unruhe unter ihnen, die sich rasch ausbreitete. Zeichen gegen den bösen Blick und zum Vertreiben von Geistern wurden gemacht, Beschwörungen gesprochen. Aus dem Gemurmel hörte Lucius immer wieder ein Wort heraus: Samhain. Er erinnerte sich; seine Mutter hatte ihm davon erzählt. Morgen war die Nacht vor Samhain und die Kelten glaubten, dass in dieser Nacht die Toten umgingen und die Grenze zwischen dieser und der Anderswelt durchlässig war. Wer in der Nacht vor Samhain draußen war, dem konnte es passieren, dass er in die Anderswelt geriet.
Valens war bereits vor Entrüstung rot angelaufen, weil die Kelten es offen wagten, seine Befehle in Frage zu stellen. Er öffnete den Mund, um die Männer anzuschreien und den Befehl zu wiederholen. Das konnte in einer Katastrophe enden. Lucius trat schnell zu ihm und fasste ihn am Arm. „Verschieb den Nachtmarsch um eine Nacht, ich erkläre es dir später!“, raunte er dem Centurio zu. Dieser schloss den Mund wieder und ein giftiger Blick traf Lucius. Aber was immer Valens war, er war kein Idiot. Ihm waren die Angst und die Unruhe der Kelten nicht entgangen, und so riss er sich von Lucius los und trat auf die Häuptlinge zu.
„Es ist unüblich, Befehle zu diskutieren oder anzuzweifeln. Da ihr jedoch neu in römischen Diensten seid, will ich es euch durchgehen lassen. Macht aber euren Männern klar, dass dies eine Ausnahme ist und sie allen Befehlen sofort folgen müssen. Wir verschieben den Marsch um einen Tag.“
Die Häuptlinge nickten den Centurionen dankbar zu. Die Erleichterung der Männer war unübersehbar. Valens entließ die Kelten mit einer herrischen Handbewegung. Als sie außer Hörweite waren, drehte er sich zu Lucius und fragte knapp und mit von Zorn belegter Stimme: „Nun?“
Lucius erklärte ihm kurz, welche Bedeutung das bevorstehende Fest für die Kelten hatte.
Valens’ Gesicht entspannte sich, obwohl er „Abergläubischer Unsinn!“ knurrte. Er sparte sich sogar die bissige Bemerkung, mit der er normalerweise jede von Lucius’ Handlungen bedachte.
Lucius wusste, dass Valens Verständnis für den Brauch der Kelten hatte. Die Römer waren ebenfalls sehr abergläubisch und besonders die Legionäre achteten stark auf Vorzeichen. Ein schlechtes Omen, ein negatives religiöses Vorzeichen konnte eine disziplinierte Legion in einen Haufen ängstlicher Weiber verwandeln.
Eine Legion ist ein Dorf, sagte ein altes Sprichwort, und Neuigkeiten verbreiteten sich in Windeseile. In einer Kohorte ging es noch schneller. Am nächsten Morgen wusste jeder keltische Krieger von dem bevorstehenden Nachtmarsch, von seiner Verschiebung und dass der junge Centurio sich dafür eingesetzt hatte. Die Männer, die Lucius bisher gleichgültig betrachtet hatten, brachten ihm nun Respekt entgegen.