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Waren sie zu Anfang über Lucius’ geringe Kenntnisse ihrer Sprache überrascht gewesen und hatten sich heimlich lustig gemacht, nutzten sie nun die Gelegenheit, sich mit dem Römer in ihrer Muttersprache zu unterhalten. Da nicht alle Krieger Latein konnten, war Valens in vielen Situationen auf einen Dolmetscher angewiesen. Lucius hingegen unterhielt sich mit den Häuptlingen auf Latein, um dann mit den einfachen Kriegern in ihrem Dialekt zu sprechen.

Besonders mit Ambiorix verband Lucius bald fast so etwas wie eine Freundschaft. Ambiorix versprühte ständig gute Laune und wirkte immer ausgeglichen. Selbst nach den anstrengendsten Ausbildungseinheiten hatte er für die Männer seiner Einheit Scherzworte übrig, um sie bei Laune zu halten. Lucius gegenüber zeigte er sich spöttisch respektvoll – oder respektvoll spöttisch? Er schien die Tatsache, dass er unter einem Frischling in den Kampf zog, mit Humor zu nehmen und erkannte Lucius’ Autorität an. Er befolgte alle seine Befehle und Anweisungen ohne Murren und ohne Seitenblicke, wie Lucius sie von Drusillus, Mallius und all den anderen gewohnt war. Und doch war sich Ambiorix der Ironie der Situation – hier der erfahrene Krieger, dort der unerfahrene Anführer – bewusst, und so ließ er Lucius auf eine freundschaftliche Art und Weise stets spüren, dass er über mehr Erfahrung verfügte. Lucius ertrug das seinerseits mit Humor, denn er mochte Ambiorix und war froh über dessen Fähigkeit, die Krieger der Kohorte bei all den Strapazen und Quälereien, die ihnen von den Römern auferlegt wurden, immer wieder zu motivieren.

Lucius wurde ins Legionslager zurückgerufen. Quirinius und Gallus hatten Kohorten ausgelost, die gegeneinander in einem Wettkampf antreten sollten. Diese Wettkämpfe dienten als verschärfte Übungseinheiten, die als praktischen Nebeneffekt noch einen großen Unterhaltungswert für die Legionäre mitbrachten. Je drei Centurien aus den 8. Kohorte n der Augusta und der Gallica sollten nun in den Disziplinen Schanzen, Waffentraining und Marschieren vor beiden Legionen ihr Können beweisen. Die Kohorte, die zwei Wettkämpfe gewann, war Sieger. Sie erhielt ein Fass Wein und bescherte ihrer Legion Ruhm und Ehre. Der Verlierer bekam Strafdienste aufgebrummt.

Zwei Wettkämpfe dieser Art hatten bereits stattgefunden. Die 3. Kohorte hatte für die Gallica und die 6. Kohorte für die Augusta den Sieg davongetragen. Der dritte Wettkampf wurde daher von beiden Legionen mit Spannung erwartet.

Die Primipili bedachten ihre Centurionen mit einem Blick, der ganz eindeutig besagte: „Wehe, ihr macht unserem Adler Schande und verliert!“

Hundert Centurionen standen auf dem Forum versammelt und warteten auf die Auslosung, die entscheiden würde, welche Centurie in welcher Disziplin antreten würde.

Der Aquilifer der Gallica griff in einen Krug und zog eine Nummer hervor. Er zeigte das Täfelchen mit der II in die Runde, die zweiten Centurien der Triarier würden demnach schanzen. Als Nächstes griff der Aquilifer der Augusta in den Krug und zog ein Täfelchen heraus. Es zeigte die IV. Die zweiten Centurien der Princeps würden also im Waffendrill gegeneinander antreten. Lucius bekam einen trockenen Hals. Er befürchtete das Schlimmste. Der Aquilifer müsste jetzt eine VI aus dem Krug ziehen. Als er die Tafel hochhielt, stöhnten die Centurionen der Augusta laut auf.

Lucius musste die Tafel gar nicht sehen, um zu wissen, welche Zahl dieses entsetzte Aufstöhnen hervorgerufen hatte – und die Blicke, die sich ihm zuwandten, bestätigten das. Seine Centurie würde marschieren.

Er rannte wie von Furien gehetzt durch die Unterkünfte seiner Männer und ließ sich die Winterkleidung zeigen. Hatten alle die tibialia, die Gamaschen, bereit? Wie sah es mit den dicken Wolltunicen aus und mit Talg für die Füße? Lucius beschwor seine Männer, ihr Bestes zu geben. Mallius bekam die Anordnung, sich um die Waffen kümmern, Drusillus war für den Wasservorrat zuständig, und Celsonius hatte Befehl, nach den Maultieren zu sehen. Mit gelangweilter Miene und sichtlichem Desinteresse ging der Tesserarius zu den Pferchen.

„Was verspricht er sich von so einem Verhalten?“ Lucius sah Celsonius nach. „Wenn er sich so offensichtlich gegen seinen Centurio stellt, kann er doch auch keine Karriere machen!“

„Es sei denn, jemand, der wichtiger ist als ein kleiner Hastatencenturio, steht hinter ihm!“

Lucius zuckte erschrocken zusammen. Er hatte gar nicht daran gedacht, dass Mallius noch da war.

„Und steht einer hinter ihm?“

„Keine Ahnung!“ Mallius zuckte mit den Achseln. „Aber aus irgendeinem Grund macht er sich sehr viel Hoffnung, dieses oder nächstes Jahr Optio zu werden, obwohl er noch gar nicht an der Reihe ist!“

Mallius ging los, um seine Aufgabe zu erledigen. Lucius sah ihm nachdenklich hinterher und stöhnte auf, als er Valens in der Lagergasse auftauchen sah. Hätte er nicht bei den Allobrogern bleiben können? Er würde bestimmt nichts Aufmunterndes beizutragen haben. Und richtig, Valens verkündete, dass die zweite Triariercenturie der Augusta den ersten Durchgang im Schanzen gewonnen hätte und jetzt jeden Moment der zweite Wettkampf beginnen würde.

„Täusche dich nicht, Centurio Lucius! Selbst wenn die Augusta den zweiten Wettkampf tatsächlich gewinnen sollte und sogar du es nicht mehr versauen kannst: Wage es nicht, uns beim dritten Wettkampf Schande zu machen! Wenn doch, wird das, was du bisher erlebt hast, nichts sein im Vergleich zu dem, was dann folgen wird! Du wirst dir wünschen, nie geboren worden zu sein.“

Dieser Mistkerl verstand es wahrlich, seine Untergebenen zu Höchstleistungen anzuspornen, dachte Lucius voller Wut.

Valens stapfte durch die Lagergasse und sah sich noch einmal um, bevor er auf die Via Praetoria abbog und in Richtung Forum verschwand. Lucius folgte ihm nur einen Augenblick später, da er wissen wollte, wie viel Zeit ihm noch bis zum Marsch blieb. Wie vom Donner gerührt blieb er stehen, als er Valens bei den Maultierpferchen stehen sah, wo er sich mit Celsonius unterhielt. Die beiden lachten, dann klopfte Valens dem Tesserarius freundschaftlich auf die Schulter und entfernte sich. Nun wusste Lucius also, wer hinter Celsonius stand.

Der Wettbewerb im Waffendrill hatte bereits begonnen. Die Contubernia mussten im Speerwerfen gegeneinander antreten. An zehn Holzpfählen war je ein Scutum befestigt worden. Jedes Contubernium schleuderte seine Pila auf das ihm zugewiesene Scutum. Wer die meisten Treffer hatte, gewann. Ein Treffer zählte jedoch nur dann, wenn das Pilum im Schild stecken blieb.

Jeder Treffer wurde von den Legionären der betreffenden Legion begeistert gefeiert. Soweit Lucius das beurteilen konnte, schlugen sich beide Centurien hervorragend und lagen in etwa gleichauf. Vor dem letzten Durchgang zählten die Primipili noch einmal die Treffer. Als verkündet wurde, dass die Gallica mit fünf Treffern führte, brachen die Legionäre der Gallica in Jubelrufe aus, die von denen der Augusta mit Schmähungen beantwortet wurden.

Lucius spürte Nervosität in sich aufsteigen. Das sah nicht gut aus. Es blieben nur noch zwanzig Würfe und eine Führung von fünf Treffern war beachtlich. Lucius glaubte nicht so recht daran, dass die Männer der Augusta es noch schaffen würden. Ebenso wenig wie Vitellius, der Pilus prior, und Hilarius, der Hastatus prior, die plötzlich vor ihm standen und ihn wütend anfunkelten, als ob es seine Schuld wäre, dass sie den zweiten Wettkampf verlieren würden.

„Lass deine Männer auf dem Forum antreten – und wehe, du kommst als Zweiter an!“, lautete die unmissverständliche Aufforderung an ihn.

Er warf einen Blick auf das Podium, wo Gallus gerade verkündete, dass die Gallica den zweiten Durchgang gewonnen hatte, wie es zu erwarten gewesen war. Ohne auf den Jubel hinter sich zu achten, eilte Lucius zu seiner Centurie und seufzte erleichtert, als er sie marschbereit vorfand. Sie marschierten zum Forum und stellten sich neben der zweiten Hastatencenturie der Gallica auf.