Lucius schluckte einmal schwer. Er las sich die Passage ein zweites Mal durch und musste seinem Bruder beipflichten. Eine solche Konzentration der Legionen konnte nur auf einen weiteren Feldzug hindeuten und in diesem Teil des Imperiums gab es nur zwei Ziele: Britannien und Germanien.
Tiberius überflog im Gehen den Brief von Piso. Dieser hielt sich zurzeit in Mediolanum auf. Er hatte Rom sofort nach der Einführungszeremonie zum Konsul verlassen und war nach Gallia Cisalpina gereist. Er schrieb über letzte Details der Vorbereitungen für den Feldzug. Piso hatte keine großen Neuigkeiten zu berichten, doch Tiberius hatte auch keine erwartet. Schließlich hatten sie den ganzen Winter über Briefkontakt gehalten.
Tiberius hatte sich entschieden, den Winter bei den Legionen in Basilia zu verbringen, weil es ihm vor den langen Winterabenden in Lugdunum graute. Augustus war nicht nach Rom zurückgekehrt, und so war eine Reihe hochgestellter Persönlichkeiten ebenfalls nach Lugdunum gekommen, um dort zu überwintern. Auch Julia, die Tochter des Princeps, weilte mit ihren beiden Söhnen Gaius und Lucius dort. Diese waren, obwohl Agrippas Kinder, im vergangenen Jahr von Augustus adoptiert worden und waren damit zugleich seine Söhne und seine Enkel.
Als sie noch Agrippas Söhne waren, hatten zahlreiche Senatoren sie öffentlich als echte Römer gelobt, um sie hinter vorgehaltener Hand als die „Brut eines Bauern“ zu bezeichnen. Jetzt, da sie die Söhne des Princeps waren, der wiederum ein Adoptivsohn eines Juliers war, überschlugen sich die Senatoren förmlich. Dem kleinen Gaius, gerade mal vier Jahre alt, wurden nur die besten Eigenschaften nachgesagt, und selbst an dem noch nicht einmal zweijährigen Lucius konnte man schon außergewöhnliche Fähigkeiten entdecken.
Augustus war ganz vernarrt in seine Enkel und freute sich über die kleinen Streiche, die Gaius seiner Umgebung spielte. Tiberius hielt Gaius für einen verzogenen Bengel, dem eine Tracht Prügel guttun würde. Als „der verzogene Bengel“ einige Wachstafeln über eine Kerze gehalten und so Material- und Anforderungslisten vernichtet hatte, setzte Tiberius diesen Gedanken in die Tat um und versetzte Gaius eine Ohrfeige. Der kleine Diktator, wie ihn Tiberius im Stillen auch nannte, setzte sich auf den Hosenboden und brüllte das ganze Haus zusammen. Seine Mutter Julia tröstete ihn und machte ihm gleichzeitig energisch klar, dass das Büro von Onkel Tiberius kein Spielplatz war und dass er in Zukunft in diesem Raum nichts zu suchen hätte. Augustus hingegen war außer sich über diese Brutalität gegenüber seinem armen Enkel und machte Tiberius eine fürchterliche Szene.
Das Geschrei der beiden so unterschiedlichen Männer war im ganzen Haus zu hören, und dieser Streit war der Tropfen, der bei dem Claudier das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Tiberius packte seine Sachen zusammen und reiste ins Winterlager ab.
Dass Vipsania darauf bestanden hatte mitzukommen, machte Tiberius glücklich. Mochten die anderen doch um den Princeps herumscharwenzeln – er würde mit seiner geliebten Frau im Winterlager sein und von allen Schleimern verschont bleiben.
Es war März und der Winter neigte sich dem Ende zu. Der Schnee begann bereits zu schmelzen und das Treibeis auf dem Rhenus war verschwunden. Tiberius betrat das große Arbeitszimmer. Dort warteten schon die höchsten Offiziere der Legion. Varus, der Legat der Augusta, und die Lagerpräfekten saßen am Tisch. Die Primipili hatten an der Seite Aufstellung genommen und standen dort wie Denkmäler. Mit Ausnahme der beiden senatorischen Tribune Quirinius und Gallus hielten sich die anderen Tribune im Hintergrund. Sie würden sich nur zu Wort melden, wenn ihnen besondere Aufgaben übertragen werden würden.
Es gab nur wenige Punkte auf Tiberius’ Liste, die besprochen werden sollten, aber die waren wichtig.
Zuerst berichteten die Primipili über den Ausbildungsstand in beiden Legionen und in den Hilfstruppen. Nach ihrer Aussage war dieser zufriedenstellend, beide Legionen waren einsatzbereit. Tiberius fragte sich im Stillen, ob ein Centurio einen Ausbildungsstand jemals besser als zufriedenstellend nennen würde. Würde er den Tag erleben, an dem ein Centurio die Leistung eines Legionärs als „gut“ oder gar „sehr gut“ bezeichnete?
Danach erstatteten die Präfekten Bericht. Die Abgelegenheit Basilias machte die Beschaffung von Vorräten nicht leicht. Getreide, Speck, Dörrfleisch, Gemüse und Wein waren in ausreichender Menge vorhanden, aber man hätte sich noch eine größere Reserve gewünscht. Mitte April erwartete man noch Lieferungen aus den Depots von Lugdunum. Insgesamt war die Versorgungslage der Legion ebenfalls zufriedenstellend. An dieser Stelle hielt Galarius in seinem Vortrag erstaunt inne und betrachtete seinen Feldherrn, der aus einem unerfindlichen Grund plötzlich einen Heiterkeitsausbruch hatte. Auch die anderen sahen Tiberius erstaunt an, dieser gab aber keine Erklärung, sondern winkte Galarius nur zu, mit seinem Bericht fortzufahren. Katapulte und Ballisten waren, zerlegt und transportfertig, in größerer Stückzahl parat.
Schließlich ging es noch um die Verteilung der Hilfstruppen. Ein letztes Mal wurden die Aufstellungen durchgesehen, das Für und Wider abgewogen. Am Ende beschloss man aber, die bereits im vergangenen Herbst getroffene Entscheidung beizubehalten.
Bis auf die Ala Atectorgian und die Ala Gallorum würden alle vier anderen Reiterverbände mit der Gallica ziehen. Dafür würden der Augusta die cohortes allobroges und helvetes zugeteilt werden. Da sie tiefer in die Berge eindringen sollten, würden sie diese Kohorten notwendiger brauchen als die Gallica. Um die beiden Centurien syrischer Bogenschützen entspannte sich eine hitzige Debatte. Schließlich wurde jeder Legion eine Centurie zugeteilt.
„Wie sieht es mit den Vorbereitungen für die equirria, die Wagenrennen, aus?“, fragte Tiberius am Ende der Besprechung.
Varus zeigte auf einen der Tribune: „Quintus Poppaeus hat sich für die Augusta um alles gekümmert!“
Tiberius nickte ihm zu. „Also, berichte!“
Quintus Poppaeus Sabinus trat vor und befeuchtete sich mit der Zunge die Lippen. „Ich habe mit Sextus Picensus den Platz für das Wagenrennen ausgemessen und vorbereitet. Die Fahrer für die Streitwagen sind aus Massilia eingetroffen. Sie sind zwar erfahrene Rennfahrer, doch trainieren konnten sie bisher kaum! Aber …“
Er machte eine Pause und Tiberius runzelte die Stirn. Jupiter Optimus, musste der Tropf so herumstammeln, konnte er nicht einfach sagen, was er wollte? „Aber?“, hakte er ungeduldig nach.
Sabinus riss sich zusammen und fuhr fort: „Momentan ist der Boden noch gefroren, aber wenn es taut, wird er sich in Morast verwandeln. Es kommt einem Würfelspiel gleich, auf so einem Boden ein Rennen zu veranstalten.“
„Solange nicht alle Schiffbruch erleiden!“, warf Quirinius trocken ein. „Das fehlt uns noch, dass die Fahrer stürzen und die Legionen darin ein böses Vorzeichen sehen.“
Tiberius’ Gesicht hatte sich bei dieser Meldung verdüstert. Er hasste es, wenn nicht alles so lief, wie es sollte. Warum mussten die Dinge immer so kompliziert sein? „Und das Opfer?“, fragte er knapp. Der Tribun der Gallica, Sextus Picenus, antwortete: „Der Altar für die Opfer ist vorbereitet und die Priester haben alles Notwendige für die Waffenweihe vorbereitet.“
„Also müssen wir das Rennen unter Risiko stattfinden lassen oder es absagen“, fasste Varus pragmatisch den Stand zusammen. „Beides kann als schlechtes Omen gesehen werden!“
„Kein Rennen ist nicht so schlimm wie ein Rennen, das als böses Omen gilt!“
Tiberius hatte sich jedoch bereits zu einer Entscheidung durchgerungen: „Dann müssen die Eingeweide der Opfertiere eben besonders gut sein!“ Alle lachten, und Tiberius fuhr an Varus gewandt fort: „Ein paar Tage nach den Equirria soll die Augusta nach Vindonissa aufbrechen!“
„Vor oder nach dem Quinquatrusfest? Die Legionäre würden nur ungern die Gladiatorenkämpfe verpassen“, wandte Varus ein.