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Tiberius schüttelte den Kopf. „Nach dem Quinquatrus, denn selbstverständlich sollen die Handwerker gebührend geehrt werden. Aber Gladiatorenkämpfe wird es dieses Jahr nicht geben, schließlich sind wir nicht in Lugdunum.“

Er sah die langen Gesichter, besonders bei den Tribunen. Junge Schnösel, dachte er verächtlich. Zur Zeit der Republik wären eure Familien weder bedeutend noch reich genug gewesen, um eine munera zu veranstalten.

Tiberius winkte Canidius heran und bedeutete den anderen, einige Schritte zurückzutreten.

„Wie macht sich unser Sorgenkind?“, fragte er Candidus.

„Gut!“, erwiderte der zögernd, als müsste er erst überlegen, ob er die Wahrheit sagen sollte. „Überraschend gut! Die Nachschubfrage hat er ganz brauchbar gelöst. Es gab einige Scherereien, aber er hat seine Autorität durchgesetzt. Und bei der Ausbildung der Allobroger und hier im Winterlager hat er sich gut geschlagen!“

Tiberius sah nachdenklich aus. „Habt ein Auge auf ihn, ihr wisst, ein Feldzug ist eine gute Gelegenheit für einen Unfall!“

„Solange ich Primipilus bin, wird es keinen Unfall geben!“, erklärte Canidius gewichtig.

Lucius freute sich auf die Feierlichkeiten, da es eine Waffenweihe in Arausio wegen der fehlenden Garnison nicht gab. Als dann die Zeremonie begann, machte sich bei ihm Ernüchterung breit. Die Waffenweihe war sehr feierlich und äußerst langatmig. Lucius verstand von dem Sing-sang der Priester kein Wort, da das Latein so uralt war, dass er sich fragte, ob die Priester die Beschwörungsformeln überhaupt selbst verstanden. Es würde ihn nicht wundern, wenn nicht, da sich wahrscheinlich der Wortlaut seit Romulus nicht mehr geändert hatte. Das kurz darauf folgende Quinquatrusfest hatte er natürlich schon viele Male gefeiert. Ein Fest zu Ehren der Handwerker und Lehrer. Nur schade, dass die Gladiatorenkämpfe ausfielen!

Die Schneeschmelze und das Tauwetter hatten das Gelände außerhalb des Lagers in einen Morast verwandelt. Die Stimmung in beiden Legionen war nach den Feierlichkeiten ausgezeichnet und alle erwarteten begierig den Beginn des Feldzuges gegen die Raeter und Vindelicer. Die Legionäre versprachen sich davon Ruhm und Reichtum, wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

Einen Monat nach dem Quinquatrusfest erhielt die Augusta ihren Marschbefehl. Innerhalb von zwei Tagen machte sie sich marschbereit. Die Kohorten bekamen Rationen für eine Woche zugeteilt, die sie auf ihren Maultieren transportieren sollten. Jedes Contubernium hatte ein Maultier für das schwere Gepäck, das Zelt, Schanzwerkzeug, die Mühle, die pila muralia und die Zusatzverpflegung. Der Hauptanteil der Vorräte wurde auf Wagen transportiert. Die Geschütze, die Ballisten und Katapulte wurden gleichfalls auf Wagen verladen.

Lucius fühlte sich in diesen zwei Tagen wie im Traum. Er überwachte die Vorbereitungen seiner Einheit, aber alles kam ihm unwirklich vor. Er hatte mit dem Waffenmeister gesprochen, der sicherheitshalber die Kettenhemden der Legionäre kontrollieren und, wo es nötig war, den Männern bei der Ausbesserung zur Hand gehen sollte. Er selbst sah die Proviantlisten durch, konnte sich aber nicht darauf konzentrieren. Am liebsten wäre er in seinem Quartier auf- und abgelaufen, aber dafür war es zu klein. Jetzt wurde es also ernst. Er dachte an die bevorstehenden Aufgaben, die Verantwortung für das Leben seiner Männer, die Kämpfe, die Möglichkeit, Ruhm und Ehre zu erringen oder zu sterben. Er bekam plötzlich einen trockenen Mund und seine Hände waren schweißnass. Seine Gedanken wurden abrupt unterbrochen, als plötzlich der Vorhang zurückgeworfen wurde und Valens erschien. Lucius seufzte innerlich. Der schon wieder! So oft, wie Valens sich bei der 8. Kohorte herumtrieb, musste seine eigene Centurie eigentlich total vernachlässigt sein. Oder auch nicht! Wahrscheinlich wagten die Legionäre in Valens’ Abwesenheit noch nicht einmal, auf die Latrine zu gehen oder einen Furz zu lassen.

Valens war grußlos in die Hütte gepoltert, stand jetzt da und schüttelte sich aus. Die Wassertropfen spritzten nur so durchs Zimmer und es zischte vernehmlich, als sie das Kohlenbecken trafen. Valens zog den Mantel aus und warf ihn achtlos auf den Tisch. Dann ließ er sich auf den Stuhl fallen und griff nach einem Trinkbecher.

„Hast du Wein da, Marcellus?“, waren die ersten Worte, die er sprach. Lucius nickte und holte den Weinschlauch herbei.

„Was kann ich für dich tun?“, fragte Lucius.

„Nichts, nichts!“, brummte Valens. „Ist nur so. Du hast dich ganz manierlich angestellt bei der Ausbildung, ganz manierlich. Nur der Sinn einiger Befehle scheint dir nicht ganz klar zu sein.“ Lucius füllte zwei Becher. „Sinn einer Ausbildung ist nicht nur, dass die Legionäre ihr Handwerk beherrschen, sondern auch, dass sie blind ihren Befehlen gehorchen. Deswegen ist die disciplina so wichtig.“

Lucius nickte zustimmend. „Aber zwischen Ausbilden und Schikane ist doch ein Unterschied, oder?“

Valens sah ihn verständnislos an: „Was soll das sein, Schikane?“

„Wenn du Befehle gibst, die nicht sein müssen. Wenn du einen Rekruten immer wieder die gleiche Sache tun lässt, obwohl er sie schon beim ersten Mal richtig gemacht hat.“

Der primi ordinis schüttelte über so viel Unverständnis den Kopf. Plötzlich brüllte er Lucius an: „RUNTER AUF DEN BODEN! SOFORT!“

Lucius sah ihn erstaunt an und blieb auf seinem Stuhl sitzen. „Warum?“

„Siehst du, das ist Sinn und Zweck der disciplina. Wenn ich auf dem Schlachtfeld befehle ‚Runter!’ und du fragst ‚Warum?’, bist du wahrscheinlich am Ende der Frage tot.“

„Wir sind aber nicht auf dem Schlachtfeld!“, wagte Lucius einen Einwand. „Dort hätte ich dem Befehl sofort Folge geleistet.“

„Aha, und in welchen Situationen entscheidest du, ob du fragst oder ausführst?“, wollte der Ältere wissen. „Hier fragst du, auf dem Schlachtfeld führst du aus. Was machst du im Lager, auf dem Wall oder auf dem Marsch? Wirfst du eine Münze?“

Lucius merkte, wie er rot wurde. Valens hatte nicht unrecht.

„Frage nie, führe den Befehl immer aus, egal, wie unsinnig er zu sein scheint. Wenn ich einen Rekruten eine völlig unsinnige Tätigkeit so oft tun lasse, bis er sie im Schlaf beherrscht, wird er auch in Krisensituationen meinem Befehl blind gehorchen. Wenn ich sage: ‚Bau Türme!’, baut er Türme, wenn ich sage: ‚Schanze!’, schanzt er, wenn ich sage: ‚Komm!’, dann kommt er und wenn ich sage: ‚Geh!’, dann geht er.“ Valens machte eine Pause, dann bellte er: „RUNTER AUF DEN BODEN! SOFORT!“

Lucius warf sich auf den Boden. Valens grinste hämisch und sagte, bevor er den Raum verließ: „Du musst noch viel lernen!“

Gedemütigt sah Lucius ihm nach, erst, als der Vorhang sich hinter Valens geschlossen hatte, stand er langsam auf.

Am Abend vor dem Aufbruch rief der Legat alle Centurionen zu einer Besprechung zusammen. Die sechzig Centurionen der Augusta sowie ihre Kameraden von den Auxiliarkohorten und Reiteralen versammelten sich auf dem Forum des Legionslagers. Dort war auf einer großen Zeltplane eine Karte aufgezeichnet. Lucius erkannte den Lacus Venetus und das Gebiet der vielen Seen. Nach einer kurzen Begrüßung kam Varus sofort zur Sache.

„Der Feldzug gegen die Raeter und Vindelicer beginnt. Ich habe euch zusammengerufen, um mit euch die Einzelheiten unseres Vormarsches zu besprechen. Nur wenn jeder den Gesamtplan kennt, weiß er, wie er reagieren muss, um den Erfolg sicherzustellen. Der Sieg liebt die Sorgfalt!“ Er zeigte mit einem Speerschaft auf das Gebiet südlich des Lacus Venetus. „Hier leben die Briganten!“ Der Stock wanderte über die Karte nach Osten. „Die Caluconen haben den Rhenus überschritten und siedeln bis in das Gebiet der vielen Seen. Da auch Helveter dort leben, ist Vorsicht geboten, damit es nicht zu Kampfhandlungen gegen unsere Verbündeten kommt.“ Der Stock wanderte nach Osten. „Hier im Osten leben ausschließlich Caluconen und im Süden die Suaneten. Beide Stämme sind Feinde Roms, treibt sie über den Rhenus und den Rhodanus zurück und der IX Hispania entgegen!“ Sein Stock berührte eine Stelle auf der Karte, die jenseits des Rhenus lag. „Hier liegt ein Oppidum mit dem Namen Curia. Hier werden die Kelten ihr Heer versammeln, um ihren Hauptort zu schützen. Vorher wird uns kein großes Heer von Kelten gegenüberstehen, aber wir müssen jederzeit mit Überfällen aus dem Hinterhalt rechnen. Bereitet eure Männer entsprechend vor! Mars wird uns den Sieg schenken!“