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Varus beendete seine Ansprache und die Centurionen stießen Rufe der Zustimmung aus. Erregtes Stimmengewirr erfüllte das Forum und die Männer kehrten zu ihren Einheiten zurück.

Als am nächsten Morgen die Trompeter zum Wecken bliesen, lag Lucius schon eine ganze Weile wach. Er war viel zu aufgeregt, um schlafen zu können. Bevor noch der letzte Trompetenstoß verklungen war, war er bereits aufgesprungen und hatte seine Tunica gegürtet. Er brachte kaum einen Bissen von den Resten des Brotes und des Moretums herunter. Er warf das angebissene Stück Brot auf den Teller zurück und begann seine Waffen anzulegen. Dabei hatte er das Gefühl, diese Handgriffe zum ersten Mal bewusst zu tun. Die dicke, rote Wolltunica überziehen, die ein wenig kratzig war, die caligae, die genagelten Sandalen des Legionärs, besonders sorgfältig schnüren. Er erinnerte sich an das erste Mal, als er dieses Soldatenschuhwerk getragen hatte. Damals hatte er sie zu locker geschnürt und dauernd Steine unter dem Fuß gehabt. Ajax, der mittlerweile eingetroffen war, half ihm beim Anlegen des Kettenhemdes. Er schnallte seinen mit Nieten besetzten Gürtel um und befestigte links den Dolch. Dann hängte er sich sein Schwert um, so dass es rechts an der Hüfte hing. Die Beinschienen ließ er weg. Sie waren mehr ein Zeichen seines Ranges als ein Schutz und beim Marsch im Gelände oder beim Klettern im Gebirge äußerst hinderlich und unbequem. Ajax reichte ihm seinen Helm und seinen Mantel. Den Helm stellte er zunächst auf den Tisch und warf sich den Mantel über, den er mit einer Spange befestigte.

Das Scutum, der große Legionärsschild, blieb eingepackt, da bis Vindonissa und Turicum nicht mit Kampfhandlungen zu rechnen war und der Schild in seiner Lederhülle vor Feuchtigkeit geschützt war. Er überlegte, ob er etwas vergessen hatte. Schließlich befahl er Ajax, den Rest seiner Ausrüstung einzupacken und auf sein Maultier zu verladen. Er klemmte sich den Helm unter den Arm und verließ sein Zimmer, um sich bei Hilarius zu melden. Überall im Lager rumorte es. Legionäre räumten ihre Unterkünfte und verluden ihre Habseligkeiten auf die Maultiere.

VAE • VICTIS!

Eine Auxiliareinheit marschierte in lockerer Formation zur Aufklärung voraus. Dahinter folgte eine Legionskohorte als Vorhut. An der Spitze der Kolonne marschierten die Legionäre mit den Werkzeugen zum Lagerbau und die Pioniere, damit sie schnell bei notwendigen Arbeiten zur Hand waren. In der Mitte des Zuges ritt der Legat mit seiner Prätorianerwache, den hundertzwanzig Legionsreitern und der 1. Kohorte mit dem Geschützpark. Hinter den Wagen mit den Geschützen folgten die restlichen Kohorten mit den Versorgungswagen. Flankiert wurden sie von weiteren Auxiliareinheiten. Die restlichen Auxiliareinheiten bildeten den Abschluss der Kolonne. Ihnen folgte eine Legionskohorte als Nachhut. Eine fünf Meilen lange Kolonne wand sich so die Straße von Basilia nach Vindonissa entlang. Hinter Vindonissa teilte sich die Legion auf, so wie Varus es angekündigt hatte.

Pergite! Vorwärts, Marsch!“ wurde in den nächsten Tagen der meistgehörte und manchmal auch meistgehasste Befehl. Stur und stumpf marschierte die Legion los. Die Männer in den Kolonnen atmeten den aufgewirbelten Staub ein und mussten aufpassen, nicht in die Ausscheidungen der Maultiere zu treten. Ab und zu stockte die Kolonne und kam zum Stehen. Dann standen die Männer geduldig in der Sonne und warteten, bis es weiterging. Sie tauschten Mutmaßungen aus, wer oder was für die Unterbrechung verantwortlich sein könnte, und warfen einander Scherzworte zu. Alle schienen gelassen zu sein, nur Lucius horchte und lauerte auf das Signaclass="underline" „Ad arma! Zu den Waffen!“ Aber nach einer Weile folgte nur wieder der Ruf: „Pergite!“, und die Männer setzten sich erneut in Bewegung. Sie pfiffen und sangen Lieder. Doch als sie den ersten Wald durchquerten, wurden sie merklich still.

Der Staub ließ nach, aber dafür schienen die Bäume bedrohlich und einengend. Die Legionäre warfen besorgte Blicke über die Schulter auf den dunklen, schweigenden Wald. Wenn es im Unterholz raschelte oder ein Ast knarrte, zuckten nicht nur die jungen Rekruten zusammen.

Auch Lucius’ Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Um sich zu beruhigen, nutzte er die Möglichkeit eines Centurios, neben der Kolonne auf und ab zu gehen, wodurch er einen besseren Überblick hatte als seine Männer. Nicht, dass es etwas zu sehen gab. Der Wald war außerhalb des Weges scheinbar undurchdringlich.

Alle atmeten erleichtert auf, als sie ihn hinter sich hatten und auf freiem Feld ihr Lager aufschlagen konnten.

„Hast du gehört, Marcellus?“, fragte Drusillus an diesem Abend. „Einer unserer Kundschafter ist heute fast von Varus’ prätorianischer Wache erschlagen worden. Der Trottel brach neben dem Legaten plötzlich aus dem Unterholz, um Meldung zu machen. Die Pferde scheuten, die Männer gerieten in Panik und Varus bekam fast einen Herzschlag!“ Er machte eine Pause und fuhr dann fort: „Wenigstens weiß der Legat jetzt, wie es den einfachen Milites hier in diesem Wald ergeht!“

„Ja, ja.“ Lucius versuchte sich an ein Zitat von Plautus zu erinnern. Er hatte es immer schon einmal unbedingt anbringen wollen.

„Ach ja! Die Infanterie, arme Schlucker!“, deklamierte er stolz.

Drusillus sah ihn verständnislos an und ging dann kopfschüttelnd weiter.

„Wenigstens bin ich nicht der Einzige, dem dieser Wald Angst macht!“ Lucius sah seinem Stellvertreter nachdenklich hinterher.

Pergite!“ Am nächsten Morgen setzte sich die Legion wieder in Bewegung und der Weg führte sie bald in den nächsten Wald hinein. Obwohl der Primipilus versichert hatte, dass die Umgebung ausgekundschaftet würde und die Hilfstruppen die Flanke sicherten, befiel die Männer erneut Beklemmung. Sie stammten aus Norditalien und Südgallien, wo die Landschaften offen und die Wälder licht- und sonnendurchflutet waren. Diese finsteren und dunklen Wälder machten ihnen Angst, selbst denen, die schon seit Jahren mit den Adlern in Gallien standen. Canidius befahl den Legionären kurzerhand, zu singen.

„Dann kam der Tag, da kehrte ich zurück zu ihr,

sie trug für mich die Schleife und ich wusste, ich bleib’ hier.

Und als dann die Legionen weiterzogen,

als sie weiterzogen, da war das nicht mit mir.

NICHT MIT MIR, als die Legionen weiterzogen

da war das nicht mit mir.“

„Wir müssen etwas gegen die Angst der Männer vor dem Wald unternehmen!“, entschied Varus bei der Abendbesprechung. „Hier ist weit und breit mit keinem Feind zu rechnen, aber die Männer werden immer verzagter!“

„Wenn sie einen Feind vor sich sähen und ihn bekämpfen könnten, würden sie anders reagieren!“, stimmte Canidius dem Legaten mit angestrengter Stimme zu.

„Geht es dir nicht gut, Primipilus?“, fragte Varus, dem das Aussehen seines obersten Centurios überhaupt nicht gefiel. Bleich, mit einem Stich Grün im Gesicht stand er an den Tisch geklammert.

„Hab’ was Schlechtes gegessen!“, nuschelte der Centurio undeutlich.