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„Mein Arzt soll dir ein Abführmittel geben!“, wies Varus an und wandte sich dann wieder seinen anderen Offizieren zu.

„Wir sollten einzelne Centurien mit den Auxilia losschicken, einfach, damit die Männer sich an das Gelände gewöhnen können.“

„Du willst die Legion zersplittern?“, fragte Quirinius entsetzt. „Legionäre werden immer nur im geschlossenen Verband eingesetzt!“

Varus winkte ab: „Es ist mit keiner richtigen Schlacht zu rechnen, nur mit kleinen Scharmützeln, wenn überhaupt, und die Männer brauchen Kampferfahrung, sowohl im Verband als auch in diesem Gelände. Die bekommen sie nicht, wenn sie den ganzen Tag nur in der Gegend herumstiefeln!“

Bis jetzt unterschied sich der Krieg in keinster Weise von den Übungsmärschen, die Lucius während seiner Ausbildung absolviert hatte. Marschieren, Lagerbau, marschieren, Lagerbau. Nur dass die Kampfbereitschaft diesmal keine reine Übung war und die Allobroger sie begleiteten.

Lucius hatte sich gefreut, Ambiorix wiederzusehen. Die langen Märsche boten immer wieder Gelegenheit zu Gesprächen, bei denen der junge Centurio und der allobrogische Häuptling sich austauschen konnten. Ambiorix war nur zehn Jahre älter als Lucius, aber ein erfahrener Kämpfer, der bereits die Feldzüge gegen die Kantabrer und die Salasser mitgemacht hatte. Während Agrippas zweiter Statthalterschaft in Gallien hatte er außerdem an einigen kleinen Feldzügen, die mehr Machtdemonstrationen als schwere Gefechte waren, teilgenommen. Er war mit dem Leben eines Kriegers vertraut, seit er in jugendlichem Alter Waffenträger seines Bruders gewesen war. Ambiorix hatte Lucius die Handhabung der keltischen Speere erläutert: Die Kelten benutzten keine schweren Wurfspeere oder Lanzen, sondern leichte Speere zum Werfen und kurze zum Stoßen. Seiner Meinung nach waren diese besser geeignet als die römischen Pila. Sie würden durch Wälder ziehen oder im Gebirge umherklettern. Wozu bräuchten sie da Speere, mit denen man fünfzig Doppelschritte weit werfen konnte? Sie seien nur eine unnötige Belastung und viel zu sperrig.

Lucius erzählte Ambiorix von seinen Ausbildungsmärschen. Wie oft hatten die Rekruten heimlich das Marschgepäck erleichtert! Sie hatten den Sand, der das Gewicht des Getreides ersetzte, weggeschüttet, sogar die Trinkflaschen geleert und alle Möglichkeiten genutzt, um ein bisschen Erleichterung und Gewichtsreduzierung zu bekommen. Dies musste während des Feldzuges unter allen Umständen vermieden werden, versuchte er Ambiorix einzuschärfen. Der ließ die Ausführungen stoisch über sich ergehen. Dann und wann zuckte es in seinem Gesicht, als ob er ein Lachen unterdrücken würde. Lucius blickte in die grauen Augen des Kelten und sah dessen Belustigung. Er musste sich selbst ein Lächeln verkneifen: „Ich weiß, ich rede wie ein ängstliches Weib und versuche einen erfahrenen Veteranen vieler Feldzüge zu belehren, aber es ist mein erstes Kommando und daher meine Aufgabe, mich um so etwas zu kümmern!“

Ambiorix lachte und schüttelte den Kopf. „Ah, Centurio Marcellus!“ Lucius genoss die förmliche Anrede. „In der Tat, du versuchst einem alten Krieger sein Handwerk zu erklären. Aber das macht nichts. Vorsicht ist der bessere Teil der Tapferkeit, wie mein Vater immer zu sagen pflegte.“

Lucius nickte zustimmend: „Bei uns sagt man: ‚Der Sieg liebt die Sorgfalt!’“

Ambiorix grinste Lucius an: „Nur dass wir Kelten nicht vorsichtig sind und ihr Römer sehr sorgfältig seid!“

„Deswegen sind wir die Herren der Welt und nicht ihr!“, platzte Lucius heraus.

Civis Romanus sum!“, sagte Ambiorix und zitierte damit die Formel, die jeden Römer schützte. „Ich bin ein Bürger Roms! So haben die Götter die Welt gemacht! Gaius Julius Ambiorix steht dir zu Diensten!“

Lucius war Ambiorix für seine Ruhe und Gelassenheit dankbar. Er würde ihm eine wertvolle Hilfe sein. Doch auch die Unerschütterlichkeit des Häuptlings konnte seine eigene Nervosität nicht lindern.

In loser Formation durchstreiften die Allobroger vor ihnen die Wälder und Gehölze längs des Vormarschweges. Lucius stand unter höchster Spannung. Er hatte noch die Worte des Legaten im Ohr, dass hier kaum mit Feinden zu rechnen war, und er wusste, dass links und rechts von ihm Verbündete waren, aber dies beruhigte seine Nerven keineswegs. Hatten nicht die großen Geschichtsschreiber mehr als einmal über die verheerenden Folgen schlechter Aufklärung berichtet?

Er lag fast jede Nacht wach, weil die Anspannung ihn nicht schlafen ließ. Am nächsten Morgen fühlte er sich wie gerädert, aber auch in der darauffolgenden Nacht inspizierte er wiederholt die Wachen und zog sich nur kurz zurück, um zu schlafen, was ihm nicht besonders gut gelang.

Mit flauem Gefühl im Magen führte er am nächsten Morgen wieder seine Centurie an. Er beobachtete mit Argusaugen die Umgebung. Als sie einen Wald durchkämmten, zuckte er beim kleinsten Geräusch zusammen und griff mehr als einmal nach seinem Schwert. Diese Nervosität übertrug sich nach und nach auf seine Männer, denen die Anspannung ihres Centurios selbstverständlich nicht entging.

Mittags rasteten sie kurz. Lucius kontrollierte die Wachposten und kehrte dann zu den Männern zurück. Er beachtete die Mahlzeit nicht, die Ajax für ihn bereitgestellt hatte, sondern trank nur einen Schluck aus seiner Feldflasche. Dabei kratzte er sich an seinem langsam wachsenden Bart. Drusillus trat zu Lucius, der angespannt die Gegend beobachtete.

„Centurio. Ich weiß, dass dies dein erster Feldzug ist. Ich beobachte schon seit Tagen deine Anspannung! Das führt zu nichts. Entspann dich!“

„Du hast gut reden.“ Er zeigte auf die umliegenden Wälder und Höhen. „Überall hier können unsichtbare Feinde lauern. Das zehrt an den Nerven. Wir könnten jederzeit angegriffen werden.“

Drusillus lächelte. „Ich als erfahrener Soldat kann dir versichern, dass die meiste Zeit im Krieg nichts passiert. Es wird viel geredet und gewartet. Es gibt vielleicht mal einen kleinen Überfall, aber große Schlachten sind die Ausnahme. Und hier überfallen werden? Wenn du alleine unterwegs wärst oder mit einem Händlerzug, könnte dir das passieren. Aber um eine Hundertschaft zu überfallen, musst du selbst eine Hundertschaft haben. Was meinst du, was es für ein Getöse gibt, wenn hundert Mann versuchen, durch den Wald zu schleichen? Und selbst wenn sie sich lautlos bewegen könnten, fallen sie auf – und ich meine nicht nur unseren Spähern, sondern auch den Tieren. Schau dir den Himmel über einem Wald an! Wenn du Vögel entdeckst, hat etwas sie aufgeschreckt. Also, wenn der Feind nicht direkt vom Himmel fällt, kann er uns nicht überraschen! Deine Nervosität gibt den Männern ein schlechtes Beispiel. Legionäre ziehen ihre Kraft aus der Stärke ihrer Anführer, und du bist offensichtlich nervös und angespannt.“

Wahrscheinlich hatte Drusillus recht. Er musste den Männern ein gutes Beispiel geben. Dies war leichter gesagt als getan. Wie spielte man den ruhigen, gelassenen Anführer, wenn einem Furcht und böse Vorahnungen den Magen zuschnürten? Lucius setzte sich ins Gras und nahm den Helm ab. Er versuchte, sich zu entspannen. Dies gelang ihm aber nur äußerlich. Er zeigte den Männern ein Lächeln und wechselte einige Scherzworte mit ihnen. Dann trank er einen Becher unverdünnten Wein, um seine Nerven zu beruhigen. Diesem einen Becher folgte noch ein weiterer und er spürte, wie ihn eine angenehme Wärme durchflutete und sich ein leichter Schleier über seine Sinne legte.

Dies half ihm am Nachmittag, seinen Aufgaben gelassener nachzugehen, da er seine Umwelt ein wenig entrückt wahrnahm. In der Nacht konnte er das erste Mal durchschlafen. Am nächsten Morgen trank er zum Frühstück wieder zwei Becher Wein, um seiner Nervosität Herr zu werden. Er nahm sich fest vor, dies nicht zur Gewohnheit werden zu lassen, da er bei Feindberührung schließlich einen klaren Kopf brauchen würde. Aber für ein paar Tage nur konnte es ja nicht schaden. Bis jetzt war seine Einheit noch auf keinen Feind gestoßen, ja, sie hatten überhaupt noch keine Menschenseele getroffen. Die helvetische Einöde machte ihrem Namen alle Ehre. Nur ab und zu sahen sie Rauchwolken aufsteigen, vielleicht von niedergebrannten Höfen oder Scheunen.