Die XVI Legion Gallica brach einige Tage nach der Augusta von Basilia auf. Sie zog den Rhenus entlang und erreichte nach fünf Tagen den Lacus Venetus. Hier begannen die Legionäre mit dem Bau von Schiffen. Sie verwendeten dabei das Holz und die Bretter, die sie selbst im Vorjahr vorbereitet hatten. Die Offiziere der Gallica hatten sich verwundert über diese ihrer Meinung nach unnütze Tätigkeit geäußert, aber Tiberius hatte ihnen nur mitgeteilt, dass ein Legionär alles können musste – und das zu jeder Zeit.
Während der Bauzeit machte Tiberius mit drei Kohorten und drei Alen einen Streifzug zu den Quellen des Danuvius und organisierte den Nachschub bei den Latrobigen. Innerhalb von sechzehn Tagen bauten die restlichen Legionäre eine Flotte von naves actuariae für den Truppentransport. Diese Moneren waren groß genug, eine Centurie zu befördern, und mit ihrem flachen Kiel bestens geeignet, Truppen in flachem Wasser anzulanden. Einen Tag später schon wurden die Legionäre eingeschifft und verließen den kleinen Seitenarm des Lacus Venetus, der als Hafen gedient hatte. Ein Teil der Schiffe steuerte das Südufer des Sees an, die restlichen ruderten zum Nordufer. Auf dem Landweg wurden sie von Reitertrupps begleitet.
Die Strategie war einfach: Die Alen schreckten die am See lebenden Briganten auf, die sich vor ihnen zurückzogen. Dann landete eine Gruppe Legionäre in ihrem Rücken und griff sie an.
Rings um den See gerieten die Briganten in Aufregung. Viele flohen zum östlichen Ufer, wo Brigantium, ihre größte Siedlung, schwer zugänglich inmitten einer ausgedehnten Sumpflandschaft lag. Hier verschanzten sich die Kelten und hofften darauf, dass die Römer weiterzogen. Eine Ansammlung von Fischerbooten, mit Kriegern bemannt, sicherte Brigantium von der Seeseite her. Die Legionäre begannen Lager rund um das Feuchtgebiet anzulegen, um die Briganten vom Hinterland abzuschneiden. Die römischen Späher kundschafteten gangbare Wege aus, die durch Knüppeldämme gesichert und dann durch Wälle versperrt wurden. Nach drei Tagen emsiger Arbeit, unterbrochen nur durch gelegentliche Spähtrupps, waren die Lager und die wichtigsten Befestigungsanlagen fertiggestellt. Am Morgen des vierten Tages steuerte, durch Rauchzeichen verständigt, die römische Flottille direkt das Oppidum Brigantium an.
Die Katapulte und Ballisten waren an Bord der Schiffe aufgestellt und nahmen jetzt von der Seeseite her die Fischerboote und das Ufer unter Beschuss. Die Vindelicer sahen erstaunt zu, wie zehn Schiffe Kurs auf die Fischerboote nahmen, die den Nordteil des Ufers sicherten. Die Moneren rammten die Fischerboote, die viel zu schwach gebaut waren, um einer solchen Attacke zu widerstehen. Die Briganten stürzten ins Wasser und versuchten sich schwimmend ans Ufer zu retten. So erreichten die Moneren schnell das Ufer und eine Kohorte Legionäre, unterstützt von helvetischen Hilfstruppen, watete an Land. Während die Helveter das Ufer sicherten, begannen die Legionäre unverzüglich damit, ein Lager zu errichten. Die Briganten versuchten, sie vom Ufer zu vertreiben, aber jetzt setzte sich die restliche römische Flotte wieder in Bewegung und griff die übrigen brigantischen Boote an. Die Luft war erfüllt vom Krachen der Schiffsrümpfe, vom Bersten und Zersplittern des Holzes, von den Schreien der Männer und dem Geklirr der Waffen. Römische Posaunen trompeteten ihre Befehle heraus, die keltischen Luren spornten die Krieger an.
Zwei weitere Kohorten der Legionäre wateten an Land. Sie drängten die Briganten nach kurzem, heftigem Kampf vom Ufer zurück. Diese flohen ins Oppidum.
Nach kurzer Beratschlagung entschieden die Häuptlinge, aus der Stadt zu fliehen. Ein Stoßtrupp sollte einen Scheinangriff nach Süden unternehmen, während zwei weitere versuchen sollten, nach Osten durchzubrechen. Dann sollten die Frauen und Kinder mit den restlichen Kriegern folgen.
Der brigantische Vorstoß nach Süden wurde ein Misserfolg, da das sumpfige Gelände ihre Bewegungen behinderte und die zwei römischen Kohorten, die den Südrand sicherten, sich in aller Ruhe zum Empfang bereitstellen konnten. Die gallischen Auxilia überschütteten die Angreifer mit Wurfspeeren und Pfeilen und trieben sie wieder in den Sumpf zurück.
Auch den anderen beiden Stoßtrupps war nicht mehr Glück beschieden. Ruhig wie bei einem Manöver dirigierte Tiberius die Kohorten und schlug die Briganten überall zurück.
Als sie am Abend ins Oppidum zurückkehrten, mussten die Briganten feststellen, dass die am Ufer gelandeten Legionäre den Tag genutzt hatten, um die Moneren am Ufer fest zu vertäuen und durch Wall und Graben zu sichern. Flankiert wurde das Ganze im Süden durch ein weiteres befestigtes Lager, so dass jetzt drei Kohorten Legionäre mit ihren Hilfstruppen bereit waren, am nächsten Tag den Ort zu stürmen. Die Geschütze an Bord der Schiffe würden diesen Angriff unterstützen.
Dergestalt eingeschlossen, entschieden sich die Briganten, einen Unterhändler zu Tiberius zu schicken, um seine Bedingungen zu erfahren. Tiberius forderte sie auf, ihre Waffen abzugeben, und erlaubte dann den Männern, mit ihren Familien nach Hause zu gehen. Die Häuptlinge und ihre Söhne blieben zunächst als Gäste bei den Römern, bis am Ende des Sommers ein endgültiger Vertrag zwischen dem Imperium und ihrem Volk geschlossen würde.
Tiberius gönnte den Männern einen Tag Pause. Als er zwei Tage später aufbrach, ließ er eine Legionskohorte und zwei Kohorten der Hilfstruppen zurück, die sich unverzüglich daran machten, die Wege durch das sumpfige Gelände zu befestigen und Vorratsspeicher anzulegen. Die Versorgung der beiden Legionen, so hatte Tiberius angeordnet, sollte jetzt auf dem Wasserweg über den Lacus Venetus und den Rhenus erfolgen.
Späher hatten feindliche Krieger ausgemacht, die sich in den Wäldern versteckt hielten. Lucius war immer noch angespannt, aber diesmal berechtigterweise, so sagte er sich.
Tribun Sabinus kommandierte die 8. Kohorte mit den allobrogischen Hilfstruppen und befahl der zweiten Centurie der Hastaten, die Vorhut der Allobroger zu verstärken. Nun durchstreiften achtzig Legionäre und fünfzig Kelten ein Waldstück, in dem sich Feinde versteckt halten sollten. Hilarius hatte Lucius vor dem Aufbruch eingeschärft aufzupassen, dass der Jagdtrieb nicht mit den Kelten durchging. Sie gehörten einer Kriegerkultur an, in der es als feige galt, einem Kampf auszuweichen. Dadurch waren sie leicht zu unüberlegten Handlungen zu provozieren.
Tatsächlich gab es an diesem Tag den ersten Kampf für seine Männer, als sie eine Gruppe Kelten aufstöberten, die im Unterholz versteckt lagerte. Seine helvetischen Späher identifizierten sie auf Grund der Stammeszeichnungen und von Farbe und Muster ihrer Mäntel als Caluconen. Es gab nur ein kurzes Scharmützel, dann zogen es die Gallier vor, im Wald zu verschwinden. Lucius dachte an Hilarius’ Warnung und ließ die Signalhörner blasen, um die Männer zurückzurufen, als sie sich anschickten, die Verfolgung aufzunehmen.
Sein Mund war ganz ausgetrocknet. Seine Einheit hatte zum ersten Mal gekämpft. Der Feldzug war Ernst, keine Übung. Es ging um Leben und Tod.
Im Laufe der nächsten Tage stöberten seine Männer immer wieder Gruppen caluconischer Krieger auf. Diese Gruppen waren nie größer als drei oder vier Contubernia, also keine ernst zu nehmende Gefahr für die Centurie und erst recht keine für die Kohorte. Es gab einige kleinere Scharmützel, bei denen es auf beiden Seiten aber nur wenige Tote und Verletzte gab. Die Barbaren zogen es vor, sich nicht auf lange Kampfhandlungen einzulassen. Wenn sie aufgestöbert wurden, gab es ein paar Pfeilwechsel und Speerwürfe, meistens zur Deckung des Rückzugs, und schon waren die Kelten wieder im Unterholz verschwunden. Die Männer waren durch diese kleinen, gefahrlosen Siege in bester Stimmung. Das Einzige, was Sabinus ärgerte, war, dass die Wälder ihren Vormarsch immer wieder verzögerten: Sie mussten jedes Gehölz erst einmal durchsuchen, bevor die Kohorten es passieren konnten. Keine Kriegertruppe, egal, wie klein sie war, durfte in ihrem Rücken zurückbleiben. Die Nachschubwege mussten offen gehalten werden.